nmz-Online

Auf dieser Seite finden Sie alle Artikel, die ausschließlich online und in keiner Print-Ausgabe erschienen sind. Sie können die Online-Artikel per RSS abonnieren.

Szenen eiskalten Startums in Janáčeks „Sache Makropulos“

20.10.14 (Wolf-Dieter Peter) -
Im Umfeld von Münchens Staatsoper tobt schon seit Wochen ein Star-Hype: Anna Netrebko und Jonas Kaufmann sollen in Puccinis „Manon Lescaut“ singen. Star-Sein, wenn irgend möglich in ewiger Schönheit, ist für Münchens Schickeria ein zwischen Brasiliens Schönheitsfarmen und hiesigen Arztpraxen höchstaktuelles Thema. Mag sein, dass deswegen Regisseur Árpád Schilling das Werkende um Janáčeks Gesangsstar Elena Makropulos „münchnerisch“ verfälscht hat.

Leise rieselt der Schnee – Das Theater Lübeck mit einer „Bohème“ hinter Gaze

19.10.14 (Arndt Voß) -
Weihnachten steht vor der Tür. Was passt da besser als Puccinis Ohr und Herz wärmende „La Bohème“? Aber das Theater Lübeck setzte noch eines drauf. Es hatte den italienischen Regisseur Paolo Miccichè eingeladen, das Geschehen um die Blumenstickerin und den armen Poeten zu inszenieren (Premiere: 17. Oktober). Denn Miccichè ist bekannt dafür, durch Lichteffekte und Projektionen auch aufs Auge zu wirken.

Das echte Füchslein und die falschen Gefühle – Leoš Janáček an der Semperoper Dresden

19.10.14 (Michael Ernst) -
Regisseur Frank Hilbrich will Leoš Janáček auf den Grund gehen. An der Dresdner Semperoper untersucht er die biografischen Intentionen im Original von „Füchsin Schlaukopf“. Die Sehnsucht eines alten Mannes und ein echter Fuchs. Ob das zusammengeht? In der Oper? Auf der Bühne?! Aber ja, aber wie!

Katastrophenwetter an der Wolga – Am Staatstheater Meiningen beeindruckt Ansgar Haag mit Leoš Janáčeks „Katja Kabanova“

18.10.14 (Joachim Lange) -
Opern von Leoš Janáček (1854-1928) ins Programm zu nehmen, ist immer noch nicht so selbstverständlich wie er es eigentlich sein müsste. Die Musik des Tschechen ist grandios und ohne den Bombast eines Puccini. Zwischen Spätromantik und Moderne behauptet sie ihren eigenen Platz. Ihr spezieller Parlandostil ist dem tschechischen Sprach-Mutterboden so harmonisch entwachsen wie sonst vielleicht nur das Belcanto dem Italienischen. Die symphonischen Passagen sind betörend atmosphärisch. Seine Opern erzählen nicht von Göttern oder Prinzen, sondern meist von den Bedrängten. Von Frauen zumal, die mit ihrem Schicksal die Zeche für die Unterdrückungsmechanik der männerdominierten Werteordnung zahlen.

Triumph der Randfiguren – Richard Strauss’ „Ariadne auf Naxos“ konzertant in der Berliner Philharmonie

15.10.14 (Peter P. Pachl) -
Berlin hätte im Richard Strauss-Jahr durchaus die für und gemeinsam mit Max Reinhardt und seinem Berliner Ensemble realisierte Urfassung von Richard Strauss’ sechster Oper verdient. Gerade wenn aufgrund der noch nicht abgeschlossenen Arbeiten an der Obermaschinerie der Deutschen Oper Berlin eine Ausweichspielstätte gefunden werden musste, wäre eine Aufführung der Ur-„Ariadne“ denkbar gewesen. Aber in der Philharmonie erklang die gängige Zweitfassung aus dem Jahre 1916.

Architektur der Musik: Lichtvolle Klänge in Wroclaw

15.10.14 (Michael Ernst) -
Alle zwei Jahre richtet die Oper Wroclaw ein Festival der zeitgenössischen Oper aus und beweist damit, wie ernst sie es mit der musikalischen Moderne meint. In diesem Herbst fand dieses Festival zeitgleich mit den World Music Days 2014 statt, die von der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM bzw. ISCM für International Society for Contemporary Music) seit 1922 in jährlich wechselnden Städten ausgerichtet werden.

