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Alle Artikel kategorisiert unter »Max Nyffeler«

Einbauküchen-Musik

01.07.08 -

Uraufführungen zu bestellen ist stets ein Risikospiel für die Veranstalter; man weiß nicht, ob man auf Flop oder Top gesetzt hat. Nicht weniger riskant kann es aber auch sein, wenn man bei einem Komponisten einen Grundsatztext fürs Programmheft bestellt. Das werden sich die Verantwortlichen der Münchner Musica Viva gedacht haben, als sie den Text in den Händen hielten, den sie bei Dieter Schnebel für das Jahresprogramm der neuen Saison bestellt hatten. Vielleicht hatten sie ein pastorales Geleitwort erwartet, doch unter dem Titel „Einige Gedanken zur Situation der Neuen Musik“ sandte ihnen der Komponist ätzende Bemerkungen über den auf Hochtouren laufenden Betrieb.

Konkrete Utopie

01.06.08 -

Um den Begriff der „konkreten Utopie“, der im Umfeld von Denkern wie Benjamin, Bloch, Marcuse und Adorno aufkam und um 1968 zum Schlagwort einer kritischen Theorie der Kunst und Gesellschaft befördert wurde, ist es seit dem Fall des Eisernen Vorhangs still geworden. Die ihm innewohnenden Gedankenreste eines freiheitlich-utopischen Kommunismus‘, Ausdruck einer säkularisierten Messiaserwartung, haben ihre Überzeugungskraft im Westen verloren; im Osten glaubte mit Ausnahme einiger dissidenter Enthusiasten sowieso keiner daran. Heute geistern sie manchmal noch als Revolutionsromantik durchs deutsche Musikfeuilleton oder durch ästhetische Bekenntnisaufsätze heimatlos gewordener Linker.
Während solche Träumereien in der E-Musik, wo sie überwintern, dazu beitragen, dass die Branche von Außen­stehenden als sympathisch-weltfremd belächelt wird, sind aus dem angeblich dumpf profithörigen U-Musik-Bereich frischere, weniger ideologiebelastete Gedanken zum selben Thema zu vernehmen. Die Veränderung des schlechten Bestehenden wird hier ohne verschwiemelte Befreiungsrhetorik, dafür mit umso mehr Praxisbezug und Realitätskenntnis diskutiert. Zum Beispiel von Peter Gabriel, Mitbegründer der legendären Popband „Genesis“, Videokünstler, Pionier der digitalen Musikproduktion und engagiert in humanitären Projekten aller Art. Bei der diesjährigen MIDEM in Cannes gab er vor einigen Monaten einen Einblick in sein künstlerisch-politisches Denken und wie er sich eine Veränderung der Welt vorstellt: Nicht mit Rezepten aus dem 19. Jahrhundert, sondern auf der Basis der heutigen Kommunikationsmittel und der herrschenden Marktmechanismen.

Kulturtechnik

01.05.08 -

Früher war noch die Rede von Maltechnik und Kompositionstechnik, doch seit alles in der Welt Kultur ist, sind solche Bezeichnungen im Begriff Kulturtechnik aufgegangen. Und da zur Welt auch die Unterhose und ihr Inhalt gehört, muss selbstverständlich auch von einer Kulturtechnik der Unterleibsorgane gesprochen werden. Genau dieser Aufgabe unterzieht sich im Zusammenhang mit einem Buch der Autorin Charlotte Roche derzeit das deutsche Feuilleton. Es geschieht mit akribischer Gründlichkeit, denn Aufklärung kennt bekanntlich keine Tabus.
Die Süddeutsche Zeitung klärt in diesem Zusammenhang über die Kulturtechnik der Körperbehaarung auf: „Weibliches Achselhaar, unschuldig getragen, transportiert daher eine subtile, aber erschreckende Botschaft: schlechter Sex, gefolgt von sofortiger Schwangerschaft. Das bewusst getragene weibliche Achselhaar dagegen bedeutet das genaue Gegenteil, nämlich eine besonders intensive, ja obsessive Beschäftigung mit Sex und Lust.“
Bekanntlich lassen sich einmal gemachte Erkenntnisse nicht mehr rückgängig machen, handle es sich nun um Atome oder Achselhaare. Da stellt sich die Frage: Wie verhalte ich mich angesichts dieses Aufklärungsprozesses, der die letzten bislang im Dunkeln gehaltenen Körperzonen ins helle Licht der Öffentlichkeit holt? Muss Mann sich nun in Frau Roches Buch über die Kulturtechnik des weiblichen Geschlechtsorgans informieren, um endlich zu wissen, wie es geht? Muss Frau in der U-Bahn bei ihrem männlichen Gegenüber feststellen, ob er links oder rechts trägt, um sein Aggressionspotenzial einzuschätzen?

