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Alle Artikel kategorisiert unter »Michael Zwenzner«

Klang-Aktionär und Charakterkopf

05.06.09 (Michael Zwenzner) -
Die Anfrage, zu Josef Anton Riedls 80. Geburtstag eine kurze Würdigung zu schreiben, wird in einem ersten Reflex zunächst zurückgewiesen: Habe man doch bereits Einiges zu diesem Komponisten und seinen Aktivitäten beigetragen in den letzten Jahren, und wünsche man sich selbst doch vielmehr den veröffentlichten Blick Anderer auf das Phänomen Josef Anton Riedl. Blicke Anderer auf Riedl gibt es ohne Zweifel zahllose, nimmt er doch bis heute höchst aktiv – wenn als Person auch meist im Hintergrund – am Geschehen des zeitgenössischen Kunst-/Musik-/Literaturlebens teil.

Die Heuchelei der Mirakel

01.03.02 (Michael Zwenzner) -

„In besonderem Maße widmet sie sich auch der zeitgenössischen Musik.“ So oder ähnlich kann man es fast in jeder Biografie bedeutender Interpreten klassischer Musik nachlesen, und so heißt es auch in jeder „politisch korrekten“ Laudatio auf heutige Musikpreisträger. Selten macht man sich dabei die Mühe, diese Aussage auf ihre Substanz hin zu überprüfen. Denn es ist ein Unterschied, ob man sich mit ein paar Auftragsstücken zeitgenössischer – zumal häufig konservativer – Musik schmückt und diese dann ein paar Mal aufführt; oder ob man sich der Verantwortung gegenüber dem großen Reichtum neuer Kunstmusik stellt; ob man versucht, zur Bildung eines aktuellen Repertoires beizutragen, indem man sich (wenigstens) der kompositorischen Meilensteine unserer Zeit annimmt. Auch wenn sie einem eben nicht gerade selbst gewidmet sind...

Einstand MaerzMusik

01.03.02 (Michael Zwenzner) -

Wenn es denn stimmt, dass die Orchestermusik unserer Zeit in Zukunft ihren Platz verstärkt in den Programmen der Berliner Festwochen erhalten soll (so zumindest Joachim Sartorius in einem Interview), dann wollen wir über das Programm der ersten Berliner MaerzMusik nicht meckern. Denn wenn jenes gleichermaßen faszinierende wie problematische Super-Instrument hier auch völlig ausgespart bleibt, so bieten die elf Tage (7.-17. März) doch ein ästhetisch wie auch konzeptuell erfreulich breites Spektrum. Mehrere thematische Reihen ziehen sich durch das Programm: Einzelereignis bleibt dabei „Musiktheater": Nach eindrücklichen Begegnungen mit den auratischen Trauermusiken von Klaus Lang ist man auf das gemeinsam mit dem Hebbel-Theater realisierte „Kirschblüten im Ohr" dieses 31-jährigen Österreichers sehr gespannt. In der „Langen Nacht der chinesischen Musik" gibt es Neue und traditionelle Musik auf westlichen und chinesischen Instrumenten (darunter Uraufführungen von Tung Chao-Ming, Pei Yuh-Shih und Sandeep Bhagwati), aber auch „China Avant Pop & Electronica". Ein „John Cage Event" knüpft gänzlich amuseal an die Arbeit dieses freundlichen Revoluzzers an: mit Werken, Performances, Medienstücken, Filmen, Installationen (darunter Neues von Michael Hirsch und hans w. koch) und neu komponierten Realisationen von Cages „Fontana Mix" u.a. von Jürg Frey, James Tenney, Christian Wolff und Werner Dafeldecker/Boris Hegenbart.

Auf zur Knochenparade!

