Wege aus der Vereinnahmung eines Instruments

Ein Plädoyer für ein „thinking outside the (sacred) box“ in der Orgelpädagogik


(nmz) -
Die Geschichte der Orgel ist eine Geschichte der Instrumentalisierung: Ursprünglich Statussymbol und Ausdruck der Macht antiker Kaiser, eingesetzt bei Hofzeremoniellen, Gladiatorenkämpfen und Hinrichtungen, wurden die repräsentativen Vorzüge des bis dahin weltlichen Instruments im Mittelalter von der Kirche für sich entdeckt. In der Folge gelang den christlichen Machthabern in unseren Breitengraden eine derartige Vereinnahmung des Instruments, dass der sakrale Stempel, der ihm anhaftet, nach wie vor weitgehend unhinterfragt bleibt: Wer an „Orgel“ denkt, schickt sich fast automatisch zum gedanklichen Kirchgang an – und findet das entweder gut oder meidet das Instrument.
Ein Artikel von Margareth Tumler

Doch es geht auch anders. Interpretinnen und Interpreten wie der junge amerikanische Virtuose Cameron Carpenter zeigen unmissverständlich, was in der Orgel als Musikinstrument fernab religiöser Instrumentalisierung steckt:1 Ihre klanglichen und spieltechnischen Möglichkeiten sind nahezu grenzenlos – werden diese kompositorisch und interpretatorisch ausgeschöpft, sind der „wondrous machine“ schier überwältigend sinnliche Töne zu entlocken. Die Nonnentracht, die man der Orgel hingegen häufig überstülpt, ist alles andere als maßgeschneidert – wer über den engen sakralen Rahmen von Geboten und Verboten hinauszudenken vermag, trifft vielmehr auf ein ungemein vielseitiges und facettenreiches Instrument, das sowohl einen positiven Stellenwert im klassischen Konzertleben als auch innovativen künstlerischen Nachwuchs verdient.

Wirft man jedoch einen Blick in die gegenwärtige Orgelpädagogik,2 zeigt sich ein sehr traditionelles Bild, in dem eine kritische Hinterfragung von althergebrachten Strukturen kaum stattfindet, sondern vielmehr instrumentalpädagogische Ansätze dem konventionellen Rahmen untergeordnet werden. Der Kirchenraum als nach wie vor überwiegender Standort der Orgel nimmt sowohl Einfluss auf die Rahmenbedingungen als auch auf die spezifisch didaktischen Aspekte des Unterrichts – und das nicht nur im konkret räumlichen Sinne, sondern auch auf einer umfassenderen geistigen Ebene.

Zuallererst zeigt sich dies an der Tatsache, dass Orgelunterricht in erster Linie von kirchlichen Institutionen und nur am Rande auch an Musikschulen angeboten wird. Dementsprechend verquickt ist das Berufsbild der Orgelpädagogin bzw. des Orgelpädagogen mit dem der Kirchenmusikerin beziehungsweise des Kirchenmusikers sowohl auf der Ebene der Berufsausübung als auch auf jener der Ausbildung: Orgelunterricht wird meist von derselben Person erteilt, die das Amt der örtlichen Kirchenmusikerin bzw. des örtlichen Kirchenmusikers innehat; dementsprechend wird das Studium der Instrumentalpädagogik mit künstlerischem Hauptfach nur selten unabhängig vom Kirchenmusikstudium gewählt.3 Von einem eigenständigen Beruf Orgelpädagogin bzw. Orgelpädagoge kann also insgesamt nicht die Rede sein.

Daraus ergibt sich eine nicht zu unterschätzende Konsequenz für die leitenden Zielvorstellungen des Orgelunterrichts: Häufig geht es in erster Linie darum, mehr oder weniger missionarisch ehren-, neben- oder hauptamtliche Kirchenorganistinnen und -organisten auszubilden und weniger darum, den künstlerischen Weg in den Konzertsaal zu ebnen4 oder das Musizieren am Instrument als ganz persönliche Bereicherung im Gegensatz zu einer selbstlosen Tätigkeit „zur Ehre Gottes“ zu vermitteln. Sogar wo Orgel als Musikschulfach angeboten wird, ist das liturgische Orgelspiel ein verpflichtend zu erreichendes Lernziel, womit ein religiöses Bekenntnis zur Voraussetzung für das Erlernen eines Instruments erhoben wird. Ist eine derartige Diskriminierung von Andersdenkenden mit dem Bildungsauftrag der Musikschulen wirklich vereinbar? Würde sie kritisch hinterfragt, ergäben sich dann vielleicht nicht auf lange Sicht mehr Anmeldungen für das Musikschulfach Orgel?

