Zwölf Punkte für die Toleranz

Wird der „Grand Prix“ zum Gradmesser gesellschaftspolitischer Entwicklungen?


(nmz) -
Der Eurovision Song Contest (ESC) wurde 1956 mit der Idee ins Leben gerufen, das kriegsgebeutelte Europa durch leichte, grenzüberschreitende Unterhaltung zusammenzuführen, und schließt in seinem Regelwerk explizit politische Beiträge aus. Dass Politik sich jedoch nie gänzlich aus dem Wettbewerb heraushalten lässt, ist angesichts der kulturellen, sprachlichen und eben auch politischen Verschiedenheit der Teilnehmerstaaten offensichtlich.
Ein Artikel von Miriam Noa

Lässt sich die Europäische Union mit ihrem Motto „Einheit in Vielfalt“ schon schwer genug auf einen gemeinsamen Nenner bringen, so gelingt dies bei den 74 Mitgliedsstaaten der Europäischen Rundfunk-Union (EBU) erst recht kaum noch. „Ein Lied kann eine Brücke sein“, sang 1975 Joy Fleming im deutschen Wettbewerbsbeitrag, „und jeder Ton ist wie ein Stein (…) du kannst darüber gehen, andere verstehen“ – diese Worte eignen sich sicher gut dazu, die Absicht des ESC auf den Punkt zu bringen. Das kann funktionieren oder auch nicht: Bereits in tiefsten Zeiten des Kalten Krieges nahm Jugoslawien als einziges sozialistisches Land regelmäßig teil und baute so eine Brücke von Ost nach West; doch in noch größerer Regelmäßigkeit lehnen die muslimisch geprägten EBU-Staaten Nordafrikas sowie des Nahen Ostens einen solchen Brückenbau aus Solidarität mit den Palästinensern bis heute ab – weil Israel regelmäßig auf der Bühne steht.

Abgesehen von derart „unterschwelligen“ politischen Gegebenheiten scheint es tatsächlich, als sei die Politik in der 59. Auflage des Wettbewerbs sehr viel präsenter gewesen als in vergangenen Jahren. Griechenland – nach der Schließung und Neugründung der staatlichen Rundfunkanstalt im vergangenen Jahr gewissermaßen „jüngstes“ EBU-Mitglied – schickt bezeichnenderweise den Titel „Rise Up“ ins Rennen; Island belegt mit seinem knallbunten Spaßpunk-Song gegen Vorurteile gegenüber Stotterern einen respektablen 15. Platz; das Vereinigte Königreich beschwört mit der Hymne „Children Of The Universe“ den globalen Zusammenhalt; und Malta erinnert mit „Coming Home“ an das Schicksal von Soldaten im Ersten Weltkrieg. Doch darüber hinaus lassen sich vor allem zwei Themen ausmachen: der aktuelle Konflikt in der beziehungsweise um die Ukraine sowie das offensive Eintreten für Toleranz.

Bereits im ersten Halbfinale hatte das internationale Publikum hinlänglich Gelegenheit, die Beiträge aus Russland und der Ukraine kennenzulernen – sowie die Reaktionen des Publikums in der Kopenhagener Halle zu studieren. Beide Länder schickten ziemlich austauschbare, unbeeindruckende Songs ins Rennen. Der Einsatz von Turngeräten schien sich dieses Jahr in etlichen Beiträgen besonderer Beliebtheit zu erfreuen (so zum Beispiel hier das ukrainische Hamsterrad, dort die russische Riesenwippe); kleidungstechnisch stehen den schwarzen Stoffstreifen der ukrainischen Sängerin Maria Yaremchuk die cremefarbenen Morgenmäntel der 17-jährigen russischen Tolmachevy Sisters gegenüber.

Ukraine-Krise im Songwettbewerb

Gesungen wird in beiden Fällen auf Englisch (wobei der Text des ukrainischen Beitrags den des russischen an Sinnfreiheit noch überbietet). Insgesamt also mehr Gemeinsames als Trennendes. Aber je ähnlicher die Beiträge, desto mehr fällt das Drumherum ins Auge. „Telling all the world to show some love“, heißt es in einer Zeile des russischen Songs, was ebenso unschuldig wie das Lächeln der blonden Zwillingsschwestern daherkommt –wer wollte so eine Aussage, wer wollte diese beiden Mädchen ausbuhen? Und doch, genau das geschieht. Buhrufe in der Halle, kaum eine weiß-blau-rote Flagge, dafür viel Blau-Gelb. Da rückt die Weltbühne plötzlich ganz nah an die des Grand Prix. Die Russinnen sollen abseits der Kameras in Tränen ausgebrochen sein.