01.02.02 (Michael Zwenzner) -

Anachronistisch sei „der Glaube an strukturelles Denken. Dafür setzt man Monate seines Lebens ein, und das hört keiner und interessiert keinen. Man verliert sein Leben darüber. Es ist das Perverse unseres Musikbetriebs. Er ist auf Uraufführungen fixiert, dafür produzieren wir. Es geht dem Betrieb um die Uraufführung, um diesen Event, nicht um die Musik. Das heißt für uns, dass wir uns ständig immer etwas Neues aus dem Hirn saugen müssen." Wir zitieren Olga Neuwirth, aus einem Gespräch, abgedruckt im Programmheft der letzten Schwazer Klangspuren. Das Bild ängstigt: Komponisten als Rädchen in einer brav funktionierenden Gesellschaft mit dem Primat der Wirtschaft über alle (Kultur-)Politik und Lebensbereiche. Und der Fetisch Wachstum waltet längst auch hier: Gefordert ist die Massenfertigung des glanzvoll Immerneuen mit der Kehrseite besinnungslosen Konsums. Bis zum finalen Hörkollaps. Festivals zeitgenössischer Musik als heimliche Paraden des Geldgeists? Uraufführungen als Events, deren zugrundeliegende Hirn- und Herzleistung niemand mehr interessiert?

Voilà Viola

01.12.01 (Michael Zwenzner) -

„Die Violaspieler wurden stets aus dem Ausschusse der Violinspieler entnommen. War ein Musiker unfähig, den Violinposten schicklich zu bekleiden, so setzte er sich zur Viola. Daher kam es, daß die Bratschisten weder Violine noch Viola spielen konnten." So harsch urteilte Berlioz 1863 in seiner Instrumentationslehre und benannte damit vielleicht den Urgrund aller Bratscherwitze. Allerdings, der Mann war weitsichtig, nicht nur was das Komponieren anging: „Doch sieht man von Tag zu Tag mehr die Mißlichkeiten ein, die aus Duldung solcher Leute entstehen, und so wird die Viola nach und nach wie die anderen Instrumente nur geschickten Händen anvertraut werden." Geschickte Hände haben sie, heutige Bratschisten wie Garth Knox, Barbara Maurer oder Tabea Zimmermann, neben anderen vertreten in fünf Konzerten am 11./12. Januar in der WDR-Reihe „Musik der Zeit" in Köln. Und zwar mit einigen Uraufführungen: Zunächst erlebt Morton Feldmans „The Viola in My Life I-IV" die erste zyklische Gesamtdarstellung, dann folgen „viol consorts" von Peter Eötvös, Georg Kröll und Heinz Holliger (letztere bearbeiteten Binchois und Machaut). Der zweite Tag bringt ein „Solo" von Walter Fähndrich, zwei konzertante Werke von Jörg Widmann und Heinz Holliger, dazu Kammermusik mit Viola von Georg Kröll und James Tenney. Vorbei also die Zeiten, da Berlioz’ befand, „von allen Instrumenten im Orchester ist die Viola dasjenige, dessen ausgezeichnete Eigenschaften man am längsten verkannt hat."

Das Neue, unmöglich?

01.11.01 (Michael Zwenzner) -

Seit nahezu hundert Jahren spricht man nun von „Neuer Musik“, andererseits beklagen Kritiker in den letzten Jahren immer öfter, dass bei vielen Uraufführungen nicht wirklich Neues zu hören gewesen sei. „Was das Neue interessant macht, ist, dass das Neue auf verschiedene Weise und in verschiedenen Varianten ansetzt und deswegen auch oft nicht als solches anerkannt und erkannt wird.“ So der Kulturphilosoph Boris Groys. „Das ‚authentisch Neue’ gab es nie und wird es auch nicht geben, das ist eine Illusion. Wie alle Kunst- und Kulturbegriffe ist der Begriff des Neuen kontextabhängig.“ Das Nachdenken über solche Varianten des Neuen, über verschiedene Kontexte scheint bei Kritikern nicht sehr ausgeprägt.

