3sat-Kulturjournalist fordert mehr kritische Distanz in seiner Zunft
14.08.2010 - Von Agentur ddp, KIZ
„Bei großen Kulturereignissen sind wir den Filmverleihern und Verlagen ausgeliefert“, sagte Conrad laut dem am Samstag vorab verbreiteten Beitrag. Die wollten definieren, wie die Berichterstattung zu erfolgen habe. Es würden fertige Produkte angeliefert, „und hinterher will man uns auch noch den Zeitpunkt diktieren, wann darüber berichtet werden darf“.
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...der TV-Redakteur als BadBlog-Leser?
…fein, dass das Gespräch über das Verkommen des Kulturjournalismus auf unseren Seiten (stark im BadBlog) schon lang stattfindet, und gerade aufgefrischt in einem Preisausschreiben von Moritz Eggert für den langweiligsten Feuilleton-Artikel auch Belohnung findet. (Siehe: badblock)
Schwach, dass sich nach einem aufgedunsenen “ZEIT”-Genöle jetzt auch der schmalbrüstig-verantwortliche Kunst-Redakteur von 3sat zu Wort meldet. Statt Praktikanten seit Jahren aus eigener “Überbeschäftigung” in inhaltliche Programmverantwortung zu jagen hätte er genug Möglichkeiten gehabt, sie aus- oder wenigstens weiterzubilden…
Theo Geißler
www.nmz.de
TV-Kultur
Theo:
Gut dass die NMZ das aufgreift, ich schaue mir diese TV-Kulturmagazine schon lange nicht mehr gezielt an, höchstens wenn ich per Zufall mal in eines hineinzappe. Die pseudoflotte Moderation schreckt mich ab, so dass ich schon keine große Lust mehr verspüre, den folgenden Beitrag anzusehen. Diese gemimte Intellektualität, bei der mit wichtigtuerischer Miene und zugleich mit krampfhaft lockerer Attitüde auswendig gelernte, vorgestanzte Sätze vorgetragen werden, ist ja sowas von peinlich. Und dazu schauen diese Moderatoren (oder Redakteure, ist eh egal) so unglückselig in die Welt hinaus! Das ist offenbar Pflicht, wenn es um kritische Kultur bzw. kulturelle Kritik geht.
Nur ein Vergleich: Da ist der heitere Beckenbauer ein anderes Kaliber - aber der steht ja auch nicht am unteren Ende einer arschdüsteren TV-Hierarchie, sondern hat es zu was gebracht in der Welt und kann deshalb lachen. Und er kann seine Botschaften 1000 Mal besser an die Leute bringen als die verquälten Kulturfuzzis in ihren nachtschlafenen Magazinen. Deshalb hassen sie ihn ja auch. Nietzsches Ressentiment-Theorie passt hier wieder mal ganz genau.
Wenn nun der 3Sat-Kollege jammert, dass die bösen Veranstalter ihm die Themen und Sendeformen vorgeben, dann soll er a) sich eben etwas Besseres einfallen lassen und b) ein bisschen Rückgrat zeigen gegen die Pressure Groups.
Klar, dass ein Filmverleih seine eigene Version auf dem Bildschirm sehen möchte. Aber dann muss man eben notfalls den Mut haben, nein danke zu sagen und ein anderes Thema zu nehmen. Es gibt genügend Stoff im Kulturbetrieb! Oder muss es eigentlich immer der gerade aktuelle Hype sein, dem alle hinterher rennen, weil sie alle Angst haben, sie könnten sonst aus der Herde ausscheren?
Man kann bekanntlich auch selbst recherchieren und seine eigene Fantasie walten lassen, statt nur Pressezettel und Demo-Videos zu verarbeiten. Von hochbezahlten Medienexistenzen dürfte man das eigentlich erwarten. Es ist schwach, “den Verhältnissen” die Schuld zu geben, wenn man selbst nichts erreicht, und sich dabei noch sozialkritisch aufzuplustert in der Hoffnung, sich dadurch unangreifbar zu machen.
Ist der “Spiegel” ein Sonderfall, was seine Beziehungen zur “Kulturindustrie” angeht? Wer ist die Kulturindustrie? Dazu gehören wir doch alle, die in den Medien arbeiten, auch der Kollege von 3Sat. Und wer ist nicht in der einen oder anderen Weise “Handlanger”? Es gibt doch nicht den absolut unabhängigen Medienarbeiter, genauso wenig wie es den absolut unabhängigen Politiker oder Hochschullehrer gibt. Das sind moralische Fiktionen von leidenden Angestellten in den Kulturbürokratien, die mit ihrer eigenen Abhängigkeit (das Wort Handlangerexistenz möchte ich hier vermeiden) nicht klar kommen.
