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Alle Artikel kategorisiert unter »Jörn Florian Fuchs«
Die Revolution streichelt ihre Kinder: Wolfgang Rihms „Eroberung von Mexico“ als Fluxus-Fasching in Saarbrücken
22.04.12 (Jörn Florian Fuchs) -
Mit eher leichtem, aber unruhigem Trommelgewirr geht die Chose los. Von allen Seiten kommt das, vor allem aus den Rängen. Vorn auf der Bühne des Saarländischen Staatstheaters nehmen derweil gemächlich festlich gekleidete Musiker Platz, Gesangssolisten erscheinen, auch der Dirigent eilt herbei. Wir sehen einen Konzertsaal im Stil der Fünfziger oder Sechziger Jahre. Bald strömen gewaltige Orchesterfluten, zarte Kantilenen heben und senken sich in einem häufig nervös durchzuckten Klangmeer. Ganz oben thront sogar ein Organist, der zwar Noten hat, aber nichts spielt. Hatten wir da einen Bericht der Tagespresse verpasst? Gibt es wieder mal Streik? Warum in aller Welt stellt das Programmheft ein Regieteam vor?
Viel Lärmen um ziemlich wenig: „Carmen“ bei den Osterfestspielen Salzburg
01.04.12 (Jörn Florian Fuchs) -
Eine heißblütige, aber sehr wankelmütige Frau zwischen mindestens zwei Männern – das ist, kurz gefasst, die Handlung von Bizets „Carmen“. Um diese Oper wirkungsvoll auf die Bühne zu bringen, braucht es ein paar Zutaten: eine nicht nur vokal temperamentvolle Sängerin für die Titelpartie, ein blech- und taktsicheres Orchester sowie eine Regie, die zumindest Carmen und den von ihr verschmähten Don José wirkungsvoll in Szene setzt. Letzterer sollte vielleicht auch noch ganz schön und authentisch schluchzen können.
Von Puppen und Menschen und Göttern: Wagners „Ring“ im Schnelldurchlauf am Salzburger Marionettentheater
31.03.12 (Jörn Florian Fuchs) -
Endlich mal keine stundenlangen Wotan-Monologe, kein Erda-Geschwurbel und keine Wanderer-Quizshow! Stattdessen drückt jemand immer dann die Vorspultaste, wenn Wagner sich (zu) ausführlich äußert. Philippe Brunner hat den Ring des Nibelungen auf gute zwei Stunden eingedampft, Carl Philip von Maldeghem liefert dazu eine neue Textfassung.
Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen: Achim Freyer gelingt eine brillante „Walküre“ in Mannheim
26.03.12 (Jörn Florian Fuchs) -
Na, gut. Auf den Speer hätte man sicher verzichten können. Nein, nicht auf die bisweilen in Einzelteile zerfallende, längliche Lichtskulptur auf der Bühne. Sondern auf das brennende Ungetüm, das in der zweiten Pause ins Theaterrestaurant einschlug. Kein Witz! Sogar im Inneren des Restaurants wurde fein säuberlich das Einschlagloch präpariert. Übrigens leuchtete zu all dem eine glasklare Mondsichel, das war real, hätte aber auch von Freyer sein können.
Aus der Mitte entspringt ein blutiger Bach: François Girard und Kazushi Ono mit Wagners „Parsifal“ in Lyon
19.03.12 (Jörn Florian Fuchs) -
Die Gralsritter sind bekanntermaßen unangenehm männerbündisch organisiert. Außer der bösen Verführerin & Urteufelin Kundry und den rasch verwelkenden Blumenmädchen beherrschen nur extrem erschöpfte Herren die Opernhandlung. Bevor sie von Parsifal erlöst werden, sinkt Kundry ohnmächtig – (wie) tot – zusammen. In François Girards Inszenierung fällt sie vielleicht nur in einen langen Schlaf, was sowieso eher unwichtig ist, da am Ende wahrlich kein Frauenmangel herrscht. Männlein und Weiblein tummeln sich und vermutlich gibt es bald Nachwuchs.