Zum 70. Geburtstag des Komponisten Mathias Spahlinger

15.10.14 (Andreas Kolb) -
Erst Anfang dieses Jahres war Mathias Spahlinger mit dem mit 15.000 Euro dotierten Großen Kunstpreis Berlin ausgezeichnet worden. Die Akademie-Jury würdigte ihn als einen Komponisten, dessen Schaffen in herausragender Weise künstlerische Verantwortung und gesellschaftspolitisches Bewusstsein verbinde. „Seine Musik gewinnt ihre Kraft aus dem konsequenten Versuch, unter der Oberfläche der Erscheinungen die Mechanismen ihrer Entstehungsbedingungen mitzudenken und in unerhörte klangliche Erfindungen zu verwandeln. Seine Werke existieren in einem Spannungsfeld zwischen ästhetischer Autonomie und politischem Bewusstsein wie bei kaum einem anderen Komponisten.“

Liebelei mit dem Tod – Lorenzo Fioroni inszeniert am Staatstheater Kassel den „Rosenkavalier“

13.10.14 (Joachim Lange) -
Gibt es eigentlich eine weibliche Form für Kavalier? Der Rosenkavalier jedenfalls ist ein (von einer Frau gesungener) junger Mann von Stand, der sein Scherflein dazu beiträgt, die arrangierte Hochzeit zwischen einem sanierungsbedürftigen Landadligen und der Tochter eines Neureichen durch die Überreichung einer Silberrose einzuleiten. Was gründlich daneben geht, weil der sich selbst in die Braut verliebt. Als Rosenkavalier jedenfalls versagt dieser Graf Rofrano komplett. Als jugendlicher Liebhaber der Fürstin Feldmarschall Marie-Therese von Werdenberg und als Heiratskandidat für die Tochter des Herrn von Faninal Sophie hingegen ist er um Klassen besser.

Schrecklich intelligente Parabel – Hänsel und Gretel an der Frankfurter Oper

13.10.14 (Wolf-Dieter Peter) -
Wie soll denn das heute auf der Bühne gehen: arme Besenbinderfamilie, ein zerbrochener Milchtopf, Kinder allein im Wald (ohne Handy und Netz!), Sandmännchen, Abendsegen und vierzehn Englein, dann auch noch Hexe im Wald … und am Ende Friede, Freude, Eierkuchen? Dem Team um Regisseur Keith Warner gelang an der Oper Frankfurt Erstaunliches.

Offenbach, konterkariert mit Wagner und Chanson – „Die schöne Helena“ an der Komischen Oper Berlin

12.10.14 (Peter P. Pachl) -
Vitae und Opus von Wagner und Offenbach sind vielfältig verknüpft. In „Carneval des revues“ hatte Jacques Offenbach Wagner als Zukunftsmusiker lächerlich gemacht. Aber Wagner wurde in seiner Revanche sehr viel persönlicher: er persiflierte Offenbach als Jack Offenback in seinem „Lustspiel in antiker Manier“, vom Chor als „herrlicher Jack von Offenback“ akklamiert.

Apokalypse Faust – effektvoll, ergreifend in Leipzig

12.10.14 (Michael Ernst) -
Nicht „Faust“ oder gar „Margarethe“ – „Mephisto“ müsste sie heißen! Jedenfalls, wenn die Gounod-Oper so diabolisch daherkommt wie jetzt in Leipzig. Zur bevorstehenden 1000-Jahr-Feier widmet man sich dort einem zentralen Thema der Stadtgeschichte.

Konrad Boehmer gestorben

08.10.14 (Frieder Reininghaus) -
Der Komponist und Musikkritiker Konrad Boehmer starb am vergangenen Samstag 4. Oktober im Allter von 73 Jahren in Amsterdam. Boehmer, geboren 1941 in Berlin, stieß bereits als Schüler zu den Jüngern des Kölner Komponisten Stockhausen, mit dem es bald wegen unüberbrückbarer Differenzen hinsichtlich Sinn und Form der neuen Musik zu einem spektakulären Streit kam.

