Wie der Künstler zum Irrsinnigen gemacht wird
Gelungene Uraufführung der Oper „Melancholia“ von Georg Friedrich Haas und Jon Fosse in Paris
Ein Artikel von Max Nyffeler.
In seinem Künstlerroman „Melancholia“ hat der norwegische Autor Jon Fosse mit dieser Geschichte eine historische Figur porträtiert: den geisteskranken, 1902 im Armenhaus verstorbenen Quäkersohn Lars Hertervig, dessen Landschaftsbilder erst nach seinem Tod breite Anerkennung fanden. Georg Friedrich Haas hat aus dem Stoff eine Oper in drei Teilen komponiert, die nun als französisch-norwegische Koproduktion im Palais Garnier in Paris zur Uraufführung kam. Dass der theatererprobte Buchautor selbst das Libretto verfasste, ist ein glücklicher Umstand, der zum erfolgreichen Gelingen des Projekts zweifellos beitrug. Die Handlung der Oper beschränkt sich auf den ersten Teil des Buches, der in Düsseldorf spielt, wo Hertervig sein Kunststudium nach kurzer Zeit abbricht und als „Versager“ wieder in seine Heimat zurückkehrt.
Die deprimierende Geschichte findet bei Haas eine sinnfällige Darstellung. Im Zentrum befindet sich die Hauptfigur Lars. Die Rolle verkörperte Otto Katzameier sowohl in der Bühnenpräsenz als auch in der Gestaltung der ausschweifend langen, expressiven Ariosopartien mit phänomenaler Konzentration. Ihr steht das feindliche Kollektiv in Form eines Solistenchores (souverän: das Vokalensemble Nova) gegenüber. Es verkörpert die anonyme Öffentlichkeit, die ihm Unfähigkeit attestiert und seine Malerkollegen, die ihn wegen seiner Verliebtheit verhöhnen. Aus dem Chor treten fallweise die kleineren, aber musikalisch nicht minder anspruchsvollen Figuren hervor: die Vermieter Herr und Frau Winckelmann (Johannes Schmidt und Ruth Weber) sowie die zynischen Malerkollegen Alfred und Bodom und die Kellnerin als Gegenfigur zur kindlich reinen Helene, die mit Daniel Gloger, Martyn Hill und Annette Elster vorzüglich besetzt waren. Zwischen Chor und Hauptfigur steht Helene, eine sphinxhaft zwischen kindlicher Geliebter und distanzierter Muse schwankende Erscheinung, der Melanie Walz prägnante Konturen verlieh.
Chor und Solopartien sind eingebettet in einen Instrumentalklang, der trotz einer Besetzung von nur fünfundzwanzig Spielern orchestrale Dimensionen besitzt und den das Klangforum Wien unter Emilio Pomarico zu großen Klangtableaus, aber auch dramatischen Höhenpunkten auszuweiten verstand. Die Klangfülle hat zweifellos mit dem ausgeprägten harmonischen Denken des Komponisten zu tun. Die spektrale Harmonik hat Haas hier auch in unterschiedlicher dramaturgischer Funktion eingesetzt. Die Außenwelt ist durch eine quasi-tonale Akkordik, die hart und klar wirkt und zugleich das konventionelle Denken der Widersacher bloßlegen soll, die verschlossene Innenwelt hingegen durch sehr differenzierte, irrationale Obertonverhältnisse charakterisiert. Damit eröffnet sich ganz nebenbei ein ästhetischer Diskurs zur Frage einer „fortschrittlichen“ Materialbehandlung, der sich in diesen spektralistischen Klanglandschaften etwas fremdartig ausnimmt. Mikrointervalle werden vor allem durch die Streicher realisiert, die auch mit skordierten Instrumenten spielen. In der Großform gelingt es Haas, das Geschehen durch prägnante Wechsel in der klanglichen Textur sehr übersichtlich zu gliedern.
Der Bühnenbildner Emmanuel Clolus fand für das Geschehen ein symbolstarkes Bild: In der Mitte der leeren Bühne, die wie die Chorkostüme (Raoul Fernandez) in Schwarztönen gehalten ist, ist ein weißes Segel aufgespannt, Metapher für Reinheit und Sinnbild einer imaginären Leinwand. Von der allgemeinen Düsternis heben sich nur die weißen Kostüme von Lars und Helene ab. Der Regisseur Stanislas Nordey setzte auf Zeitlupentempo: Die Figuren bewegen sich wie im Traum, Körperkontakt findet kaum statt – das Drama wird konsequent durch das innere Auge der Hauptfigur gesehen.
Wenn die formal abgerundete psychologische Fallstudie trotzdem einen Eindruck des Episodischen hinterlässt, so deshalb, weil nur die Voraussetzungen dieser Künstlermelancholie, aber nicht ihre künstlerischen Folgen zur Sprache kommen. Das hätte aber der depressiven Krankengeschichte einen Sinn gegeben und den Blick über die bloße Diagnose hinaus auf weitere Zusammenhänge im stets problematischen Verhältnis von Kunst und Gesellschaft gelenkt.
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