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Alle Artikel kategorisiert unter »Nikolaus Brass«
Neue Musik in der Rechtfertigungsfalle
04.10.11 (Nikolaus Brass) -
Wenn das „Progressive“ zwar registriert aber abgelehnt wird – geschenkt, gehört dazu. Wenn es nicht verstanden wird – o.k., Ausweis eben seiner Fortschrittlichkeit. Wenn es attackiert wird und verfolgt: scheußlich, aber „irgendwie“ verständlich. Aber wenn das „Progressive“ als solches überhaupt nicht mehr wahrgenommen wird und in einem öffentlichen Diskurs für seine „Daseinsberechtigung“ erst kämpfen muss unter der Rechtfertigung, doch eigentlich von großer gesellschaftlicher Relevanz zu sein und an diese Behauptung Forderungen anschließt, es seien ihm Schutzräume zu reservieren, um überhaupt wahrgenommen zu werden und in seiner gesellschaftlichen Bedeutung zur Geltung kommen zu können – da ist doch einiges zumindest „dumm“ gelaufen, wenn nicht sogar schief, grundschief.
Warum es Sinn macht, keine Angst zu haben: die Hamburger Klangwerktage 2010
07.12.10 (Nikolaus Brass) -
Dort, wo in der Pause das Pils ausgeschenkt wird, im Foyer von Kampnagel stehen vier Schlagzeuger hinter dem Tresen und schieben die Gläser auf dem Tresen hin und her. Reiben auf und an Gläsern. Sie schlagen ganz vorsichtig die Gläser aneinander. Sie finden Gegenstände mit denen sie hantieren. Besen, Schraubenschlüssel, Feilen. Man sieht fast nichts. Was man hört ist Geheimnis.
Untrügliches Gespür für Stimmigkeit
27.08.09 (Nikolaus Brass) -
Am 29. Juli 2009 nahm der Komponist und nmz-Kolumnist Nikolaus Brass den Musikpreis der Stadt München entgegen. Neben der Würdigung des Preisträgers geriet die Verleihung auch zu einer Gedenkfeier für den einige Tage zuvor verstorbenen Musikpublizisten und nmz-Redakteur Reinhard Schulz. Der hatte die Laudatio auf Brass verfasst, wohl wissend, dass er sie wahrscheinlich nicht selber würde vortragen können. Auszüge daraus lesen Sie auf Seite 5. Nikolaus Brass wiederum verband seinen Dank für den Münchner Musikpreis mit einer Würdigung des Verstorbenen:
a tempo (2009/07)
08.07.09 (Nikolaus Brass) -
In der derzeitigen Krise hätten „sanfte“ Gesellschafts- und Wirtschaftsutopien Konjunktur, so unlängst die Süddeutsche Zeitung in einem Feuilleton. Zitiert wurden Stimmen, die im Überzeugungston der Marktliberalen abschätzig meinten, nun würde wieder unter der Decke des ach so schlechten Großen Ganzen hingebungsvoll im Kleinen „gekuschelt“, statt sich damit abzufinden, dass der Kreislauf des globalen Kapitalismus eben mal Opfer verlange. Schick sei jetzt das Kleine und Überschaubare, defensive Sinnstiftung eher gefragt als aggressives Problemlösen.
a tempo (2009/06)
29.05.09 (Nikolaus Brass) -
Beliebt ist die Bedeutsamkeit. In den 60er-Jahren gab es den „Phonoklub“. Monat für Monat kam eine Platte ins Haus, Mozart, Mendelssohn, Beethoven, … und wenn ich mich recht entsinne, stand – jedenfalls in den ersten Jahren – irgendwo auf der Plattenhülle ein durchlaufendes Spruchband, eine Ermunterung, die ich damals sehr ernst nahm: „Weihet mit Musik hohe Lebensstunden … Weihet mit Musik hohe Lebensstunden …“
a tempo (2009/05)
03.05.09 (Nikolaus Brass) -
Der einzige Ort, an dem im öffentlichen Raum kenntlich um Diskretion gebeten wird, ist – neben dem katholischen Beichtstuhl – der Bankschalter. Galt die Ehrfurchtsbezeugung des Abstands traditionell dem Heiligen (Altarstufen bitte nicht betreten) , so ist unser heiliger Ort heute – der Schalter. Früher: Der Mensch vor Gott. Heute: Der Mensch vor dem Geld.
