Auf- und abgeklärt: Antonio Caldaras „Menschenfeind“ am Nationaltheater Weimar


(nmz) -
Er war einer der prominenten Komponisten im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts: Antonio Caldara. Ein wendiger Venezianer, lange am Hof in Wien. Er erhielt erhebliche Summen aus der Schatulle Kaiser Karls VI. (des Vaters von Maria Theresia), lieferte im Gegenzug rund 40 Oratorien, zahlreiche Madrigale und Motetten, 80 Opern, 100 weltliche Kantaten, über 300 Kanons und zwei Bücher Triosonaten.
03.12.2009 - Von Frieder Reininghaus

Ein respektables Exempel aus dieser überquellenden Produktivität wurde nun vom Nationaltheater Weimar mit neuen, überwiegend deutsch gesprochenen Dialogen untzer dem Titel „Der Menschenfeind“ reaktiviert: „I disingannati“ („Die Ernüchterten“ oder „Die Enttäuschten“).

Auf- und abgeklärt scheinen die Verhältnisse, in denen Celimene dominiert. Die junge Frau will ihre Liebe gleichmäßig aufteilen zwischen allen, die sie verehren und begehren. Ein weitgestecktes Ziel, das naturgemäß kaum konfliktfrei zu erreichen ist. Mindestens einer fühlt sich angesichts des Versprechens der freieren Liebe nicht glücklich und zufrieden. Das ist in diesem Fall Alceste, der die willensstarke, aber entschlußschwache Schöne entweder ganz und allein für sich haben möchte – oder gar nicht.

Mit seinem Plädoyer für unverstellte Artikulation der Gefühle und Meinungen, seinem Drängen auf Entscheidung und seiner insgesamt so ‚uncoolen’ Haltung verdirbt er nicht nur der Schönen das Spiel ihres Lebens, sondern verstößt auch generell gegen den „bon gôut“ (den klar definierten „guten Geschmack“). Insbesondere auch mit seiner als ziemlich lächerlich gekennzeichneten Eifersucht gegenüber dem affektierten Marquis Filindo (Ulrika Strömstedt; Sopran), dem nicht minder affektierten Markgrafen Acasto (Christine Hansmann, Mezzosopran – beide tatsächlich überdeutlich „affektiert“) sowie dem jungen Dichter Trigeno (vorzüglich: die junge Anna Buschbeck, Sopran).

Im Regelwerk der gesellschaftlichen Konventionen wie in der Charakterisierung der Figuren, wie sie ursprünglich 1666 von Molière erschaffen wurden, spiegelt sich zwar die scharf normierte Ästhetik der Geschlechterverhältnisse und die verbeulte Ethik der menschlichen Beziehungen, wie sie für die lange Ära Ludwigs XIV. charakteristisch war. Und doch zielte und zielt das, was davon 1729 in Giovanni Claudio Pasquinis Libretto aufgegriffen und mit Momenten der italienischen Buffo-Tradition angereichert wurde, generell auf die Gesetze und die Anarchie des Liebesmarkts.

Der Regisseur Michael Dißmeier hat das molière-pasquinische Menschenensemble in eine Art Gesamtschul-Aula der jüngeren Vergangenheit beordert – in einen von Steffi Wurster aus dem Geiste Anna Viebrocks gestalteten Raum des geselligen Beisammenseins und der gelegentlichen Amokläufe. Da kommt zusammen, was nicht zusammengehört: Eine Sitzgarnitur nach der Mode der 70er Jahre und ein etwas modernerer Wasserspender, ein Automat für Snacks und Süßigkeiten (aus dem aber Papierwaren kommen: Tropenstrand-Poster, Landkarte von Sibirien und Geldscheine), alte Kinostühle, eine Kühl-Gefrier-Einheit „Polar 2000“, ein Basketballkorb und jede Menge Plastikbecher. Dies Sammelsurium des Jugendlichenalltags von gestern mag an die Zielgruppe adressiert sein, die das Weimarer Theater mit dieser Produktion im e-Werk bevorzugt ansprechen will. Freilich: erkenntnisträchtiger als Kostüme aus der Zeit der jungen Marie-Thérèse sind verbeulte Straßenanzüge und verschwitzte T-Shirts auch nicht unbedingt – aber eben erkennbar auf die keineswegs nur anmutige ästhetische Gegenwart gerichtet.

Am Ende ist man dann dankbar, daß in Weimar nicht allzu viel historisch-kritisches Wollen mit langatmigen Rezitativen am Werk war. Selbst in der optischen Überlagerung, in der Liebe vor allem aus modernem Streß zu bestehen scheint, verschafft sich die Molièresche Skepsis gegenüber jeweils modernen Formen der Kapitalakquisition Geltung: In der Figur des Alchymisten, der aus Quecksilber Gold brauen will, sind unschwer auch die Protagonisten der neuen Märkte zu erkennen. Dichter und Librettist wußten, wie sehr ihre scheinbar von der Welt draußen abgehobenen Kammerspiele auf einem gesellschaftlichen Zusammenhang basierten, der sich durch übergebührliche Auspressung von Steuern, Betrug und Raubkriegen ernährte. Daß sie davon aber wohlweislich schwiegen und die formschöne Musik sprechen ließen, macht ihr Anliegen auch heute noch so goutierbar.

Antonio Caldaras Bühnenmusik hat eine gehörige Portion vom Kirchenstil dieses Wiener Großmeisters im frühen 18. Jahrhundert abbekommnen. Aus ziemlicher Distanz, erhöht hinter der hermetisch begrenzten und ohne regulären Ausgang gelassenen Spielfläche, agiert das kleine Orchester unter Leitung von Olaf Storbeck. Mit der wünschenswerten Prägnanz, den Kontrasten von Schärfe und Charme durchmißt es die Musik, die mit der zikadenhaften Zofe Alexandra Steiner ein musiktheatrales Jungtalent fand, das größere Zukunft haben müßte. Und mit Heike Porstein (Celimene) und Artjom Korokov (Misanthrop Alceste) zwei kompetente Sänger-Protagonisten.

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
CAPTCHA
Diese von Menschen zu lösende Aufgabe ist zur Vermeidung von Spam-Inhalten leider notwendig.
2 + 4 =
Lösen Sie dieses einfache mathematische Problem und geben das Ergebnis ein. z.B. Geben Sie für 1+3 eine 4 ein.