Azucenas Rache – In Dessau triumphiert die Musik in Verdis Troubadour


(nmz) -
Es ist wohlfeil über diese ziemlich vertrackte Geschichte von Salvatore Cammarano zu lästern. Ein Glück, dass Giuseppe Verdi im Laufe seiner Karriere auch andere Ideenlieferanten (bis hinauf zu Schiller) und Librettisten hatte. Ein anhaltender Erfolg ist diese Räuberpistole „Trovatore“, die zwischen „Rigoletto“ und „Traviata“, 1853 in Rom das erste Mal auf die Bühne kam, dennoch. Zumindest, wenn man die richtigen Sänger beisammen hat und sich alle Interpreten auf der Bühne und die Musiker im Graben auf Verdi ein- und verlassen. So wie jetzt in Dessau.
24.01.2016 - Von Joachim Lange

Die Vorgeschichte ist dabei genauso blutrünstig wie die Gegenwart im Stück. Das Aufeinandertreffen des Troubadours Manrico und seiner Ziehmutter Azucena mit dem charakterfiesen Grafen Luna, der genauso scharf auf Leonora ist wie Manrico und sich als dessen Bruder herausstellt, rast mit Hochdruck auf die Katastrophe zu. Am Ende hat sich Leonora selbst umgebracht, weil sie das Versprechen einer Liebesnacht mit Luna gegen das Leben von Manrico nicht wirklich einlösen will. Luna wiederum schneidet Manrico die Kehle durch. Verzweifelt dann aber, als ihm Azucena im Triumph ihrer Rache eröffnet, dass er soeben seinen leiblichen Bruder umgebracht hat. Halbwegs verstehen kann man das nur aus der im Laufe des Abends erzählten Vorgeschichte. 

Als ob der Hahnenkampf von Tenor Manrico und Bariton Luna um den Sopran Leonora nicht schon reichen würde für den gepfefferten Parforceritt Verdis von einem Hit zum anderen, ist das Schicksal des Mezzos Azucenas von kaum zu überbietender Tragik. Deren Mutter wurde einst von Landsknechten unter dem Kommando des alten Luna als Hexe bei lebendigem Leibe und vor den Augen der Tochter verbrannt. Worauf die in blinder Verzweiflung das Kind ins Feuer warf, das sie für den entführten Sohn des Grafen hielt. Kurz nach dieser Wahnsinnstat stellte sich das Opfer als ihr eigenes Kind heraus. Den unversehrten Grafensohn macht sie nun zu ihrem Sohn Manrico, jenem Troubadour, der der Oper den Titel gibt.

Eigentlich könnte das Ganze auch „Azucenas Rache“ heißen. Was an Verdi, aber in Dessau auch an Rita Kapfhammer liegt. Mit ihrer grandiosen, tragisch umflorten, dabei auch mit leisen Tönen durchdringenden Azucena krönt sie ein Protagonisten-Ensemble, das an die Verdi-Hochzeiten des Hauses unter dem langjährigen Nachwende-Intendanten Johannes Felsenstein erinnert. Als Gast verstärkt Leonardo Gramegna als mühelos schmetternder und in keinem Ton gefährdeter Manrico das hauseigene Ensemble. Ulf Paulsen ist wie immer mit vollem Einsatz als Luna dabei, lässt im zweiten Teil auch jeden Anflug von Angestrengtheit hinter sich und Iordanka Derilova zügelt ihre hochdramatische Stimme gerade so viel, dass eine überzeugende Leonora dabei herauskommt. Erfreulich, dass auch die kleinen Rollen (André Eckert als Fernando, David Amlen als Ruiz und Cornelia Marschall als Inez) sorgfältig besetzt und der mit Extrachor aufgestockte Opernchor von Sebastian Kennerknecht bestens einstudiert worden sind. 

Da der Dessauer Kapellmeister Wolfgang Kluge am Pult dafür sorgt, dass die Anhaltische Philharmonie ihre ganze Verdi-Affinität aufbietet und es auch mal richtig knallen lässt, ist die musikalische Überzeugungskraft des Abends enorm und wird vom Publikum gleich zwischendrin und dann am Ende reichlich gewürdigt. 

Regisseurin Rebekka Stanzel hält sich mit Deutungsambitionen zurück. Die Bühne von Ausstatter Markus Pysall bleibt düster abstrakt, die mächtigen Wände sind unheilverkündend verschiebbar. Das macht Effekt. Autoreifen evozieren einen assoziativen Brückenschlag über die Zeiten, und dienen als angedeuteter Scheiterhaufen ebenso wie als Altar im Kloster, wenn Leonora kurz davor ist, Nonne zu werden. Bei den historisierenden Kostümen hat sie allerdings Pech, erinnert sie doch mehr an ein Burgfräulein aus dem Märchen. Auch die Uniformierten streifen manchmal die Parodie wenn sie mit gespanntem Flitzebogen wie in einem Robin Hood Schinken auf die Konkurrenz zielen oder losmarschieren, wie halt ein Opernchor marschiert. Oder, wenn vor einen ohnehin schon martialischen Verdi-Chor noch mal zusätzlich mit einer hingestampften Selbstermunterungseinlage aufgerüstet wird. (Hier war das Publikum in Dessau offener für neues als die Münchner bei einer ähnlichen Einlage der Walküren vor ihrem berühmten Ritt …).

Das eigentliche Manko der Regie liegt in der Personenführung. Dass Rebekka Stanzel aus einem (wirklich tadellos singenden) italienischen Tenor nicht im Handumdrehen einen Sängerdarsteller machen kann, ist geschenkt. Dass man aber einen so spielfreudigen Darsteller wie Paulsen allzuoft zum Rumstehen verdonnert und auch die fabelhafte Präsenz einer Derilova verschenkt, ist zumindest schade. Wie das anders und geradezu berührend geht, konnte man bei Rita Kapfhammer beispielhaft erleben. Die sang nicht nur über die Maße gut, die spielte auch das Trauma dieser tragischen Figur höchst überzeugend. Und bekam dafür den Tick Beifall mehr in all dem Jubel, den sie verdient hatte.

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