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Alle Artikel kategorisiert unter »Frieder Reininghaus«

Eine neue Forschergeneration stellt Fragen

08.02.12 (Frieder Reininghaus) -
Der Fall des Hans Heinrich Eggebrecht (1919–1999), skandalisiert durch einen jungen Musikologen, war der Auslöser: Ende 2009 geriet die deutsche Musikwissenschaft zum ersten Mal seit Menschengedenken in die Schlagzeilen: Der Freiburger Ordinarius hat mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit als junger Unteroffizier der Feldgendarmerie-Abteilung 683 an Verbrechen der Wehrmacht teilgenommen.

Indische Schönheit auf Umwegen durch die französische Provinz: „Lakmé“ von Léo Delibes an der Oper Bonn

01.02.12 (Frieder Reininghaus) -
„Lakmé“ von Léo Delibes wurde 1883 an der Opéra-Comique Paris mit gewaltigem Aufwand uraufgeführt. Allein die Dekorationen sollen 80.000 Goldfrancs gekostet haben. Entstanden ist das Werk, das auf Pierre Lotis 1882 erschienenem Roman „Le Mariage de Loti“ basiert, als Begleitmusik zum französischen Kolonialismus, der mit dem überlegenen britischen rivalisierte. Edmond Gondinet und Philippe Gille arrangierten den von psychologischer Feinzeichnung wenig getrübten Operntext, der ins Indien des 19. Jahrhundert führt.

Der Kirschgarten in Paris: zur Uraufführung von Philippe Fénelons „La Cerisaie“ im Palais Garnier

31.01.12 (Frieder Reininghaus) -
Uraufführungen großformatiger Opern fanden in der französischen Hauptstadt seit zwanzig Jahren mit schöner Regelmäßigkeit in der Opéra Bastille statt („Melancholia“ von Georg Friedrich Haas erschien als Ausnahme). Die Premiere „La Cerisaie“ wurde neuerlich in die alte Prunkburg, das Palais Garnier zurückverlegt. Vielleicht findet der Generaldirektor der Pariser Musiktheater, Nicolas Joel, ja auch das Ambiente rund um die Opéra Bastille so verranzt, dass er es den Premierengästen nicht zumuten möchte.

Die Stadt, das Geld und der Traum: Der „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ von Brecht und Weill an der Staatsoper Wien

25.01.12 (Frieder Reininghaus) -
Die Wiener Staatsoper ist ein Gehäuse, in dem sich Goldmarks „Die Königin von Saba“ zuhause fühlen durfte und in das die „Salome“ immer wieder gern einkehrt, in dem sich einst aber auch „Das Heimchen am Herd“ breit machte und „Es war einmal …“. Ein Haus für Brecht und Weill wurde der Prachtbau an der Ringstraße weder in der Zeit zwischen den Kriegen noch in den 67 Jahren der zweiten Republik (sowohl die Zusammensetzung der Geschmacksträgerschicht wie die Dimension der Halle empfehlen diese weder für die „Dreigroschenoper“ noch für die „Sieben Todsünden“).

Fünfundvierzig Jahre Verspätung: eine interdisziplinäre Tagung zu „Musik(wissenschaft) – Nachkriegskultur – Vergangenheitspolitik“ in Mannheim

24.01.12 (Frieder Reininghaus) -
Der vom Deutschen Germanistenverband im Oktober 1966 einberufene Germanistentag in München widmete sich unter dem Generalthema Nationalismus in Germanistik und Dichtung erstmals mit kritischen Ansätzen der neueren Geschichte des Fachs und einigen seiner wesentlichen Gegenstände. Die Denkanstöße und Ergebnisse dieser Tagung suchten die große Wissenschaftsdisziplin mit einem anwachsenden Crescendo heim und haben sie nachhaltig verändert.