Neben diesen geistigen Rahmenbedingungen wirkt der traditionelle Standort der Orgel auch auf die unmittelbare Unterrichtsgestaltung. In Kirchenräumen mangelt es in der Regel an den für qualitätsvollen Unterricht erforderlichen Temperatur- und Lichtverhältnissen, darüber hinaus grenzt das Schaffen von Übe- und Vorspielmöglichkeiten in Absprache mit der jeweiligen kirchlichen Institution nicht selten an eine organisatorische Meisterleistung. Die meisten Organistinnen und Organisten unter der Leserschaft werden sich unschwer zurückerinnern an die in Eiseskälte verbrachten Übe(halbe)stunden in der Kirche, manchmal jäh unterbrochen von einer „unvorhergesehenen“ Beichtgelegenheit oder Ähnlichem, oder an die Spießrutenläufe zwecks eines Schlüssels zum Emporenaufgang. Wer schließlich auch noch dazu angehalten wurde, zur Wahrung der „Würde“ des Raums das ein oder andere Kinderlied oder den etwas zu groovigen Jazzstandard nicht zu üben, wird auch unterschreiben, dass zu allem Überfluss der Standort der Orgel den Ton angibt, wenn es um die Auswahl der Literatur im Unterricht und die zu vermittelnde Interpretationsweise geht.5

Weitere Defizite in der deutschsprachigen Orgelpädagogik sind festzustellen, wendet man sich dem Aspekt des Unterrichts- und Übeinstruments zu. Nach wie vor wird die Pfeifenorgel in ihrer traditionellen, starren und standortgebundenen Baulichkeit empfohlen, während man digitalen Instrumenten, die immense Chancen nicht nur für einen Standortwechsel, sondern auch für eine flexible Ergonomie des Instruments eröffnen, insgesamt äußerst kritisch gegenübersteht. Dies hat weitreichende Konsequenzen für den Unterrichtsbeginn auf der Orgel: Interessierte Kinder, die noch zu klein sind, um an das Pedal einer herkömmlichen Pfeifenorgel heranzureichen, werden in der Regel auf einen späteren Unterrichtsbeginn vertröstet, die Zeit bis dahin wird mit Klavierunterricht überbrückt. Zu Recht prangerte Maximilian Schnurrer bereits vor einigen Jahren vor den Leserinnen und Lesern der nmz diese gängige Methode an und wies darauf hin, welche negativen Konsequenzen der leichtfertige Umgang mit der Motivation von jungen Instrumentalschülerinnen und Instrumentalschülern hat.6 Trotzdem folgt man hierzulande lieber dem ausgetretenen Pfad der Bequemlichkeit, als sich mit neuen instrumentalen Konzepten auseinanderzusetzen bzw. die Verantwortung für deren Entwicklung und Umsetzung zu übernehmen.7 Ganz nebenbei spart man sich als Lehrperson dadurch auch den Mehraufwand, der mit dem Unterricht von Kindern ohne Vorkenntnisse, für den es bislang nur wenig verwendbares Material gibt, einherginge.8 Dass der unkritische Umgang mit starren Lernvoraussetzungen hinsichtlich Alter, Körpergröße und musikalisch-spieltechnischer Vorkenntnisse am Klavier einer breiten Nachwuchsförderung nicht dienlich ist, versteht sich genauso wie die unweigerliche Konsequenz, dass auch die künstlerische Spitzenförderung so letzten Endes auf der Strecke bleiben muss.

Ein Lösungsansatz, der die geschilderte Problematik aufgreift, ist der Standortwechsel der Orgel vom Kirchenraum in ein neutrales, freies Umfeld sowohl im räumlichen als auch im mentalen Sinne: Orgelpädagoginnen und Orgelpädagogen haben in diesem Punkt eine ebenso zentrale Verantwortung wie Interpretinnen und Interpreten, Komponistinnen und Komponisten, Musikwissenschaftlerinnen und Musikwissenschaftler, Konzertveranstalterinnen und Konzertveranstalter und nicht zuletzt das Publikum, das sich fragen muss, was an der Orgel fasziniert.9 Eine derart offene Diskussion, innerhalb der Althergebrachtes kritisch in Frage gestellt wird, findet jedoch in der Orgelszene kaum statt, weder im allgemeinen noch im spezifisch pädagogischen Bereich. Stattdessen wird das Bild der Orgel als „Sonderfall im Spannungsfeld heutiger Instrumentalpädagogik“10 bewahrt, ja noch schlimmer: Der Begriff des „Sonderfalls“ lässt sich auf die gesamte öffentliche Wahrnehmung des Instruments anwenden: Welches andere klassische Musikinstrument teilt das Schicksal der Orgel, dass der Grad der kirchlichen Sozialisation bestimmt, ob sie gehört und gespielt wird oder nicht?