a tempo (2009/04)
26.03.09 (Nikolaus Brass) -
Es gab einmal eine Sendereihe im Hessischen Rundfunk unter dem Titel: Für wen komponieren Sie eigentlich? Interviews mit Henze, Kagel, Nono, Schnebel etc ... Ich hatte mir als Student die Buchveröffentlichung aus der „Reihe Fischer“ gekauft, Anfang der 70er-Jahre. Hansjörg Pauli war der Sammler und Frager. Ich weiß die Antworten nicht mehr, in der Erinnerung geblieben ist mir aber ein besonderer Beiklang dieser Frage.
Bemerkenswert an der Frage ist das hinten angestellte: „eigentlich“. Für wen komponieren Sie eigentlich? Der ganze Zwang der Rechtfertigung eines fragwürdig luxuriösen Tuns konzentrierte sich (für mich) in diesem „eigentlich“.
a tempo (2009/03)
01.03.09 (Nikolaus Brass) -
Ich weiß nicht, warum ich immer wieder darauf zurück komme: Warum bewegt mich die Tatsache, dass etwas ist, mehr als die Frage, was etwas ist? Hörerlebnisse der letzten Wochen: „Voci“ von Franco Donatoni (Deutschlandradio Kultur), „Benedictus“ aus Beethovens Missa solemnis (Karajan-Produktion 1966), Messiaens „Des Canyons aux Etoiles“ (Münchener Philharmoniker), „Gesänge der Frühe“ (alter Mitschnitt auf Kassette eines Schumann-Abends von Pollini in Salzburg). Kindliche Reaktion: Alles das gibt es! Diese Musik gibt es! Es ist menschenmöglich. Es gibt diese Ungeheuerlichkeit des Erfundenen, Gefundenen, Formulierten.
a tempo (2009/02)
30.01.09 (Nikolaus Brass) -
Mensch, mach Dich verständlich! Was willst Du eigentlich damit sagen? Was soll das Ganze? Ja, hm, ich habe versucht …
(Kennt jeder, so einen „Dialog“)
Nun sag schon, was Du meinst!
Menschliche Erfahrung ist nicht übersetzbar. Mein Schmerz ist nicht Dein Schmerz.
????
Kunstwerke sind nicht übersetzbar. Der Klang ist kein Wort.
???
Wohlfeil eingerichtet im Sekundären
01.10.03 (Nikolaus Brass) -
In der Mai-Ausgabe der nmz beklagte Max Nyffeler in seiner Kolumne unter dem Titel „Wir Verlierer“ europäischen Werteverlust – mit Seitenblicken auf Geoge W. Bush und John Cage. Peter Niklas Wilson erwiderte in der Mai-Ausgabe der Zeitschrift „MusikTexte“ (kurzer Auszug): „Sollte Nyffeler vergessen haben, dass sich die überkommene europäische Musikästhetik mit ihrer Polarisierung zwischen Genie und Normalsterblichen, zwischen Meisterwerk und bloßer Gebrauchsmusik bestens mit so aufklärerischen Bewegungen wie Absolutismus und Faschismus vertrug? Wollen wir wirklich ein neues Pantheon, in dem dann aber auch bitteschön Nono und Lachenmann neben Bach und Beethoven residieren, einen neuen Kanon, der den alten um „La Fabbrica Illuminata“ und „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ ergänzt? Der uns endlich wieder verbindlich sagt, was große Musik mit ganz großem G ist – und was nicht?“ Nikolaus Brass antwortete darauf (leicht gekürzt).