Hörlust

01.10.01 (Michael Zwenzner) -

Donaueschingen, Graz, Brüssel – der musikalisch neugierige Zeitgenosse verbindet die Namen dieser Orte sofort mit Neuer und neuester Musik: kompakte Festivals als Enklaven der Hörlust in einer ohrenbetäubenden Zeit. Wer nun nicht ständig reisen kann, dem bleibt als Ersatz das Radio oder das Angebot vor Ort: Konzertreihen im Stile der Münchner musica viva oder der Kölner „Musik der Zeit“. In der öffentlichen Wahrnehmung bleiben diese Reihen allerdings weit hinter den genannten Festivals zurück – sehr zu Unrecht:

Uraufführungen

01.07.01 (Michael Zwenzner) -

Die Zeit der Festspiele, Festivals und Musikfestwochen ist wieder angebrochen, und fast ein jedes größere Exemplar schmückt sich mit mindestens einer Uraufführung – von möglichst internationalem Format. Was für einige Intendanten lediglich Alibifunktion im Rahmen des üblichen Festivaltrotts hat (kommt „Repertoire“ eigentlich von „Repetieren“?), ist für andere unverzichtbarer Bestandteil lebendig präsentierter Musikkultur, Beitrag zur Bildung eines zukünftigen Repertoires. Etwa für den Konzertgestalter Maurizio Pollini, der an seinen Salzburger „Progetto“-Abenden in den letzten Jahren erfolgreich gemischte Programme bot, in diesem Jahr (am 30. Juli) sein Konzert aber ausschließlich Neuer Musik widmet, darunter Uraufführungen von Giacomo Manzoni und Brian Ferneyhough. Manzoni liefert mit „Oltre la soglia“ für Mezzosopran und Streichquartett ein „in memoriam“ für den im vergangenen Jahr verstorbenen Franco Donatoni. Ferneyhough arbeitet sich mit seinem (um fünf neue Sätze ergänzten) knapp fünfzigminütigen „The Doctrine of Similarity“ für Chor und Ensemble an die zeitlichen Dimensionen seines zurzeit in Entstehung begriffenen Musiktheaterwerks heran. Angesichts der kompromisslos ausdifferenzierten Schreibweise dieses Wahl-Kaliforniers ist von Seiten des Klangforums Wien und des Arnold Schoenberg Chors ein Bravourstück zu erwarten.

Parallele Welten

01.06.01 (Michael Zwenzner) -

Kaum auszudenken: Alle städtischen Kliniken schlössen ihre Entbindungsstationen, die Kreißsäle würden eingemottet, Hebammen und Ärzte kümmerten sich ab sofort nur noch um Greise und Verstorbene. Ob Geburten, Kindergarten, Schulunterricht: Alles bliebe der privaten elterlichen Initiative überlassen. Nur hier und da gäbe es kleine öffentliche Zuschüsse ... Kaum auszuhalten: Münchner Marstall geschlossen, Kölner Studio für elektronische Musik eingemottet, (greise) Pultstars in Gold aufgewogen, Repertoire der großen Institutionen: zumeist Werke längst ausgestopfter Komponisten. Die Initiativen zur Zukunftssicherung einer ernst zu nehmenden Musikkultur liegen in den Händen einiger Privatpersonen. Den Mangel öffentlicher Gelder kompensieren sie mit Selbstausbeutung. Kurz: Die Ur- und Wiederaufführungsquote heutiger Kunstmusik bei den Veranstaltern verhält sich umgekehrt-proportional zu ihrer öffentlichen Förderung.

Uraufführungen

01.04.01 (Michael Zwenzner) -

Simon Rattle und das Berliner Philharmonische Orchester präsentieren Werke von Grisey und Messiaen: stürmischer Applaus, ausverkaufte Philharmonie. Pierre Boulez leitet das Ensemble InterContemporain im Münchner Prinzregententheater, auf dem Programm eigene Werke und ein Klavierkonzert von Philippe Manoury. Auch hier: ausverkauft, jubelndes Publikum. Das hiesige Interesse an (französischer) Gegenwartsmusik scheint enorm... Doch seit seiner Gründung 1976 war es für das Ensemble InterContemporain der allererste Auftritt in der „Musikstadt“ München! Und in Berlin gab es anlässlich der 18. Musik-Biennale zahlreiche hochkarätige Konzerte mit (Ur-) Aufführungen nicht nur französischer Provenienz: dies fast immer vor leidlich gefüllten Sälen.

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