Während der Vorbereitungen zum Contest war vonseiten der EBU bekannt geworden, dass die von Russland annektierte Krim im Televoting wie bisher zur Ukraine gerechnet werde –eine Wertung als russische Stimmen sei nicht möglich, da das Telefonnetz schlichtweg noch ukrainisch sei. In diesem Licht betrachtet, wird die Diskrepanz zwischen ukrainischer Jury-Wertung und den telefonisch in der Ukraine (samt Krim) abgegebenen Stimmen besonders spannend: Die Jury setzt Russland auf Platz 10, im Televoting kommt es allerdings auf Platz 3, was im Mittel zu Platz 7 – respektive mageren vier Punkten – führte. In Russland war man sich in Bezug auf die Nachbarn einiger: Platz 4 und damit immerhin 7 Punkte für den ukrainischen Beitrag. Kein Vergleich zu anderen Jahren, in denen man sich komfortabler Punktzahlen aus ehemaligen sozialistischen Bruderstaaten sicher sein konnte. Entluden sich also nicht nur in der Halle, sondern auch bei der Stimmvergabe beider Länder die Ressentiments? Dass sich gegenseitige Zu- und Abneigungen zwischen teilnehmenden Ländern nur allzu oft in der Punktevergabe niederschlagen, ist offensichtlich.

Toleranz siegt

Viel stärker als das Übergreifen der Ukraine-Krise auf den ESC wiegt jedoch die positive Botschaft, die von diesem Wettbewerb ausging. Nicht das immer Gleiche, nicht der austauschbare Mainstream durfte gewinnen – nein, das europäische Fernsehpublikum trug die vollbärtige Diva Conchita Wurst geradezu auf Händen zum Sieg. Nun ist es gewiss nicht so, als sei diese schillernde Kunstfigur – im bürgerlichen Leben der homosexuelle Thomas Neuwirth  – die erste, die beim ESC mit dem Aufbrechen sexueller Festlegungen spielt: 2002 beispielsweise belegte die Ukraine mit Verka Serduchka, einem Mann in schriller, aber nicht explizit weiblicher Fantasie-Kostümierung, den zweiten Platz. Den größten Erfolg für die LSBTTIQ-Szene fuhr jedoch mit Sicherheit die transsexuelle Sängerin Dana International ein, die 1998 mit ihrem Song „Diva“ für Israel auf Platz 1 landete. Es ist nicht zu hoch gegriffen, diesen Auftritt als Durchbruch für die Szene zu bezeichnen.

Der Hass, der Dana International vor allem aus rechten Kreisen entgegenschlug, der zum Verbrennen einer Verka-Serduchka-Puppe führte und der momentan – vorrangig im Internet – Conchita Wurst mit menschenfeindlichsten Kommentaren überzieht, ist der gleiche Hass, ist die gleiche Angst vor dem Andersartigen, die aktuell Rechtspopulisten zu einer Bedrohung für die Zivilgesellschaften Europas werden lässt. Angesichts der zum Teil sogar staatlich getragenen homophoben Bewegungen in etlichen Ländern Europas ist die Punktevergabe an den österreichischen Beitrag ein ermutigendes Zeichen: 12 Punkte kamen aus Irland, dem Vereinigten Königreich, Belgien, den Niederlanden, Schweden, Finnland, Griechenland, Israel, Portugal, Spanien, Italien, der Schweiz und Slowenien; 10 Punkte vergaben Frankreich, Malta, Ungarn, Island, Norwegen, Litauen und Georgien; 8 Punkte Dänemark, Rumänien und die Ukraine; 7 Punkte kamen aus Deutschland (was heftig als zu wenig kritisiert wurde, da Fernsehzuschauer und Jury weit auseinanderlagen) und Moldau, 6 aus Lettland, 5 aus Albanien und Russland, 4 aus Estland, 3 aus Mazedonien, 2 aus Montenegro und 1 Punkt aus Aserbaidschan. Mit ihren 290 Punkten siegte Conchita Wurst – anders als 1998 Dana International – mit einem komfortablen Vorsprung vor dem Country-Duo The Common Linnets aus den Niederlanden. Von den 37 Teilnehmerstaaten vergaben tatsächlich nur Armenien, Weißrussland, Polen und San Marino keine Stimme an die österreichische Drag Queen. Mit Sicherheit haben auch die James-Bond-Ästhetik des Gewinnersongs „Rise Like A Phoenix“ und der stimmlich solide Vortrag ihren Teil zu diesem starken Ergebnis beigetragen.

Doch hätte der Song, vorgetragen von einer biologischen Frau, den gleichen Effekt gehabt? Mit einiger Sicherheit nicht, zumal die Musik seit Jahren immer stärker hinter der Show zu verschwinden droht. Es ist Conchita Wursts Spiel mit der Geschlechterauflösung, der explizit männliche Kontrast des dichten schwarzen Vollbarts zum ansonsten betont weiblichen Auftritt (und erst diese Stimme!), die den ESC ganz bewusst als größtes internationales Forum für Toleranz und gegen Diskriminierung verstanden wissen will. Wurst nennt sich übrigens so, weil es Wurst ist, in welchem Geschlecht man geboren wurde, welches man sich selbst auswählt oder eben konstruiert. Sie kämpft für ein tolerantes Europa, das jeden in seiner Eigenheit akzeptiert, solange er niemandem wehtut; und widmet ihren Sieg „everyone who believes in love, in peace, in freedom. We are a unity, and we are unstoppable!“

Auch wenn der Ausgang des weltweit meistbeachteten Song-Wettbewerbs zeigt, dass die Toleranz für das Andere in Europa wächst: Das Televoting beim ESC ist (leider) nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung. Wie tolerant Europa wirklich ist, werden Ausgang und Folgen der Europawahlen zeigen.
  

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