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Alle Artikel kategorisiert unter »Helmut Hein«

Nachschub

01.02.01 (Helmut Hein) -

Noch wird moralisch aufgerüstet und die Reinheit der Species und der Genres beschworen. Aber die Zukunft gehört mit voraussehbarer Sicherheit transgenen Chimären: „organlosen Körpern“, von denen der gespenstische Surrealist und Hieronymus Bosch-Klon Artaud genauso fantasierte wie, auf einem technoideren Level, der Performance-Künstler und Wissenschafts-Futurist Stelarc. Die Biologen basteln an Äffchen, deren Eiweiß leuchtet wie das fremdartiger Tiefseebewohner und dass die Mensch-Maschinen die Evolution des Homo sapiens fortführen und ihr „natürliches“ Biotop im Cyberspace und WorldWideWeb finden, daran zweifeln nur noch Kulturkritiker, die ihre Reservate für „die“ Welt halten.

Nachschub

01.12.00 (Helmut Hein) -


Am Anfang war Pop Bruch mit allem, was bisher war: „Break through to the other side“, hieß die Devise. Nicht nur die „Doors“ wollten die „Pforten der Wahrnehmung“ durch alle erreichbaren Räusche öffnen; Revolte war angesagt, Bildersturm. Die Suche galt dem anderen Zustand und dem heiligen Augenblick. Rimbaud regierte: „Man muss absolut modern sein.“ Rock-Musik war Protest – nicht nur gegen das „Establishment“, sondern gegen alle etablierten Formen; und der Künstler ein hochexpressiver Freuden- und Schmerzensmann, der vor allem eins sein musste: authentisch. Unter diesen Umständen war die eigene Stimme Pflicht – der „singer“ musste stets auch ein „songwriter“ sein – und die Cover-Version fast ein Verbrechen; jedenfalls eine Schande. Ende der 60er-Jahre schien vergessen, dass nicht nur King Elvis, sondern auch fast alle großen Beat-Bands als Interpreten zumindest begonnen hatten, als Nach-Sänger großer Vorbilder.

Absolute Zeitgenossenschaft

01.12.00 (Helmut Hein) -

Er war der Dieter Thomas Heck der Pop-Theorie: Kein anderer konnte so irrwitzig schnell das, was gerade geschah, auf oft schwindelerregende und fast immer treffende Begriffe bringen: DD, der sexy Denker einer Szene, mit einem Markennamen, der nicht zufällig an BB oder MM erinnert; der Durchblicker mit den besten Neologismen; der Chronist der Augenblicke, die sich für ewig hielten. Jetzt, in die Jahre gekommen und ein deutscher Dozent und Diskurs-Tourist geworden, bastelt er mit ein paar raffinierten Essays aus 2.000 Momenten der pop-history – die Kritiken wurden in den 80er- und 90er-Jahren in „Sounds“, „Spex“ und „Konkret“ erstveröffentlicht – die Geschichte einer Generation.

Komplexe Genealogien

01.11.00 (Helmut Hein) -

Hüsker Dü war das „missing link“ zwischen Velvet Underground und Nirvana: Die Post-Punk-Band verband den düster-psychedelischen Sixties-Underground mit dem „alternativen“ Seattle-Sound der frühen 90er-Jahre. Für ein paar Jahre waren Bob Mould und Grant Hart die SPEX-Hausheiligen: Die Musiker, auf die sich alle einigen konnten, was immer sie ansonsten für Vorlieben haben mochten. „Zen Arcade“, das Hüsker-Dü-Meisterwerk aus den Mittachtzigern, hat einen festen Platz in der „hall of fame“ diverser All-Time-Rock- und Pop-Charts.

Nachschub

01.11.00 (Helmut Hein) -

HipHop war zunächst Straßen-, Nachbarschafts-, „block party“-Musik. Er ging aus vom Körper, seinen Erfahrungen und Bedürfnissen, die in den weißen Medien und Institutionen nicht zur Sprache kamen. Seine frühen, beinahe exklusiven Themen waren Sex und (direkt, „am eigenen Leib“ vespürte) Politik. Die ersten Rapper waren Sexprotze und Rebellen, Verführer und Aufwiegler. HipHop in den späten 70ern war spontan, auch fröhlich und vor allem ungeniert. Später, in den 80ern, als HipHop längst The Next Big Thing, selbst ein einflussreiches Medium und eine schier unerschöpfliche Quelle von Ruhm, Reichtum und Macht war, entstanden Sub-Genres, die in ihrer Weltsicht immer radikaler und beschränkter wurden: Im Gangsta-Rap genauso wie in der „edutainment“-Bewegung von Public Enemy oder KRS-1.

Nachschub

01.10.00 (Helmut Hein) -

Nicht unbedingt Country-Outlaws, aber doch große Außenseiter, die schon seit Mitte der 80er-Jahre unbestrittene Kritikerlieblinge und Musician’s Musicians sind – und immer auch zäh und flexibel genug waren, sich ihr Nischen-Segment auf dem unübersichtlicher werdenden Musikmarkt zu sichern: Smog, das war und ist (bei sonst wechselndem „Personal“) Bill Callahan. Begonnen hat er im Low-Fi-Kontext, gewissermaßen als Home-Recorder, mit reduziertesten Mitteln, die bei ihm aber immer auch ästhetisches Konzept waren: Steigerung der Intensität und „Authentizität“ durch Beseitigung alles Ornamentalen. Für den frühen Bill Callahan war Arrangement Verbrechen, die Song-Architektur musste funktional sein: reiner, durch nichts gestörter und verfälschter Ausdruck. Das hat sich geändert: Das letzte, grandiose Album, das zu den späten Highlights der 90er-Jahre gehörte, wurde von Jim O’Rourke produziert. Das war nicht opulent, schon gar kein „fetter“, pathetischer „wall of sound“ aus dem Geiste Phil Spectors, aber doch voller kleiner, vertrackter Beiwerk-Raffinesse.