Quoten und Inhalte

01.04.08 -

Die Logik der Einschaltquoten, Pferdefuß der heutigen Massenmedien, ist ein Dauerärgernis, das man als Mediennutzer manchmal nur noch achselzuckend zur Kenntnis nimmt. Zu übermächtig ist der kommerzielle Druck, der dahinter steht. Doch manchmal wird dieses üble populistische Geschäftsprinzip unverhofft ins grelle Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit gerückt, was für die so genannten Verantwortlichen, die sich für nichts als den Profit verantwortlich fühlen, dann äußerst unangenehm ist.

Begriffsgespenster

01.03.08 -

Die Neue Musik ist oft eine theorielastige Angelegenheit, was ihr bekanntlich nicht gut bekommt. Eine Komposition, ein Lebenswerk oder sogar eine ganze Musikrichtung können zur klingenden Illustration gut ausgedachter Theoreme degradiert werden – zum Schaden der Musik und des Publikums, das sich aus dem Diskurs ausgeschlossen fühlt. Schlimmer aber sind die Spätfolgen. Was einmal als ambitionierte Theorie oder auch nur als schlaues Trendsetting begonnen hat, endet mit Sicherheit in den Niederungen von nachgebeteten Floskeln und Schlagworten, die sich wie Mehltau über die künstlerischen Impulse der Werke legen.

Zauberklänge im Blauen Kubus

01.03.08 -

Der riesige Gebäudekomplex des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe beherbergt neben den Einrichtungen im audio­visuellen Bereich auch das IMA, das Institut für Musik und Akustik. Eingebunden in die Gesamtstruktur des ZKM widmet es sich der musikalischen Forschung und Produktion an der Schnittstelle zu den neuen Medien. Seit seiner Gründung 1991 hat das heute von Ludger Brümmer geleitete Institut auf diesem Feld zahlreiche Initiativen entwickelt, angefangen von der Entwicklung neuer musikalischer Software über die Erteilung von Stipendien und Aufträgen für Kompositionen, die in den hauseigenen Studios realisiert werden, bis zur Edition einer CD/DVD-Reihe gemeinsam mit dem Label Wergo und öffentlichen Veranstaltungen. Und gemeinsam mit dem Freiburger Experimentalstudio hat das IMA den Giga-Hertz-Preis für elektronische Musik ins Leben gerufen; erster Preisträger war 2007 der Engländer Jonathan Harvey.