Wenn der Kollege von 3Sat den “Spiegel” angreift, so darf man vermuten, dass er einfach zu einer anderen kulturindustriellen Fraktion gehört, die andere Favoriten aufbauen möchte. Dagegen habe ich nichts - er muss es aber auf glaubwürdige, und das heißt: auf intelligente Art machen.
Womit wir wieder am Beginn dieser Ausführungen angelangt wären.
Max, der Beckmesser
Kulturkritik als sophistischer Apparat
… upps, da habe ich offenbar zu schnell gelesen (typisch Internet) und verstanden, der 3Sat-Kollege habe seine Äußerung über den “Spiegel” und nicht im “Spiegel” gemacht. Der letzte Absatz meines vorigen Kommentars geht deshalb von einer falschen Voraussetzung aus. Inhaltlich bleibe ich aber bei der Aussage.
Und noch etwas, wenn ich schon beim Thema bin: Ich glaube nicht, dass die Lösung des Problems Kulturkritik in einer Annäherung an den politischen Journalismus liegen kann. Dieser erschöpft sich doch in seiner gängigen Form immer mehr bloß darin, den elenden Zank der Politiker geschickt anzustacheln. Beispielhaft dafür sind “Spiegel” und “SZ”: Sie stellen systematisch die laufend sich widersprechenden Interview-Aussagen von Regierungsmitgliedern oder von gleichen Parteimitgliedern (von Linken bis CSU) nebeneinander und nennen das kritischen Journalismus. Dabei ist es nur journalistisches Remmidemmi - es wird Öl ins Feuer gegossen, damit es noch ein bisschen mehr zum Himmel stinkt. So ähnlich läuft es beim Wrestling: Man hetzt die Kombattanten aufeinander, damit die Show noch krasser wird. Auf diese Weise soll wohl die Auflage vor dem Absinken gerettet werden. Ziemlich unkreativ.
Der Grund für den Frust, den die bunt lackierten Fernseh-Kulturmagazine und ihre Präsentatoren, aber auch die Artikel der jargonkranken Spiegel-Autoren verbreiten, liegt vermutlich eher darin, dass die Redakteure gezwungen sind, kulturelle Inhalte welcher Sorte immer unter dem Entertainment- und Trend-Aspekt zu verkaufen. Ein ehrlicher Redakteur ist da akut magengeschwürgefährdet, wenn er nicht gleich als unbrauchbar entlassen wird.
Das Fernsehen als Unterhaltungsmedium formt die Inhalte gnadenlos nach seinen Vorgaben, und dafür sorgt bekanntlich die ganze Hierarchie, die sich an der Quote orientiert, vom Redakteur aufwärts bis zu den politischen Aufsichtsgremien. Es muss eben alles massenkompatibel sein, wobei die Medien- und Politleute bestimmen, was “die Masse” ist: Alle jene, die nach ihrer Auffassung dümmer sind als sie selbst. Denen wird dann eine intellektuelle Armensuppe gereicht, und wir alle müssen sie auslöffeln. Das ist der normale mediale Patriarchalismus. Das Irrste daran ist, dass er sich noch als progressiv versteht.
Robert Spaemann hat einmal die Aufgabe der Philosophie so definiert: Sie habe „im Grunde genommen nichts anderes zu tun als das, was die Gemüsefrau schon immer wusste, in Schutz zu nehmen gegen den fortschreitenden Versuch einer gigantischen Sophistik, es ihr auszureden“. (Korrekterweise muss hier angefügt werden, dass Spaemann auch bei der heutigen Gemüsefrau gewisse Bewusstseinskontaminationen feststellt - sie ist eben auch nicht mehr, was sie einmal war…) Die Rolle der Sophistik übernimmt heute die sogenannte Kulturkritik, der es gelingt, auch noch die einfachsten Dinge undurchschaubar zu machen. Beim Fernsehen funktioniert das durch die Vorspiegelung von Evidenz.
Vielleicht ist hier auch ein Grund, warum Politik und Medien eine solche Angst vor Volksentscheiden haben und zu ihrer Abwehr die Begriffskeule “Populismus” erfunden haben. (Zum Glück gibt es in Sachsen noch ein paar Neonazis.) Könnte sich doch die Gemüsefrau eventuell auf das besinnen, was sie schon immer wusste, und zwar nicht nur in Bezug auf das Rauchen im Restaurant.
Das war wieder mal ein Gratis-Beckmesser, exklusiv für die NMZ.
HG, Max.
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