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Alle Artikel kategorisiert unter »Gerhard R. Koch«

Das Land der Oper mit der Seele suchend

08.02.12 (Gerhard R. Koch) -
Der Begriff der Postmoderne ist – selbst als historischer – von nur begrenzter Triftigkeit. Denn natürlich hätten schon die „Neudeutschen“ (Berlioz, Liszt, Wagner, Wolf, Strauss) mit diesem etwa Brahms als Abtrünnigen ihrer „Zukunftsmusik“ schmähen können: als Verräter an der Avantgarde, kompromisslerischen Sucher nach heilig-heilen Traditionsbezügen – und im Wahn befangen, die Historie halte Rettendes fürs unübersichtliche Heute bereit.

Heimat ist nur im innergalaktischen Labyrinth

05.06.11 (Gerhard R. Koch) -
„Fair is foul, and foul is fair“. So umwispern im schottischen Nebel die Hexen Macbeth; vielleicht aber sind es auch nur die verführerischen Stimmen aus dem Innersten des finsteren Helden. Entsprechend schlecht ist das Image des Mottos: nihilistischer Relativismus, Infragestellen aller Werte. Man kann das Hexen-Credo aber auch positiv sehen: als heilsame Aufforderung, sich von den obligaten Polarisierungen und rigiden Grenzziehungen zu verabschieden – gut und böse, schön und hässlich, sinnvoll und sinnlos, nützlich und unnütz, Kunst und Nicht-Kunst.

In den Hohlräumen zu singen: Aribert Reimann wird 75 und erhält den Ernst von Siemens Musikpreis

06.03.11 (Gerhard R. Koch) -
Beim Musikfest „Heidelberger Frühling“ gab es im April 2006 eine Art kompositorisches „Drei-Kaiser-Treffen“: Aribert Reimann, Wolfgang Rihm und Jörg Widmann traten da als dominierende Komponisten auf, Widmann zusätzlich noch als Klarinettist – und plötzlich schienen sie imaginär nicht nur miteinander vernetzt, sondern auch mit der Vergangenheit.

Sechzig Jahre Spiegel und Motor zugleich – was kann eine Musikzeitschrift leisten? Überlegungen zur nmz

31.01.11 (Gerhard R. Koch) -
Jubiläen bleiben heikel, zumal im Zusammenhang mit den großen „runden“ Zahlen und den entsprechenden Festivitätszwängen. Diese freilich wer­den, trügt der Anschein nicht, stetig äußerlicher: Das Absterben des Bildungsbürgertums, das man auch nicht allzu sehr glorifizieren sollte, und die zunehmende Dominanz von Kommerz und Medien, die man ebensowenig pauschal verteufeln sollte, haben den traditionellen Kulturbegriff ausgehöhlt. [Vorabveröffentlichung aus nmz 2-11]

Sechzig Jahre Spiegel und Motor zugleich

29.01.11 (Gerhard R. Koch) -
Jubiläen bleiben heikel, zumal im Zusammenhang mit den großen „runden“ Zahlen und den entsprechenden Festivitätszwängen. Diese freilich wer­den, trügt der Anschein nicht, stetig äußerlicher: Das Absterben des Bildungsbürgertums, das man auch nicht allzu sehr glorifizieren sollte, und die zunehmende Dominanz von Kommerz und Medien, die man ebensowenig pauschal verteufeln sollte, haben den traditionellen Kulturbegriff ausgehöhlt. Dem Kult um die „höchsten Werte“, „größten“ Werke und Namen haftet mehr und mehr etwas Hilfloses an. Selbst CDU und CSU tun sich immer schwerer damit, zu definieren, was sie eigentlich unter „konservativ“ oder „Tradition“ verstehen sollen und wollen, was ihnen das ominöse „C“ im Parteinamen bedeutet. Zu mehr als Sonntagsreden-Lippenbekenntnissen jedenfalls reicht es kaum mehr. Vielleicht ist das auch ganz gut so.

Mythen-Manie ohne Ende – und ewig girrt das Weib

06.09.10 (Gerhard R. Koch) -
Seit 1920 existieren die Salzburger Festspiele, deren Gründer-Trio Hugo von Hofmannsthal, Richard Strauss, Max Reinhardt sich sehr wohl dessen bewusst war, dass Zeit und Ort höchst sig­nifikant gewählt waren. Gerade nach den Zerstörungen, Verwerfungen, Verunsicherungen durch den Ersten Weltkrieg, den Krisen von Nation, Thron und Altar, dem Ende von Donaumonarchie, Wilhelminismus und Zarentum und der alten Ordnungen galt es, ein Zeichen zu setzen: Im Zentrum des „christlichen Abendlands“, ja in dessen katholischer „Mitte“, sollte ein temporäres kulturelles, wenn nicht kultisches Sammelbecken höchster, edelster geis­tiger Werte und Kräfte geschaffen werden.

