Zwei neue Kammeropern in Kaiserslautern: „Da kommt noch wer“ / „Ein Mond aus kochender Milch“


(nmz) -
Eine Frau und zwei Männer, das ist immer wieder eine spannende Konstellation – auch auf der Bühne. Das Pfalztheater in Kaiserslautern kombiniert zwei neuere Kammeropern in dieser Besetzung. In der Inszenierung von Bruno Berger-Gorski sind, jeweils als deutsche Erstaufführung, auf der Werkstattbühne zu erleben: „Da kommt noch wer“ des norwegischen Komponisten Knut Vaage und „Ein Mond aus kochender Milch“ des Luxemburgers Camille Kerger.
10.12.2013 - Von Andreas Hauff

„Da kommt noch wer“

„Da kommt noch wer“ entstand aus dem gleichnamigen Schauspiel des norwegischen Erfolgsautors von Jon Fosse. Der Schriftsteller und der Komponist bearbeiteten die Vorlage gemeinsam für die im Jahr 2000 in Oslo uraufgeführte Kammeropern-Version. Das Pfalztheater bringt die frisch revidierte Fassung vom Juni 2013 in der englischsprachigen Version. Zusätzlich ist an zwei Bildschirmen die deutsche Übersetzung mitzulesen. Die von Markus Bieringer geleitete Kammerbesetzung des Pfalztheater-Orchesters sitzt links im Hintergrund. Davor deutet Ausstatter Thomas Dörfler mit einfachen, aber wirkungsvollen Mitteln ein einsames kleines Haus am Meer an: Zwei Türrahmen, zwei Fensterrahmen, ein unebener Boden, vier angedeutete Einrichtungsgegenstände: Tisch, Stuhl, Kamin und Bett. Alles in Weiß, die Gegenstände sind verschnürt – wie notdürftig verpackt zum Ab- oder Antransport. Aber auch die Darsteller erscheinen in Weiß, symbolisch verpackt und verschnürt. Es ist dies vielleicht die wichtigste Botschaft dieses Abends: Menschen und Dinge erhalten ihre Farbe erst durch das, was wir in ihnen sehen. Und man weiß nicht, was sich unter der Verpackung verbirgt.

Dezente Videoeinspielungen von Wolken und Wellen, aber auch einzelne Geräuscheffekte aus dem begleitenden Kammerorchester deuten immer wieder den Ort an: Ein Paar („Sie“: Monika Teepe, „Er“: Richard Morrison) hat ein einsames Haus an der Küste gekauft, um dort zu zweit allein zu sein. Die Zweierbeziehung erscheint gefährdet, die Stimmung ist getrübt – trotz anfänglicher Neugier und Vorfreude. Insbesondere die Frau ist nervös: „Da kommt noch wer!“ Der Mann – „Niemand kommt.“ – versucht sie zu beruhigen. Doch es kommt tatsächlich wer: Der etwas unbeholfene Verkäufer des Hauses (Der Mann: Daniel Kim) wohnt in der Nähe und freut sich, in der einsamen Gegend wieder Ansprechpartner zu finden. Später stellt sich heraus: Das Haus hat seiner verstorbenen Großmutter gehört, und deren Tod scheint ihn ziemlich getroffen zu haben. Jedenfalls hat er das Haus weder ordentlich geputzt noch aufgeräumt. Der Mann aber will mit dem Nachbarn nichts zu tun haben. Dass die Frau sich nicht gleich abweisend verhält, macht ihn misstrauisch und schürt seine Eifersucht. Und indem er diese Gefühlslage kultiviert, befördert er genau das, was er befürchtet. Am Ende scheint sich die Frau auf dem Weg zum Nachbarn zu machen. Der Mann aber erklärt, er habe es ja gleich geahnt: „Da kommt noch wer.“

Schon Fosses Szenario ist eine packende Studie über die Ambivalenz von Worten und Handlungen. Was ist in dieser spannungsgeladenen Situation ehrlich, was ist gelogen, was ist vielleicht bloß höflich? An welcher Stelle wird nachbarschaftliches Verhalten zum harmlosen Flirt, wann ein harmloser Flirt zur ernsthaften Einladung? Die floskelhaften oder bewussten Wortwiederholungen im Text wirken wie Treibholz auf einer mächtigen Strömung. Knut Vaages Musik für ein Acht-Personen-Ensemble aus (Bass-)Flöte, (Bass-)Klarinette, (Kontra-)Fagott, Viola, Violoncello, Kontrabass und umfangreichem Schlagwerk malt nicht nur die uneinbedruckt weiter pulsierende Natur, sondern auch das beredte, gefährliche Schweigen zwischen den Protagonisten.