Nach dem Weltuntergang

01.10.00 (Helmut Hein) -

nmz 2000/10 | Seite 36
49. Jahrgang | Oktober

Herzschmerz für Freuds Baby

01.09.00 (Helmut Hein) -

Jedes Medium imitiert in seinem Ursprung das, an dessen Stelle es tritt. Die ersten Hörspiele waren Theaterstücke für Blinde, die mit akustischen Mitteln einen visuellen Raum entwarfen. Wer hörte, sollte vor allem sehen. Die Dramaturgie war eine der Szene. Seit einer Reihe von Jahren hat sich das radikal geändert. Natürlich gab es schon in den 20er- Jahren Avantgardisten – nicht selten aus dem Umkreis des Films und der neuen Musik –, die paradoxerweise dem Medium Radio gerade deshalb gerecht wurden, weil sie multimedial dachten. 1948 nahm Antonin Artaud, der Surrealist und Erfinder des Theaters der Grausamkeit, ein Hörstück auf, das vordergründig ein deliranter, ekstatischer und absurder Monolog war. Es wurde schließlich verboten, weil die Melange aus abgehackter Sprache, unartikulierten Schreien und puren Geräuschen eine Attacke nicht nur auf das Nervensystem, sondern auf alle Formen kulturell erzeugten und verbürgten Sinns war.

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01.09.00 (Helmut Hein) -

Morcheeba setzt, scheinbar zumindest, auf ein Konzept, das in den 90er-Jahren Schule gemacht hat und populär geworden ist: Ein oder zwei Boys basteln am Sound, ein Girl steuert Sirenen-Gesang bei. Das Ganze ist dann Sex und Sentiment pur – und disco- und schlafzimmer-kompatibel; also geeignet für die beiden Orte, durch die körperorientierte Pop-Musik definiert wird. Freilich fehlt „Fragments of Freedom“ (Warner) das „Hallige“ der TripHop-Tradition; der Sound geht in Richtung „Schlager“; es ist eher Tag- als Nacht-Musik; bestimmt für Sonne und Strand; nicht für die Tanz-, sondern für die Eisdiele. Dass Blues und HipHop am Fan-Ursprung dieser Musik stehen sollen, wie die Band-Bio verrät, überrascht; dass David Byrne sie engagieren wollte weniger: vielleicht würden nicht mehr stadtneurotische „Talking Heads“ anno 2000 so klingen.

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01.07.00 (Helmut Hein) -

Die Zeit der Sicherheiten ist vorbei. Nichts ist, wie es scheint oder vorgibt zu sein. Das Eine maskiert sich als das Andere. Anth Brown und Tom Doyle zum Beispiel nennen ihre Band oder vielleicht eher ihr Projekt: „Electric Music“. Aber die Sounds sind gar nicht „future“, die Vorgehensweise ist nicht technoid oder technophil. Die beiden sind klassische britische Songwriter, die ins Detail verliebt sind. Und sie lassen sich sehr viel Zeit. Wenn ihnen etwa Bim Sherman, der auf „Baptised By The Piano King“ mit seinem Reggae-Ikonen-Voodoo-Gesang zu hören ist, für drei Monate sein Mischpult zur Verfügung stellt, werden daraus zwei Jahre. Die Spontaneität, die „North London Spiritual Church“ (Grand Royal/Zomba) ausstrahlt, ist nicht Ausdruck der Seele, sondern Produkt endloser Bastelei; also eines Plans, dessen Leerstellen nach und nach ausgefüllt werden. Und die Intensität der Songs verdankt sich nicht roher Erfahrung (wie bei den ewigen Hobos des Typs Townes van Zandt oder Jeff Buckley) oder einer Erhöhung des Drucks (wie bei Built To Spill), sondern der Fülle der Einzelheiten, die sich hier selbstverständlich ineinander fügen; einem Sound-Patchwork, das auf Traditionen anspielt, ohne je Zitat-Pop oder Retro zu werden. Ex-Pop-Papst-und-SPEX-Herausgeber Diedrich Diederichsen („Hätte nie gedacht, dass mir sowas nochmal so gefallen könnte“) kommt in seinem Kunsthochschulen-Theoretiker-Austragshäuschen auf die richtige Idee: Electric Music ist Prog-Rock, aber so reduziert, dass alles Peinliche verschwindet. Das Paradox von „North London Spiritualist Church“: eine unendlich reichhaltige Musik, wie sie nur entsteht, wenn alles außer dem absolut Notwenigen zum Verschwinden gebracht wird. Und wenn das psychedelisch klingt, so nicht, weil längst historisch gewordene Effekte imitiert werden, sondern die Seele der Songs selbst „trancig“ wird. Wunderbares Album!

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