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Alle Artikel kategorisiert unter »Helmut Hein«

Meinung oder Verbrechen

01.05.05 (Helmut Hein) -

Ein Journalist, der einen Kollegen denunziert hatte und daraufhin von diesem als Denunziant beschimpft wurde, zeigte sich nicht einsichtig, sondern empört: schließlich sei alles, was er der Geschäftsleitung gemeldet habe, „wahr“ gewesen. Was dieser Mann vollkommen vergessen (oder nie gewusst) hatte: Auch einem „Kommunisten“ oder „Juden“ ging es im Gestapo-Keller nur dann so richtig schlecht, wenn der kleine Hinweis des Nachbarn auch tatsächlich, wie man so schön sagt, ins Schwarze traf. Eine Denunziation ist eine Denunziation nur dann, wenn sie zutrifft. Ansonsten handelt es sich um üble Nachrede.
Die bundesdeutsche Bevölkerung ist nach sechzig Jahren konsequenter Demokratieerziehung unübersehbar meinungsfreudig. Viele Autohecks nähern sich einer Wandzeitung; schon der flüchtige Blick erlaubt oft die Erstellung eines Psychogramms. Die Verlautbarungen erstrecken sich von nützlichen Hinweisen („Ich bremse auch für Tiere“) bis zu verwegenen Hoffnungen („Jesus liebt dich“), erlauben die Rekonstruktion von Reiserouten („Schöne Grüße aus Rudolstadt“) und bieten Beiträge zu aktuellen politischen Diskussionen („Kein Feinstaub auf dem Nockherberg“).

Gegengift

01.02.05 (Helmut Hein) -

Es gab eine Zeit, und sie ist noch gar nicht so lange her, da kauften sich Komponisten und Regisseure Schlösser und betrieben zugleich die Sache der Weltrevolution. Adel des Geistes! Sie genossen die Gegenwart und waren doch mit der Zukunft im Bunde. Sie beschimpften Publikum und Geldgeber und wurden dafür geliebt.

Fragment und Werk

01.12.04 (Helmut Hein) -

Manchmal muss man sich selbst misstrauen. Besonders wenn man mit allen einer Meinung ist. Zum Beispiel die Radio-Reform. Hat sich schon mal einer hingestellt und gesagt: Format- und Klassik-Radio find ich richtig gut. Als Pop-Fan liebe ich die ewige Rotation, hundert oder zweihundert Hits, die sich, computergesteuert, so lange durch alle Lebenslagen drehen, bis einem schlecht und schwindlig wird. Als Klassik-Konsument geh ich gern nach dem verkehrten Metzgerprinzip vor „Darf’s ein bisschen weniger sein“. Gibt es denn Schöneres als Sinfonien und Sonaten in dünne Scheiben geschnitten und mit Werbejingles gewürzt?!

Derridada, Jelinek

01.11.04 (Helmut Hein) -

Dass „das“ deutsche Stadttheater, gewissermaßen als das in viele rhizomatische Ecken und Enden zerfallende Wurzelwerk im Humus der deutschen Kulturnation, zum Opernhaus des Jahres gekürt wurde, hat viel Zustimmung erfahren und noch mehr (oft maskierten) Hohn und Spott. Lässt man das weg, was eher auf die Cocktail-Couch gehört und vor allem der Selbstbeweihräucherung dient, letztlich also sogar die Frage nach Qualität und Innovation et cetera, geht es hier vor allem um eine Grundfrage aller Zivilisation: Was und wie wird „tradiert“, auf welche Weise kommt, im Lauf der Zeit und durch alle Interpretationen hindurch, ein mehr oder minder heiliger „Text“ zu uns. Ein Text, der unser „Grund“ und unser „Herz“ ist, der uns zu dem macht, was wir sind. Es geht also, selbst wenn Stadttheater zu Opernhäusern des Jahres werden, letztlich um die leidige Frage nach der Identität.

01.10.04 (Helmut Hein) -

Je länger er tot ist, desto lebendiger wird er, rumort als Untoter in unserem Unbewussten und macht Skandal, wo immer er auftritt: Hitler, das Gespenst des Jahrhunderts. Wer sich mit ihm befasst, gar sich zu ihm äußert, ist nicht mehr der, der er war (oder zu sein wähnte).

Alles Pareto

01.09.04 (Helmut Hein) -

Es gibt die offensichtlichen Lügner: etwa George Bush den Älteren, der seinerzeit einen Wahlbetrug mit einem ans Archaische appellierenden Verweis auf seinen Lippen, die nicht trügen könnten, verband: „Read My Lips!“ (er wurde abgewählt).

Irgendwann nach dem Urknall hat es Click gemacht

01.03.04 (Helmut Hein) -

Soundcultures. Über elektronische und digitale Musik,
herausgegeben von Marcus S. Kleiner und Achim Szepanski,
edition suhrkamp, Frankfurt/Main 2003 (mit CD), € 12,-,
ISBN 3-518-12303-3

Walfänger und Flüchtlingsschiffe

01.12.03 (Helmut Hein) -

Das Beste kommt zum Schluss: In einer Lesefassung gibt es Herman Melvilles Klassiker „Moby Dick“ schon seit längerem, jetzt hat Regisseur Klaus Buhlert die obsessive Jagd nach dem Weißen Wal in ein fast zehnstündiges Mega-Hörstück verwandelt, das es auf MC und CD gibt und das vorbereitet durch fünf essayistische Erkundungen, beim BR über den Äther ging.

Nachschub

01.12.03 (Helmut Hein) -

Das regt die Fantasie des Kulturkritikers an/auf: Landauf landab werden immer neue „Superstars“ so hautnah am Reißbrett designt, bis sie beides sind: so authentisch, als wären sie Volkes Stimme und Körper in persona – und so glamourös, dass sie die unerfüllten Wünsche ihrer Konsumenten zumindest virtuell, in einer „bigger than life“-Scheinwelt erfüllen. Und noch zwei Medienriesen, Sony und BMG, fusionieren, um das Musikgeschäft in den Griff oder zumindest die Kosten unter Kontrolle zu bekommen.

Nachschub

01.10.03 (Helmut Hein) -

In besseren Zeiten formulierte Diedrich Diederichsen, damals noch der wichtigste Theoretiker der Dissidenz und ihrer kulturellen Produktionen und nicht deutscher Kunst-Professor, im post-Orwell’schen new speech eines jugendbewegten radical chic: „Pop ist die rascheste Weise, die Wahrheit zu sagen.“ Die jungen sollten immer Recht haben, nur weil sie jung, vital, sexy und modebewusst waren, und die außerinstitutionellen Medien der jamaikanischen Sound Systems und der Nachbarschafts-Partys in den Schwarzen-Ghettos der USA gegen Irrtum gefeit sein. Dann kam der Schock von Rostock-Lichtenhagen und Diedrich Diederichsen reagierte wie ein besorgter Vater, der seine Tochter beim Kiffen oder Petting erwischt: „The Kids Are Not Allright.“

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