Zu klein für ein Solo, aber groß im Songwriting

Marion Raven auf der Schulbank bei Meat Loaf und Nikki Sixx


(nmz) -

Fast wäre es nichts geworden mit Marion Ravens (Norwegerin, 23) Musikkarriere. Als sie mit vier Jahren beim lokalen Kirchenchor erste Musikkontakte sammelte, wollte man sie so richtig nicht dabei haben. Der befremdliche Grund: Für ein Solo wäre sie zu klein. Doch Marion Raven setzte sich durch und zirpte wenig später das erste Solo. „Seit damals“, erzählt Marion Raven, „war ich musikalisch ambitioniert und wusste, dass ich später Musikerin werden möchte“. Sie behielt Recht.

Ein Artikel von Sven Ferchow.

Ausgabe: 
9/07 - 56. Jahrgang

Das aktuelle Album „Set Me Free“ (erschienen am 8. Juni 2007) ist der vorläufige Höhepunkt: Rockmusik, die im Geiste an Alanis Morissette erinnert. Songwriting, das Janis Joplin nahe steht. Gitarrenriffs, die keine leeren Hülsen sind. Das alles präsentierte sie im Juni live in Meat Loafs Vorprogramm, bei dessen letztem Hit „It’s all coming back to me now“ sie übrigens als Duettpartnerin beteiligt war. Ferner waren am Album Rockgrößen wie der schwedische Top-Produzenten Max Martin (Britney Spears, Pink) oder Mötley Crüe-Bassist Nikki Sixx beteiligt. Da sollten doch schon einige Träume für Marion Raven in Erfüllung gegangen sein. „Schon“, schmunzelt sie selbstbewusst, „denn mein Traum Musikerin zu sein, hat sich verwirklicht. Allerdings habe ich nicht damit gerechnet, dass eine Musikkarriere harte Arbeit bedeutet. Es geht nicht nur ums Singen: Es ist ein Business. Man muss sich mit Managern, Anwälten, Verträgen und Regeln beschäftigen. Das hat wenig mit meinem Traum zu tun“. Aber sie verkriecht sich nicht hinter Realitäten, sondern spricht sie offen an. Selbst wenn es der Partner ist, der sie unverständlicherweise verlassen hat. Offensiv widmet sie ihm ein wenig schmeichelhaftes Lied oder breitet großzügig andere Gefühlswelten für den Hörer aus. „Das muss so sein“, meint sie. „Ich möchte eine Künstlerin mit Songs sein, die bei den Menschen Gefühle hervorrufen, in die sich hinein versetzen können. Das funktioniert nur, wenn die Songs persönlich sind. Alles andere wäre belanglose Stangenware.“

Die zuvor erwähnten Helferlein stehen dabei zur Seite. Mötley Crüe-Bassist Nikki Sixx hält Marion Raven gar für „die talentierteste Newcomerin, seitdem ich Musik mache“. Und Musik macht Sixx seit den frühen 80ern. Marion Raven schwelgt jedoch nicht in hemmungsloser Verehrung für die Stars, sondern arbeitet fleißig mit und lernt. „Es ist schier unglaublich, was man von diesen Rockstars lernen kann. Es war fast so, als würde ich in einer Rock’n’Roll-Schule sitzen“. Dabei klingen die Albumsongs nicht konstruiert oder plastiniert. Man möchte sich förmlich vorstellen, wie Marion Raven mit Akustikgitarre und Kerzenlicht im Wohnzimmer sitzt, Akkorde bastelt und Melodien sucht. „Na ja“, lacht sie wissend, „so ist es nicht immer. Sicher gibt es Momente, da muss ich nachts aufstehen, weil etwas in mir arbeitet, und schnappe mir die Akustikgitarre, um das auf Papier bringen. Diese Phasen sind der Idealfall. Es gibt aber Situationen, da kommt die Plattenfirma und meint, wir bräuchten jetzt einen Hit, schreib doch mal was. Ich hasse die-se Momente, denn dann habe ich das Gefühl, in einer Fabrik zu sein“. Doch Marion Raven bleibt kühl und schreibt Songs auf ihre Weise. Oft holt sie dabei die Vergangenheit ein. „Für den Song ‚Crawl‘ habe ich eine Pianomelodie verwendet, die ich seit meinem 15. Lebensjahr mit mir rumschleppe und nie verwenden konnte.“

Marion Raven wirkt einfach glaubhaft. Da passt es freilich ohne weiteres dazu, dass sie die größte Herausforderung darin sieht, sich selbst treu zu bleiben. Nicht Platten zu verkaufen. „Es ist ein hartes Geschäft. Ich könnte es mir leicht machen, mein Haar blond färben und Popmusik trällern. Wahrscheinlich wäre ich in kurzer Zeit berühmter als derzeit. Doch genau das will ich nicht. Ich möchte eine Musikerin und Künstlerin sein, die es auf ihre Weise schafft. Und wenn es zehn Jahre dauert.“

Eine klare Ansage. Kein Sternchen, das rumschnullert, sondern eine Musikerin, die den Begriff Künstlerin durchaus ehrenwert behandelt.

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