„Ein Mond aus kochender Milch“

Camille Kergers Kammeroper „Ein Mond aus kochender Milch“ (mit Libretto von Nico Helminger) präsentiert eine ähnliche Personen- und Darstellerkonstellation, nur hat hier Barbara Meszaros die Rolle der Frau („Sie“) übernommen. Das Szenario sieht eine Ecke eines verlassenen Molkereigebäudes mit Resten des ursprünglichen Inventars. Die Live-Musik aus dem Bühnenhintergrund wird von Synthesizer, Klavier und wiederum zwei Schlagzeugern realisiert. Dazu kommen Bandeinspielungen – auch mit Anklängen an Opern- und Tanzmusik. Die Singstimmen sind zwischen Singen und Sprechen differenziert ausnotiert. Das Tempo variiert im Laufe der Handlung deutlich, denn zu sehen ist eine Kriminal-Groteske, der die Musik wechselnde hintergründige Farben verleiht.

Die Besitzerin der seit Jahren geschlossenen Molkerei will das Anwesen verkaufen. Sie erwartet – mit Tageszeitung in der Hand und Opernmusik im Hintergrund – einen potentiellen Käufer. „Er“ (Richard Morrison) ist Diskothekenbetreiber und möchte aus dem ausgefallenen Ort „eine Kultstätte des Nachtlebens“ machen. Nicht zuletzt in der Absicht, den Kaufpreis zu eigenen Gunsten zu beeinflussen, beginnen die attraktive Frau, deren Mann seit Jahren verschollen ist, und der charmante Interessent einen Flirt. Die Annäherung wird unterbrochen durch einen plötzlich mit erhobener Axt auftauchenden Mann („Ein Dritter“: Daniel Kim), der sich als der (in der Zeitungsschlagzeile schon erwähnte) „Kreuzhackenmörder“ vorstellt und das Paar erst schikaniert und dann fesselt. In der Folge überschlagen sich die Ereignisse. Der Diskothekenbetreiber befreit sich, schlägt mit der Axt um sich und trifft eine Wand mit einem Hohlraum. Heraus kommt der Arm einer einbetonierten Leiche. Es handelt sich um den Ehemann der Besitzerin. Sie hat ihn, so berichtet sie notgedrungen, umgebracht, weil er trank und sie misshandelte. Dem Anschlag verdankt das Stück den Titel: Nach dem Austrinken einer mit Glassplittern versetzten Flasche Milch sah das Gesicht des Opfers aus wie „ein Mond aus kochender Milch“.

Während die Frau zu ihrer Verantwortung steht, beginnen die Männer ein längeres Verwirrspiel mit ihren Identitäten, und man sieht dabei unter ihrer Oberbekleidung die Verpackungsschnüre aus „Da kommt noch wer“. Der vorgebliche Kreuzhackenmörder erklärt, er sei ein harmloser Obdachloser und habe das Verbrechen aufklären wollen, während der Diskothekenbesitzer seinerseits eine Polizeimarke hervorzieht. Nach mehreren unerwarteten Wendungen steht am Ende fest, dass alle in Mitwisserschaft vereint sind und keiner eine wirklich weiße Weste hat. Als die Männer ihre Rivalität zurückstellen und sich einigen, die Diskothek gemeinsam zu betreiben, wird die Frau zum scheinbar willen- und hilflosen Opfer. Da entzieht sie sich der Misshandlung und greift selbst zur Axt – auf der Bühne zu sehen als stilisierter Tanz in Zeitlupe. Das Ende ist ein surreales Terzett der zunehmend verwirrten Frau mit den schwerverletzten, sterbenden Männern am Boden, indem die erlebten Situationen fetzenartig wiederkehren. „Ein Mond aus kochender Milch“ ist also nicht nur eine irrwitzige Kriminal-Groteske, sondern ironisiert auch die Gattung Oper mit ihren aus dem 18. und 19. Jahrhundert überlieferten Konventionen und Absurditäten. Diesen Akzent hätte die insgesamt sehr stimmige Regie noch deutlicher herausbringen dürfen.

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