Deutsche Erstausgabe in Dresden: Die „Nachtausgabe“ von Peter Ronnefeld

08.10.14 (Michael Ernst) -
Eine Opernpremiere ohne Programmheft. Zur deutschen Erstaufführung von Peter Ronnefelds Oper „Nachtausgabe“ an der Dresdner Semperoper gibt es eine gedruckte „Nachtausgabe!“ Fliegende Blätter mit originellen Texten und Fotos.

Turandots Alptraumwelt – Calixto Bieito blickt in Nürnberg hinter allen Märchen-Exotismus

06.10.14 (Wolf-Dieter Peter) -
Offene Bühne vor aller Musik: ein Blick in den Innenhof einer Fabrik – gestapelte Kartons wie eine Wand im Hintergrund; kaltes Neonlicht auf 35 präzise aufgereihte Kartons mit je einer Kinderpuppe aus Plastik; uniform in blauen Arbeitskitteln mit Mützen und Mundschutz marschieren Arbeiter auf – eine Produktionsstätte irgendwo in China oder Nordkorea, die Puppenproduktion Ausdruck einer Neurose der totalitär herrschenden Chefin?

750 Jahre Paulusdom Münster: Thomas Schmitz spielt Bach – auf vier Orgeln in einer Kathedrale

750 Jahre wird er alt: der Paulusdom, die Kathedralkirche des Bistums Münster im Herzen von Westfalen. Das Jubiläum wird ordentlich gefeiert. Und für Domorganist Thomas Schmitz, bietet es Gelegenheit, zum ersten Mal alle vier Orgeln an seinem „Arbeitsplatz“ auf einer CD zu präsentieren: ausschließlich mit Orgelwerken von Johann Sebastian Bach.

Ein Leidens- und Hoffnungsmahnmal - Janáčeks „Jenůfa“ in Augsburg

05.10.14 (Wolf-Dieter Peter) -
Als die Frankfurter Polizei im Rhein zwischen Ludwigshafen und der holländischen Grenze nach einer Kindsleiche suchen ließ, fanden die Behörden 38 tote Babys im Wasser. Das war 1899. Gewiss ist nach über 100 Jahren ein uneheliches Kind kein ausschließliches Mordmotiv mehr. Doch inhumane Moralvorstellungen gewisser Religionen oder staatliche Ein-Kind-Politik lassen das Thema nicht „vorgestrig“ werden - also eine „Jenůfa von Heute“ möglich.

Kolportageroman verdoppelt – Puccinis „Tosca“ an der Berliner Staatsoper

04.10.14 (Peter P. Pachl) -
Kaum fassbar aber wahr: Daniel Barenboim hat noch nie zuvor eine Oper von Giacomo Puccini dirigiert. Seine Annäherung an „Tosca“ passierte breit, unter Ausarbeitung trefflicher Details, wenn auch weitgehend zu laut – was aber für eine ausgezeichnete Sänger-Trias kein Problem darstellte.

das ist taktlos 175 – Die Nachrichten

04.10.14 (nmz - thg) -
Die News aus der Welt des Wahren, Schönen und Guten: Oktoberfest-Beschallung +++ T-Mobile mit neuem Smartphone „Avantgarde“ +++ Markenschutz für „Neue Musik“ +++ TTIP durchgesetzt, die Folgen +++ Neue Bach-Manuskripte gefunden +++ Hiller komponiert Himalaya-Sinfonie

Klingende Mahnung – Das Usedomer Musikfestival widmet sich dem Schwerpunkt Polen

03.10.14 (Antje Rößler) -
Wenn die Wildgänse über die Ostsee gen Süden ziehen, beginnt auf Usedom die Musiksaison. Jeden Herbst findet hier das Usedomer Musikfestival statt, das sich der Kultur des Ostseeraums widmet. In diesem Jahr steht Polen im Mittelpunkt.

Programmtipp taktlos 175: Schöne Neue Musik - Jetzt Online

02.10.14 (nmz - thg) -
Es sind die Moderatorinnen und Moderatoren der Pop-Wellen, die den Begriff „Neue Musik“ zwischenzeitlich zu annektieren versuchen – und mit schönen Worten bedienen: „Super, geil, voll romantisch“ lauten die Positivismen für frisch produzierte Tralala-Klänge. Komponistinnen, Komponisten, Interpreten und Publikum klären den Streit bei taktlos Ausgabe 175 live im Münchner Funkhaus. Moderation: Marlen Reichert und Theo Geißler. Jetzt online zum Nachhören!

