Moritz Eggert hat ein Hörspiel geschrieben. Es bezieht sich auf die Uraufführung der neuen Oper von Georg Friedrich Haas “Bluthaus”, nach einem Text des Vorarlberger Autoren Händl Klaus. Hier sein Text aus dem Bad Blog Of Musick.
Denn um mich auf dieses epochale Ereignis hinzuweisen, hat mir die Werbeabteilung der Schwetzinger Festspiele einen Text zukommen lassen (nicht nur mir, sondern allen, die in ihrem Presseverteiler sind), den ich so genial, so kultig, so unfreiwillig komisch und over the top reißerisch fand, dass ich ihn euch nicht vorenthalten wollte.
Ich habe keine Ahnung, wie die Oper letztlich werden wird – wahrscheinlich wird es ein Meisterwerk , und ich wünsche sowohl Haas als auch Hendl, äh Händl Klaus sowie dem Regieteam und Dirigenten von Herzen den größten Erfolg für dieses Projekt. Aber dieser Pressetext, der fast schon verzweifelt versucht, eine typische zeitgenössische Oper mit derart sensationslüsterm Geschwafel anzupreisen (so dass die Bildzeitung dann hoffentlich auch zur Premiere kommt), darf einfach nicht unkommentiert bleiben.
Daher habe ich – zum ersten Mal in der Geschichte des Bad Blogs – eine Art Hörspiel kreiert, das ohne eine einzige Änderung am Originaltext ein Trailer für “Bluthaus” geworden ist, in dem die vielen Adjektive des Werbetextes auch mit dementsprechenden Klängen unterlegt wurden.
Hier könnt ihr es anhören: Bad Blog of Musick Trailer für Bluthaus
Hier der Originaltext:
Zu früh zieht der Herbst in diesem Jahr ein. Lang vor der Zeit fallen, immer noch grün und saftig, die Blätter. Ein Haus im südlichen Niederösterreich, noch nicht einmal ein Vierteljahrhundert alt, belastet mit einer Hypothek. Dasselbe Alter hat die jäh verwaiste Tochter des Hauses, die Studentin Nadja. Seit dem vor einigen Monaten geschehenen Unfall, bei dem beide Eltern starben, lebt sie allein hier. Sie fühlt, dass sie dieses belastete Haus verkaufen sollte, hat deshalb bereits Anstalten getroffen. Makler, Interessenten, Bankleute und Nachbarn stellen sich ein. Aber da ertönen immer wieder die Stimmen der Eltern: „Es geht nicht mehr…nicht mehr…nicht mehr.“
Was ist hier wirklich geschehen? Ein Sturm kommt auf. Der Makler bedrängt Nadja. Sie wendet seinen Übergriff um in eigenes sexuelles Drängen. Die junge Frau, gepeitscht von der Erinnerung an die als Unfall camouflierte Bluttat, schreit „Vater“ auf dem Höhepunkt. Die Wiederkehr, die Wiederholung – das Vergangene reisst auf. Da waren Inzest, Verzweiflung, Mord. Wer will dieses Haus noch kaufen?
„Man watet hier in Blut“, schreibt der in Tirol geborene, den Tod immer wieder umkreisende Dramatiker Händl Klaus, ein Meister der Reduktion, einer, der die Abgründe zwischen den Worten zum Schwingen bringt. Die Studentin wird das Bluthaus nicht verlassen, sie mag keinen Schlüssel nach außen mehr. Sie bleibt übrig.
Der Grazer Komponist Georg Friedrich Haas, in Vorarlberg aufgewachsen, stellt in seinen Werken der geltenden Normaltonalitat die mutige Entscheidung entgegen, frei über das Materialelement Tonhöhe verfügen zu können. Man hat dieses Verfahren „Mikrotonalitat“ genannt. „Wenn es ein Kriterium gibt, das Kunst ausmacht, dann ist es die Forderung, mehrdimensional zu sein, ja unendlich dimensional zu sein.“ (Haas) Den Klängen den Freiraum zum Leben zu lassen: dieses Verfahren korrespondiert aufs engste mit den rhythmisierten Zwischentönen der den Untergrund des Alltagsdaseins ausgrabenden, „Lebensechtheit“ einfangenden Texten Händl Klaus‘.
Liebe Schwetzinger Festspiele: Ihr könnt den Trailer gerne für eure Rundfunkankündigungen verwenden. Meine Kontonummer bekommt ihr über die NMZ.
Frohe unblutige Ostern wünscht euch Euer
Moritz Eggert
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