Mit absolutem Gehör und Lust am Experimentellen

09.06.10 (Gerhard R. Koch) -
Dass Streichquartette sich umgruppieren, ist üblich. Anders ist dies bei Klavier-Duos. Natürlich haben sich Stars zum ad-hoc-Spiel zusammengetan, wichtiger indes waren die stabilen Formationen, nicht selten Brüder oder Schwestern, sogar Zwillinge: Vertrautheit von Kind an, womöglich genetische Parallelen, auch dieselben Lehrer dienten spielerischer Symbiose, ja reflexhafter Synchronität – wichtig bei einem „Schlaginstrument“, wo Sekundenbruchteile übers „Klappern“ entscheiden.

Im Feedback stark

09.06.10 (Gerhard R. Koch) -
Von den 50er- bis in die 80er-Jahre galt Köln quasi als Mekka Neuer Musik wie Bildender Kunst. Überragende Komponisten mit ihren Schulen rivalisierten: Bernd Alois Zimmermann, Karlheinz Stockhausen, Mauricio Kagel, auch Hans Werner Henze. Unter dem Dach des mäzenatisch potenten WDR mit seinem Elektronischen Studio gab es zudem für Vernetzer, Abweichler und Quergänger mancherlei Freiräume: eine einmalige Verquickung sowohl der Künste (auch Literatur, Film, Theater) untereinander als auch globaler wie lokaler Aktivitäten, bis hin zur politischen „Straßenmusik“: ein Kunst-Bio-top voller Spannungen, Anregungen und Synergien.

Sie war weit mehr als die Muse Messiaens

09.06.10 (Gerhard R. Koch) -
Immer wieder gab es Interpreten, die für Komponisten von entscheidender Bedeutung waren – die nicht nur „authentisch“ deren Werke aufführten, sondern sogar an deren Zustandekommen beteiligt waren, ja geradezu zum ko-kreativen Alter Ego wurden. So ist Joseph Joachims geigerisches Ingenium über den Solopart hinaus ins Brahms-Konzert eingegangen, ebenso Richard Taubers Tenorschmelz in Lehárs Operetten. Kaum zu überschätzen ist auch die aktive Identifikationsübertragung Dietrich Fischer-Dieskaus bei nicht wenigen bedeutenden Werken seit den fünfziger Jahren; nicht zuletzt fast im Sinne eines vexierbildhaften Dreifachporträts des Großdichters Gregor Mittenhofer alias Hans Werner Henze wie Fischer-Dieskau in Henzes „Elegie für junge Liebende“. Ähnliches gilt für Reimanns „Lear“. Und die livelektronischen, mikrotonalen und Raumklang -erkundungen des späten Nono wären ohne die Mitwirkung von Hans-Peter Hallers Freiburger Experimentalstudio so zumindest nicht fruchtbar geworden.

Im Fruchtland der Musik

28.03.10 (Gerhard R. Koch) -
Künstler, Autoren, aber auch Organisatoren sollten – so heißt es – möglichst wenig öffentlich in Erscheinung treten, ja am besten fast unsichtbar bleiben. Aus ihrer Arbeit in der Abgeschiedenheit oder hinter den Kulissen erwüchsen Legitimität wie Effizienz ihres Tuns. Man mag dies als rigiden Asketismus empfinden, als abstraktes Ideal oder auch nur frommen Wunsch – zumal in einer visuell dominierten Medienwelt. Gleichwohl gibt es etwa Komponisten, Theoretiker, Literaten oder Publizisten, die man als leibhaftige Person – bei Talkshows, auf Podien oder Fotos – kaum kennt; sie wirken im Hintergrund. Während andere wieder schier ubiquitär im Bild auftauchen. Doch gibt es auch den Typus des Intellektuellen, der bei aller Zurückgezogenheit auf die Sache in bestimmten Situationen fast sprichwörtlich zeremoniell auftritt, die sachdienliche Mitteilung zur Szene macht. Und dies fast so sehr, dass man ihn fast mit einer Theaterfigur assoziiert, wenn nicht identifiziert; ja unter Gleichgesinnten die Lust entfacht, ihn entsprechend zu besetzen.
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