Semikonzertanter Auftakt zum neuen Meyerbeer-Zyklus der Deutschen Oper Berlin: „Dinorah oder Die Wallfahrt nach Ploërmel“ in der Philharmonie

02.10.14 (Peter P. Pachl) -
Bevor in den nächsten Spielzeiten an der Deutschen Oper Berlin Meyerbeers große Bühnenwerke „Vasco da Gama“, „Die Hugenotten“ und „Der Prophet“ inszeniert werden, erfolgte – zum Zeitpunkt der planungsgemäß fortdauernden Arbeiten an der Obermaschinerie des Hauses an der Bismarckstraße – in der Philharmonie eine emphatisch gefeierte Aufführung von Meyerbeers Opéra comique „Dinorah“ – und gar nicht so konzertant, wie angekündigt.

„Mainstream ist der Anfang von Erstarrung“ – Im Gepräch: Klaus Simon, Gründer und Leiter der Young Opera Company Freiburg

02.10.14 (Georg Rudiger) -
Jäger und Sammler, sei er – sagt Klaus Simon über sich selbst. Dabei stehen aber weder Rehe noch Pilze im Mittelpunkt seiner Leidenschaft. Es geht hier vielmehr um Lieder, Orchestermusik und Opern, die von dem rührigen Musiker ausgegraben, gehegt und gepflegt werden. Der 46-jährige Überlinger prägt schon über zwei Jahrzehnte als Dirigent, Pianist und Arrangeur das Freiburger Musikleben. Die von ihm gegründete Young Opera Company Freiburg feiert nun ihr 20-jähriges Jubiläum mit einer auswändigen Produktion von Detlev Glanerts Oper „Die drei Rätsel“. Georg Rudiger sprach mit ihm über seine Jungferntaufe, die Vor- und Nachteile eines freien Opernensembles und das Spannungsfeld zwischen Kunst und Kommerz.

Spitzenkräfte für das falsche Produkt – Die Uraufführung von Régis Campos „Quai West“ in Strasbourg

01.10.14 (Frieder Reininghaus) -
Um den Theaterdichter und Schriftsteller Bernàrd-Marie Koltès (1947–1989) ist es still geworden. Es hängt mit dem natürlichen Alterungsprozess von Leserschaft und Publikum zusammen, dass für Autoren aller Arten spätestens ein Viertel Jahrhundert nach deren Tod das Fortdauern der Rezeption zum Problem wird. Das Œuvre von Koltès, der – gefeiert und verachtet, gepusht und bekämpft – im April 1989 im Alter von nur 42 Jahren an Aids starb, steht jetzt an dieser kritischen Schwelle. Der Regisseur Kristian Frédric und seine Assistentin Florence Doublet wollten etwas gegen die Gefahr der Ausmusterung unternehmen und adaptierten eines der knallharten Koltès-Stücke für die Bühne.

Gezückte Messer und Rüschenhemd – Die Oper in Halle startet mit Leonard Bernsteins „West Side Story“ in die neue Spielzeit

30.09.14 (Joachim Lange) -
Im Moment jagt eine Spielzeiteröffnung die nächste. Auf der Opernbühne in Halle jagen sie sich jetzt auch noch gegenseitig. Es sind die Jungs und Mädels der Gangs, die im fernen New York um ihr Stück Straße kämpfen, weil sie es den anderen partout nicht überlassen wollen. Dabei haben sie alle den gleichen Traum vom Land der angeblich so unbegrenzten Möglichkeiten. In Leonard Bernsteins Broadway-Musical aus dem Jahre 1957 ist tatsächlich vieles unbegrenzt. Vor allem nach unten, in die persönliche Katastrophe.

(K)ein Würfel zum Einschlafen – Richard Wagners „Walküre“ in Dessau

28.09.14 (Joachim Lange) -
Der erste Akt der „Walküre“ ist bei den Fans populär und spielt sich eigentlich von selbst. Zwischen den Sturmböen des Vorspiels und Siegmunds „Wes Herd dies auch sei“, bis hin zum inzestuösen „So blühe denn Wälsungenblut“ der Wotanssprößlinge Siegmund und Sieglinde fühlt sich noch jeder Wagnerfan wohl. Wenn es gut geht, auf der Stuhlkante. In Dessau war das nicht ganz so.
Inhalt abgleichen