Ein Beispiel für das hartnäckige Festhalten an Konvention und Tradition innerhalb der Szene bildet die bereits angedeutete Diskussion um die Digitalisierung der Orgel, die sich beispielsweise jüngst anlässlich der Anschaffung einer digitalen Konzertorgel an der Kunstuniversität Graz entzündet hat: Gunther Rost, Konzertorganist und Universitätsprofessor, zeigt mit seiner neuartigen Orgelkonzeption, welche ungeahnten Möglichkeiten die Digitalisierung des Instruments für seinen Standortwechsel, seine Mobilität und nicht zuletzt auch für eine nachhaltige Nachwuchsförderung bietet.11 In Fachkreisen wird das Projekt jedoch einseitig problematisiert12 und die Digitalisierung der Orgel allgemein mehrheitlich abgelehnt.

Damit ist nur ein Stein auf dem Weg, die Orgel aus ihrer jahrhundertelang gewachsenen sakralen Konnotation zu lösen, umrissen. Ja, es ist tatsächlich eine gehörige Portion Mut gefragt, Altes in Frage zu stellen und durch innovative, moderne und weitsichtige Konzepte Neues zu schaffen, um die Orgel auf das Musikinstrument zurückzuführen, das sie fernab jeder Instrumentalisierung ist. Aber: Zu paradiesisch sind die Perspektiven, die sich dadurch für die Orgel und unser Musikleben eröffnen, als dass es nicht gewagt werden sollte.

 Anmerkungen

1    Bezeichnenderweise erhielt Carpenter für seine Bemühungen, die Orgel von ihrem sakralen Image zu befreien, den Titel „bad boy of the organ“.
2    Detailliert nachzulesen in Margareth Tumler: Aktuelle Ansätze im künstlerischen Orgelunterricht, Masterarbeit an der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz, Graz 2012.
   An einigen Hochschulen hat man darauf bereits reagiert, indem man eine Kombination aus Kirchenmusik- und Schulmusikstudium eingerichtet hat.
   Hier beißt sich die Katze zugegebenermaßen in den Schwanz, wenn Orgelreihen in Konzertsälen Orchester- und Kammermusikveranstaltungen nach wie vor stark untergeordnet sind.
5    So ist mancherorts tatsächlich die Rede von Melodien, „die man in den meisten Kirchenräumen guten Gewissens nicht üben lassen kann.“ (Dan Zerfaß: „Von Anspruchsvollem und Kuriosem. Neue Literatur zur Orgelpädagogik“, in: Musica Sacra 1/10, S. 57.)
6    Maximilian Schnurrer: „Ohne Saitenschläge und Filzhämmerei zur Orgel. Plädoyer für eine moderne Orgelpädagogik“, in: nmz 7-8/2007, S. 16-17, online verfügbar unter www.nmz.de/artikel/ohne-saitenschla… (Stand: 06.04.2013).
   Instrumentale Konzepte aus den USA und Schweden, die von Hilfsvorrichtungen für das Pedal herkömmlicher Orgeln bis zu eigenen Kinderorgeln reichen, haben sich bislang im deutschsprachigen Raum nicht durchgesetzt.
8    Vgl. Florian Mayer: Orgelunterricht für Kinder. Magisterarbeit an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Bamberg 2011, S. 62. Die zurzeit erhältlichen Orgelschulen für Kinder „Discover the Organ™“ (Wayne Leupold, USA), „Suzuki Organ School“ (Gunilla Rönnberg und Lars Hagström, Schweden) und „Organo Pleno“ (Christiaan Ingelse, Niederlande) stammen nicht nur ausnahmslos aus dem nicht-deutschsprachigen Raum, sondern weisen bedauerlicherweise auch starke Defizite hinsichtlich der Berücksichtigung moderner instrumentalpädagogischer Ansätze und aktueller Erkenntnisse aus der Entwicklungs- und Lernpsychologie auf.
9    Ist es wirklich das Instrument oder sucht frau und man den emotionalen Kirchgang zur persönlichen Läuterung?
10 Stefan Nusser: Die aktuelle Anwendungssituation in Deutschland erschienener Orgellehrwerke, Dissertation an der Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy Leipzig, Leipzig 2008, online verfügbar unter www.qucosa.de/fileadmin/data/qucosa… (Stand: 06.04.2013), S. 137.
11 Vgl. www.kug.ac.at/studium-weiterbildung… (Stand: 06.04.2013).
12 Vgl. beispielsweise http://www.kug.ac.at/studium-weiter… (Stand: 06.04.2013).

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