Unkaputtbare Avantgarde? „Einstein on the beach“ von Philip Glass, Robert Wilson und Lucinda Child, reanimiert in Montpellier
18.03.12 (Jörn Florian Fuchs) -
Le monde ist sich sicher: mit dieser Aufführung wird Geschichte geschrieben, Montpellier darf sich als kulturelle Hauptstadt fühlen. Also alles wunderbar? Nicht ganz, denn die drei Vorstellungen von „Einstein on the beach“ schlagen mit einer Dreiviertelmillion Euro zu Buche und da man an der Opéra de Montpellier traditionell sehr geringe Eintrittspreise verlangt, war die Angelegenheit zunächst heikel. Doch eine Großspende und gleich sieben Kooperationspartner zwischen Italien, den Niederlanden, Großbritannien, den USA und sogar Mexiko sorgen für die Aufteilung der Kosten.
Zwiespältiger Charakter in dekadenter Gesellschaft: Detlev Glanerts „Joseph Süß“, fulminant am Münchner Gärtnerplatztheater
05.03.12 (Jörn Florian Fuchs) -
Bevor sich der Vorhang zu dieser äußerst schrillen und düsteren Oper hebt, geht es erstmal in den Wald. In den deutschen, wo - laut Schild - Juden keinen Zutritt haben. Zwei urwüchsige Bajuwaren reißen dort Witze. Etwa über eine alte Jüdin, die ihr Mineralwasser nur ohne Kohlensäure - ohne Gas - bestellt, da ihre Familie... Naja, man weiß, was kommt. Dieses zynische Vorspiel vor dem Musiktheater wirkt als bitter-scharfes Amuse-Bouche, das nachfolgende Spektakel erregt die Sinne dann auf ungemein komplexere Weise.
Man töte dieses Bild! Reinhard Febels Operntriptychon „Morde in Bildern“ in Würzburg
23.02.12 (Jörn Florian Fuchs) -
Manche Zeitgenossen meinen ja schon lange, die Oper sei eine überlebte Kunstform und gehöre dringend ins Museum. Das Würzburger Mainfrankentheater nimmt solche Gedanken offenbar sehr ernst und verlegt Reinhard Febels hübsch grotesken Kammeroperndreier „Morde in Bildern“ stracks in den Kulturspeicher am Alten Hafen. Dort werden seit exakt zehn Jahren Würzburger Kleinmeister aber auch Szene-Stars wie Stephan Balkenhol gezeigt. Und jetzt spielt man auch noch Oper, wobei nicht alle Gemälde den Abend überleben. Dazu später mehr.
Ariadne ohne roten Faden: Christian Thielemann, Philippe Arlaud und zwei debütierende René(e)s bei „Ariadne auf Naxos“ im Festspielhaus Baden-Baden
19.02.12 (Jörn Florian Fuchs) -
Did you like the Inszenierung? Die Frage kommt überraschend, hinterrücks und mit starkem amerikanischen Akzent. Der Frager stellt sich als Norman aus Florida vor, er habe noch nie so viel für ein Flugticket bezahlt, sein absoluter Traum sei jetzt in Erfüllung gegangen: Renée Fleming als Ariadne! Die flattert vokal zwar anfangs arg durch ihre Partie, da ist sie allerdings auch ‚nur’ Primadonna und noch nicht Ariadne. Wenn es dann um Jenseitsgelüste, Liebeswerben, Wahn(un)sinniges sowie puren Strauss-Luxussound geht, blüht die Fleming auf und entsendet Schmerz und Schmelz und auch ein wenig Schmalz ins Publikum.
Wanken auf schwankenden Planken: Wagners „Götterdämmerung“ an der New Yorker Metropolitan Opera
03.02.12 (Jörn Florian Fuchs) -
Zum Schluss gibt es doch noch eine klitzekleine Regieidee. Die im Rheingold so triumphal auftretenden Götter sind inzwischen zu Gipsfiguren erstarrt und während die letzte Himmlische – Brünnhilde – sich meuchelt, zerplatzen die Köpfe der Gipsgötter. Dann senkt sich das riesige, viele Millionen Dollar teure Gerüst mit beweglichen Stahlstreben ein letztes Mal und zeigt eine bunte Mischung aus Wasser, Feuer, Licht – was am Ende eines Rings halt so übrig bleibt. Aber sind wir davon wirklich bewegt oder gar überzeugt?

