Belagerungszustand, akustisch: Dror Feilers „Halat Hisar“ bei der Münchner „musica viva“


(nmz) -
Wenn die Nicht-Aufführung eines Werkes höhere Wellen schlägt als die nachgeholte Uraufführung, ist davon auszugehen, dass auch die Sprengkraft eher außerhalb denn innerhalb des Stückes wirksam ist. Die schütteren Buhs und Bravi, die sich nach Dror Feilers „Halat Hisar“ in den Wir-sind-noch-einmal-davongekommen-Applaus mischten, bestärkten diesen Eindruck.
03.10.2009 - Von Juan Martin Koch

Zur Erinnerung: Vor eineinhalb Jahren war die Uraufführung des Auftragswerks in letzter Sekunde am Widerstand des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks gescheitert. Feilers Opus gefährde ob seiner Lautstärke die Gesundheit, hieß es; der dilettantische Umgang mit dem vorhersehbaren Problem bescherte der altehrwürdigen musica-viva-Reihe einen Imageschaden.

Entsprechend verschämt verschwieg bei der Saisoneröffnung nun auch das Programmheft die Umstände des zweiten Anlaufs. Der Komponist hatte die Sitzordnung der über 90 Musiker entzerrt, auf zwei Zusatzpodien ragten die Geigen links und rechts in den Zuschauerraum hinein, zwei Paravents sollten direkten Schalldruck mindern helfen.

Weitere Zugeständnisse hatte Feiler nicht gemacht: Nach einem Präludium, bei dem verstärkte Solo-Bassflöte und das eine von zwei präparierten Klavieren auf vermintem Streichergelände die Sache noch einigermaßen im Griff zu haben scheinen und die MG-Salven aus den Lautsprechern beinahe noch als scharfe Groove-Gewürze durchgehen, bricht das Inferno los – der „Belagerungszustand“ (so die Übersetzung des Werktitels) beginnt.

Nicht die tosende, aber durchaus noch tolerable Lautstärke an sich stellt von da an die Hauptbelastung dar, entscheidend ist das Gefühl des Ausgeliefertseins an einen trotz – oder gerade wegen – der größtmöglichen Binnendifferenzierung (jedes Instrument ist einzeln notiert) deprimierend einförmigen Lärm. Fast dankbar nimmt man dynamisch herausgehobene Schlagwerkpassagen war. Sie sorgen kurzzeitig für strukturierenden Halt in dem über 20-minütigen Gewaltakt, während die vom Dirigenten signalisierten Abschnittwechsel nur graduelle Verschiebungen in der Lautentwicklung bedeuten.

Die Vergeblichkeit, mit der Carin Levine an der Flöte und Jan Philip Schulze am Klavier eine eigene vernehmbare Stimme zu erheben versuchen, ist zusammen mit den im Kollektiv untergehenden Orchesterstimmen das nahe liegende Sinnbild für das vom Krieg eliminierte Individuum. Feilers Musik macht keine Gefangenen.

Ästhetisch und handwerklich bleibt Feilers Ansatz unbefriedigend, als politisches Statement wird man ihm dagegen eine gewisse Kraft nicht absprechen können. Diese wird freilich nur in Verbindung mit Hintergrundinformationen wirksam: über die Biografie des Komponisten und das Stück selbst. Der nach Schweden emigrierte israelische Kriegsdienstverweigerer widmete „Halat Hisar“ zwei Protagonisten der israelisch-palästinensischen Friedensbewegung. Der Titel bezieht sich auf die gleichnamige Gedichtsammlung des palästinensischen Poeten Mahmud Darwisch und die Besetzung Ramallahs im Jahr 2002.

Mit seiner kompromisslosen Haltung wirkt Dror Feiler als Künstler authentisch, doch vermag sein neues Stück dem hohen moralischen und ästhetischen Anspruch nur bedingt standzuhalten. Die in seinen durchaus nachdenkenswerten Kommentaren heraufbeschworene Qualität des Lärms, die das Denken über Musik übertönt und somit unmittelbares Erleben freisetzt, stellt sich in „Halat Hisar“ nicht ein.

Vorausgegangen waren dieser spät- und letztlich doch auch fehlgezündeten Klangbombe als größtmöglicher Kontrast zwei Werke Morton Feldmans. Die Gegenüberstellung erlaubte einen erhellenden Einblick in zwei verschiedenartige Ausprägungen von Feldmans kompositorischem Denken. Gelang es den unter Roland Kluttig präzise und trennscharf agierenden BR-Symphonikern in den kleiner besetzten „Turfan Fragments“ nicht endgültig, die vertikal scheinbar unverbundenen Klangereignisse und -verschiebungen zu einem, wenn auch löchrig zerfasernden, Gesamtgewebe zu verknüpfen, so stellte sich in „String Quartet and Orchestra“ die – kompositorisch auch viel deutlicher akzentuierte – Horizontale mit klarer Selbstverständlichkeit ein.

Das Pellegrini Quartett hatte, manch allzu emphatischer Klangerzeugung von Primarius Antonio Pellegrini zum Trotz, erheblichen Anteil am Gelingen einer Musik, die aus ihrer Ruhe heraus immer wieder mehr Intensität zu entfalten vermochte als die sich nach der Pause anschließende Verpuffung.

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