Aus der Meisterklasse Franz Schrekers: Kammermusik von Jerzy Fitelberg auf CD


(nmz) -
Als Franz Schreker 1922 von Wien in die deutsche Hauptstadt übersiedelte, nahm er viele seiner Kompositionsschüler mit. Seine Meisterklasse an der dortigen Hochschule für Musik entwickelte sich zu einem der produktivsten und anregendsten Treffpunkte im Berlin der zwanziger Jahre. Ihr gehörte auch der 1903 als Sohn eines bekannten Dirigenten und Komponisten in Warschau geborene Jerzy Fitelberg von 1922 bis 1926 an.
01.01.2016 - Von Albrecht Dümling

Von Berlin aus verbreitete sich sein Ruf in ganz Europa. 1928 gewann sein 2. Streichquartett einen Kompositionspreis in Paris, 1929 wurde sein erstes Violinkonzert auf dem Genfer Festival der IGNM erfolgreich vorgestellt. Auch auf den nächsten IGNM-Festivals war Fitelberg, der ab 1933 in Paris lebte, mit eigenen Werken vertreten. 1940 musste der Komponist vor der deutschen Besatzung nach New York fliehen, wo er 1951 starb. In der New York Public Library befindet sich heute sein Nachlass.

Musik von Jerzy Fitelberg ist momentan vor allem durch Aufnahmen der ersten Klaviersonate, seines Concerto (1928) sowie des späten Doppelkonzerts für Posaune und Klavier (alle bei eda records) zugänglich. Die neue CD des kanadischen ARC (Artists of the Royal Conservatory Toronto) Ensemble richtet den Blick dagegen auf die Kammermusik. Fitelbergs frühe Nachtmusik op. 9 für Klarinette, Cello und Celesta, nach dem berühmten Morgenstern-Gedicht als „Fisches Nachtgesang“ bezeichnet, entstand 1921 vor der Übersiedlung nach Berlin und belegt viel Sinn für aparte Klangfarben; gelegentlich klingt auch Schönbergs „Pierrot lunaire“ an.

Das 1. Streichquartett, 1926 am Ende der Lehrzeit bei Schreker entstanden, überrascht durch die ungewöhnliche Formanlage. Zwei Presto-Sätze im raschenden Marschtempo umrahmen ein gesangliches Andante, ein spielerisch-motorisches Allegro und ein weiteres Allegro, das theatralischen Humor offenbart.  Die sachliche Rhythmik lässt an Strawinsky, die Marsch-Ironisierung an Hindemith denken.

Das zwei Jahre später entstandene Streichquartett Nr. 2, heute in der Streichorchesterfassung bekannt, rückt in der kühlen Sachlichkeit der schnellen Ecksätze noch stärker an Strawinsky heran, während der kantable Mittelsatz dazu einen Kontrast bildet. Intelligent und formklar sind auch Fitelbergs Sonatine für zwei Violinen (1939) und die in New York entstandene Serenade für Viola und Klavier (1943), die Isaac Stern noch im gleichen Jahr uraufführte.

Die Aufnahmen, durchweg Ersteinspielungen,  überzeugen durch Stilsicherheit und klangliche Transparenz. Das hervorragende, aus Dozenten und Absolventen der kanadischen Hochschule bestehende ARC Ensemble widmet sich schon seit Jahren NS-verfolgten Komponisten, die es in einer eigenen Konzertreihe „Music in Exile“ vorstellt.  Sein künstlerischer Leiter,  der Gitarrist Simon Wynberg, hat jeweils auch die kundigen Booklet-Texte verfasst. Wegen ihrer hohen Qualität wurden die Aufnahmen von Kammermusik von Mieczyslaw Weinberg und Julius Röntgen 2008 für den Grammy nominiert. 

Diese CDs wie auch die nachfolgende mit Kammermusik von Adolf Busch und Walter Braunfels erschienen noch bei RCA Red Seal. Mit Kammermusik von Paul Ben-Haim wechselte das Ensemble 2013 zur Firma Chandos, wo auch die vorliegende CD erschien. Es bleibt zu hoffen, dass es bei diesem Label noch weitere Entdeckungen präsentieren darf.

Beschriebene Rezensionsobjekte: 

Chamber Works by Jerzy Fitelberg

  • Jerzy Fitelberg
  • ARC Ensemble
  • 2015
  • CHANDOS Records
  • Bestellnummer: CHAN 10877
  • Streichquartette Nr. 1 und 2, Serenade, Sonatine, Nachtmusik „Fisches Nachtgesang“

Bewertung:5 von 5 Punkten

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