Rotgardisten zu Pfundsakkorden: Tschaikowskys „Iolanta“ und Rachmaninows „Francesca da Rimini“ im Theater an der Wien

20.01.12 (Frieder Reininghaus) -
Opern, die vom Wegschließen von Frauen durch Männer handeln, finden sich in der Geschichte des Musiktheaters ziemlich häufig: Im Theater an der Wien mag einem Mozarts „Entführung aus dem Serail“ in den Sinn kommen oder „Die Zauberflöte“, die an dieser Stelle uraufgeführt wurde. Aber auch andere klassische Werke wie Rossinis „Barbier von Sevilla“, der Antonia-Akt in „Hoffmanns Erzählungen“ von Jacques Offenbach oder Verdis „Rigoletto“ (in dem der Hofnarr seine Tochter am Ende einer finsteren Gasse den Blicken der Männerwelt vorenthält); in sämtlichen Blaubart-Opern von Gretry über Bartók bis Franz Hummel geht es um Frauen, die ihrer Freiheit beraubt werden, und um eine radikale, tödliche Form des Wegschließens in sämtlichen Antigona-Tragödien des 18. Jahrhunderts (zuletzt ebenfalls in der 2009 uraufgeführten „Proserpina“ von Wolfgang Rihm).

Bleibt uns mit den alten griechischen Problemen vom Hals! Manfred Trojahns Oper „Orest“ in Amsterdam

15.12.11 (Frieder Reininghaus) -
Kurz und knapp war der Beifall in het muziertheater, erheblich die Ratlosigkeit in den Gesichtern. Das Publikum fragte sich womöglich, was ihm das Gehörte und Geschaute bedeuten solle. In Amsterdam war Manfred Trojahns „Orest – Musiktheater in sechs Szenen“ präsentiert worden. In der Vergangenheit hatte der Hochschullehrer aus Düsseldorf das Opernpublikum mit einem heiteren Konversationsstück über Kaiser Heinrich IV. ergötzt („Enrico“ nach Luigi Pirandello, Schwetzingen 1991); hatte dann die Shakespeare-Fortschreibung „Was ihr wollt“ kredenzt (München 1998) und, wiederum gestützt auf die mediterrane Italianità Pirandellos, 2003 in Köln mit „Limonen aus Sizilien“ eine außerehelich angereicherte Familiensaga serviert.

Tiefe Nostalgie nach dem alten Russland: zur Uraufführung von Lera Auerbachs Oper „Gogol“ in Wien

17.11.11 (Frieder Reininghaus) -
Im Februar dieses Jahres präsentierte die Dirigentin, Komponistin und Musikwissenschaftlerin Pilar Jurado in Madrid auf der großen Bühne des Teatro Real mit „La página en blanco“ eine Phantastische Oper. Sie hatte nicht nur den Plot selbst entwickelt, das Libretto verfertigt und zu diesem Text eine mit mancherlei Rückgriff auf ältere Kompositionstechniken operierende Musik geschrieben; bei der Uraufführung sang sie auch die auf den Eigenbedarf zugeschnittene zentrale Partie. Mit Lera Auerbach ließ das Theater an der Wien jetzt ein vergleichbares Multitalent zum großen Zug kommen.

Saramagos Prognose, graue Wände, bunte Klänge: „Die Stadt der Blinden“ als Debüt-Oper von Anno Schreier in Zürich

14.11.11 (Frieder Reininghaus) -
Der Irchel-Park wärmt sich in der Herbst-Sonne. „Geduld, bald brennts“ hat jemand mit breitem Filzstift auf einen Papierkorb gesudelt. Hundert Meter entfernt davon werden mehrere Fahrzeuge des Militärischen Sicherheitsdienstes und dem des Kantons Zürich in Stellung gebracht. Doch die grauen Herren sind nicht wegen der Bekundung der Gedulds-Dialektik vorgefahren, sondern widmen sich dem Bunker, dem der Park als Kopfdecke dient.

Brutales Allerweltstheater: Calderóns „Großes Welttheater“ mit neuer Musik von Carlos Santos am Theater Freiburg, inszeniert von Calixto Bieito

11.11.11 (Frieder Reininghaus) -
Joseph von Eichendorff hat das „Gran teatro del mundo“ von Pedro Calderón de la Barca (1600–1681) ins Deutsche gebracht, Hugo von Hofmannsthal dieses Auto sacramental zum „Salzburger Großen Welttheater“ bearbeitet. Das allegorische religiöse Schauspiel entsprang just jener Zeit, in der die Engländer den Spaniern die Dominanz auf den Weltmeeren endgültig streitig machten: sie brachten einige Schlüsselländer im spanisch-portugiesischen Kolonialreich gewaltsam an sich und eine singuläre Allianz mit dem „Erzfeind“ Frankreich gegen Felipe IV zustande.
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