Abschied, Streit und Aufbruch - Das Kulturjahr 2015

30.12.15 -
Berlin - Der Tod von Günter Grass und die höchste Literatur-Ehre für eine weißrussische Autorin, der Streit um den Kulturschutz und die GoldeneLola für «Victoria» - auch im Kulturjahr 2015 lagen Höhen und Tiefen, Freude und Trauer nah beieinander. Eine Rückschau.
30.12.2015 - Von dpa, Nada Weigelt, KIZ

1. TOD VON GIGANTEN:

«Er war das 20. Jahrhundert, mindestens nach Thomas Mann», hieß es aus der Nobelpreis-Akademie. Mit dem Tod von Günter Grass ging am 13. April eine Ära zu Ende. Der Literaturnobelpreisträger und Autor der «Blechtrommel» starb mit 87 Jahren an den Folgen einer schweren Infektion in einem Lübecker Krankenhaus. Die Literaturwelt trauerte weltweit um einen großen, aber auch streitbaren Geist. «Ein wahrer Gigant», schrieb Schriftsteller Salman Rushdie.

Die Welt der Musik wurde am 19. Dezember vom Tod des berühmten Dirigenten Kurt Masur erschüttert. Nicht nur seine überragenden musikalischen Leistungen, sondern auch sein Einsatz für die friedliche Revolution 1989 in der DDR wurden gewürdigt. «Wir trauern um einen brillanten Musiker, einen großen Humanisten und einen engagierten Kosmopoliten», schrieb Bundespräsident Joachim Gauck.

2. NOBEL-EHRE FÜR WEISSRUSSIN:

Als Chronistin des Leids in der zerfallenden Sowjetunion bekommt die weißrussische Autorin Swetlana Alexijewitsch (67) den diesjährigen Literaturnobelpreis - ein politisches Signal. Der Deutsche Buchpreis geht an den hessischen Autor Frank Witzel (60) für seinen Roman «Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969». Mit dem renommierten Georg-Büchner-Preis wird der eher als Außenseiter geltende Schriftsteller Rainald Goetz (61) ausgezeichnet.

3. FILMGOLD FÜR VICTORIA:

Die höchsten Ehren der Filmwelt erhält in Hollywood der mexikanische Regisseur Alejandro G. Iñárritu. Seine bitterböse Satire «Birdman» sahnt gleich vier Oscars ab. Der deutsche Filmemacher Wim Wenders (70) ist mit «Das Salz der Erde» in der Sparte Dokumentation nominiert, geht aber leer aus. Großer Sieger beim Deutschen Filmpreis wird mit insgesamt sechs Lolas der Echtzeit-Thriller «Victoria» von Sebastian Schipper. Bei der Berlinale erhält der iranische Regimekritiker Jafar Panahi den Goldenen Bären für seinen Film «Taxi» - allerdings in Abwesenheit: Der 55-Jährige ist im Iran mit einem Arbeits- und Ausreiseverbot belegt.

4. WIRBEL UM KULTURSCHUTZ:

Seit dem Durchsickern eines ersten Entwurfs sorgen die Pläne von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) zum Schutz von Kulturgütern für einen Aufstand. Starkünstler Georg Baselitz lässt aus Protest Leihgaben in deutschen Museen abhängen, Sammler bringen ihre Schätze ins Ausland, der Kunsthandel fürchtet um seine Zukunft. Nach der Verabschiedung eines überarbeiteten Entwurfs im Kabinett steht jetzt die parlamentarische Debatte an. Grütters will mit dem Gesetz national wertvolles Kulturgut vor einer Abwanderung ins Ausland schützen. Auch der Handel mit geplünderten Kunstschätzen aus Kriegs- und Krisenländern soll eingedämmt werden. Bilder von barbarischen Zerstörungen vor allem in Syrien sorgen immer wieder für Entsetzen.

5. HÄNGEPARTIE UM NS-RAUBKUNST:

Der Krimi um den spektakulären Münchner Kunstfund findet kein Ende. Zwar hat der 2014 verstorbene Eigenbrötler Cornelius Gurlitt seine wertvolle Sammlung dem Kunstmuseum Bern vermacht, doch eine Cousine ficht das Testament an. Mit einer Entscheidung ist wohl erst im Frühjahr zu rechnen. Die mit der Suche nach NS-Raubkunst beauftragte Taskforce hat bisher erst in vier Fällen nachweisen können, dass die Bilder den jüdischen Eigentümern einst von den Nazis geraubt oder abgepresst wurden. Insgesamt sind aber fast 500 Werke verdächtig.