Fatal bis genial

01.12.07 -

Die Teilnehmer des Karlsruher Workshops (siehe Seiten 42 und 43) brachten den Entwurf einer CD-Rezension mit, den sie nach der ersten Sitzung, bei der die allgemeinen Grundlagen musikkritischer Arbeit besprochen wurden, definitiv ausarbeiten und am nächsten Tag zur Diskussion vorlegen sollten. Unverbindliche Vorgabe war die bei Wergo neu erschienene Porträt-CD von Markus Hechtle. Die meisten der 26 aktiven Workshopteilnehmer entschieden sich dafür, nur fünf Rezensionen bezogen sich auf einen anderen Komponisten. Dass gleich zwei davon hier veröffentlicht sind, ist nicht nur den besonders gelungenen Texten, sondern auch dem Neuigkeitswert des Gegenstands zu verdanken: Rued Langgaard und John Tavener sind Komponisten, die in deutschen Feuilletons praktisch nicht vorkommen. Der Workshop verlief in einer sehr angeregten Atmosphäre, Wissensdurst und Diskussionsbereitschaft der Mitwirkenden waren ungeteilt hoch. Auf die Qualität der Texte traf das nur bedingt zu. Vielen fehlte der nötige Begriffsapparat, manche hatten Probleme mit der deutschen Sprache. Auffällig war eine mangelnde Selbständigkeit im Denken. Die Rezensionen wimmelten von Formulierungen und Argumentationen aus dem CD-Booklet. Bei feuilletonistischen Denkfiguren, die schon im Original arbiträr wirken, sind solche Übernahmen besonders fatal, weil sie – abgesehen von der Nullinformation – sich zu Floskeln verdichten, die die Rezeption verstellen. Die Abschlussdiskussion hat in diesem Punkt vermutlich klärend gewirkt, nicht zuletzt dank der Anwesenheit von Markus Hechtle. Er machte klar, dass die Kritik dem Komponisten einen Bärendienst erweist, wenn sie die über ihn einmal in die Welt gesetzten Meinungen einfach reproduziert. Dass aber auch unter den notorisch beengenden Verhältnissen der Musikkritik – vorgegeben waren 1.800 Anschläge – Texte entstehen können, die einen frischen und unverstellten Zugang zur Musik ermöglichen, lässt sich an den besten Arbeiten dieses Workshops ablesen.

Hoch bezahlte Kreative

01.12.07 -

Zu den auffälligsten Veränderungen, die sich auf dem Feld der Neuen Musik in den letzten Jahren vollzogen haben, gehört, neben dem Vormarsch der Elektronik in Komposition und Interpretation, die immer aufwändigere Werbung. Massendruck und Versand von bunten Flyern und ganzen Festivalzeitungen, grafisch auffällige Programmbücher und multimediale Internetauftritte gehören inzwischen zur Tagesordnung bei einem Neue-Musik-Festival, das etwas auf sich hält.

Kunst-Richter

01.11.07 -

Zwei Kunst-Urteile haben in jüngster Zeit Diskussionen entfacht. Wohl verstanden, es geht nicht um Urteile von Kritikern, sondern ganz unmetaphorisch um Gerichtsurteile. Sie rufen in Erinnerung, dass auch künstlerische Äußerungen und das Sprechen über Kunst sich nicht im rechtsfreien Raum bewegen. Der erste Fall rührt an einen ganz heiklen Punkt, nämlich den Begriff der Kunstfreiheit. Der zweite Fall ist harmloserer Art; er betrifft Verwaltungsvorgänge im Subventionsbetrieb und besitzt auch einige unbeabsichtigt heitere Aspekte.

Das kenn’ ich doch

01.10.07 -

In einer Untersuchung über die Zuverlässigkeit von Aussagen, die auf Wiedererkennungseffekten beruhen, zitiert der Psychologie Gerd Gigerenzer den Ratschlag eines Wirtschaftsprofessors: „Wenn du eine Stereoanlage kaufst, wähle eine Marke, die du wiedererkennst, und das zweitbilligste Gerät.“ Da der Professor kein Fachmann für Stereoanlagen ist, verlässt er sich auf seinen gesunden Menschenverstand und denkt sich: Bei einer allgemein bekannten Marke ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ihre Produkte eine gewisse Qualität aufweisen, denn sonst würde ja keiner davon reden; aber das billigste Gerät lasse ich beiseite, denn es könnte ein Lockvogel und tatsächlich minderwertig sein.
Die Argumentation von Gigerenzer läuft darauf hinaus, dass halbinformierte Laien ein Ereignis oft präziser beurteilen und vorhersagen können als die im Detailwissen ertrinkenden Spezialisten, und er meint, dass Staat und Privatwirtschaft Milliarden sparen könnten, wenn sie sich nicht auf hochbezahlte Beratergremien, sondern auf wissenschaftlich aufbereitete Erkenntnisse des Durchschnittsbewusstseins stützen würden. Die diversen Versuche der letzten Jahre, McKinsey & Co. auf kulturelle Institutionen loszulassen, scheinen das zu bestätigen. Wenn bei den sündhaft teuren Expertisen überhaupt etwas herauskam, dann das, was man ohnehin schon wusste.

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