6. KUNST UND GROSSES GELD:

Der Hype auf dem Kunstmarkt geht allen Krisen zum Trotz weiter. Pablo Picassos «Frauen von Algier» werden im Mai in New York mit fast 180 Millionen Dollar (168 Mio. Euro) zum teuersten je bei einer Auktion verkauften Bild. Im November folgt der sonst nicht ganz so gigantisch gehandelte italienische Maler Amedeo Modigliani mit gut 170 Millionen Dollar für seinen «Liegenden Akt» dichtauf. Bergab geht es dagegen mit dem Düsseldorfer Kunstberater Helge Achenbach (63): Wegen Millionenbetrugs an reichen Kunden wird er im März zu sechs Jahren Haft verurteilt.

7. MISSTÖNE BEI PHILHARMONIKERN:

Die Berliner Philharmoniker, Deutschlands Vorzeigeorchester Nr. 1, einigen sich nach einer verpatzten Wahl erst im zweiten Anlauf auf einen Nachfolger für ihren scheidenden Chefdirigenten Sir Simon Rattle: Kirill Petrenko (43), Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper München, soll das Amt 2019 übernehmen. Weitere Wechsel: Beim Leipziger Gewandhausorchester tritt 2016 der lettische Dirigent Andris Nelsons (37) als Kapellmeister an. Intendant der Dresdner Semperoper wird ab 2018 der Schweizer Peter Theiler (59), derzeit Chef des Staatstheaters Nürnberg. Und bei der Staatsoper Berlin endet 2018 die Ära von Intendant Jürgen Flimm (74) - der Salzburger Kulturmanager Matthias Schulz (38) übernimmt.

8. THEATER UMS THEATER:

Nach einem beispiellosen Streit um die Zukunft der Berliner Volksbühne soll in zwei Jahren der Londoner Museumsdirektor Chris Dercon (57) die Nachfolge von Intendant Frank Castorf (64) antreten. Führende Theatermacher hatten dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) vorgeworfen, mit diesen Plänen das traditionsreiche Haus zu einer «Eventbude» zu machen. Das Wiener Burgtheater, das noch im vergangenen Jahr mit der fristlosen Kündigung von Intendant Matthias Hartmann für Schlagzeilen gesorgt hatte, zieht sich dagegen schnell am eigenen Schopf aus dem Sumpf: Das Haus wird unter der neuen Leitung von Karin Bergmann in der jährlichen Kritikerumfrage zum Theater des Jahres gewählt.

9. UNERWARTETES ENDE:

Der spektakulärste Verlagsstreit der deutschen Nachkriegsgeschichte geht auf unerwartete Weise zu Ende. In der Nacht zum 15. Juli stirbt Hauptkontrahent Hans Barlach mit 59 Jahren an einer Lungenzündung. Als Miteigentümer des Suhrkamp Verlags hatte sich der Hamburger Medienunternehmer jahrelang einen Machtkampf mit Verlagschefin Ulla Unseld-Berkéwicz geliefert. Höhepunkt war Anfang des Jahres die Umwandlung des traditionsreichen Hauses in eine Aktiengesellschaft. Seit Barlachs Tod ist Ruhe eingekehrt.

10. VIELE ABSCHIEDE:

Nicht nur das Ableben von Günter Grass und Kurt Masur, auch der Tod zahlreicher anderer Prominenter hinterlässt schmerzliche Lücken in der Kulturwelt. Mit Regisseur Helmut Dietl (70, «Kir Royal», «Rossini») stirbt einer der erfolgreichen deutschen Filmemacher, auch der schwedische Krimi-Kultautor Henning Mankell (67) erliegt einem Krebsleiden.

Bücherfreunde trauern zudem um Pumuckl-Erfinderin Ellis Kaut (94), Bestseller-Autorin Utta Danella (95) und den schwedischen Literaturnobelpreisträger Tomas Tranströmer (83). Nur ein halbes Jahr nacheinander sterben die renommierten Literaturkritiker Fritz J. Raddatz (83) und Hellmuth Karasek (81).

Vom Film verabschieden sich «Doktor Schiwago» Omar Sharif (83), «Winnetou» Pierre Brice (86) und «Dracula» Christopher Lee (93). Die Musik verliert Blues-Altmeister B.B. King (89), Bandleader James Last (86) und den legendären Jazz- und Swingmusiker Max Greger (89). Die Kunstwelt trauert um den renommierten US-Maler und Bildhauer Ellsworth Kelly (92).

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