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Eine Revolution aus Klang und Spiritualität – Hossam Mahmouds Oper „Tahrir“ wurde am Salzburger Landestheater uraufgeführt

28.05.15 (Jörn Florian Fuchs) -
Auf dieses Stück hat man lange gewartet, vermutlich ohne es wissen. Eine Reflexion auf das heutige politische und gesellschaftliche Geschehen in Ägypten – doch weit darüber hinausgehend –, ohne die Darstellung von Gewalt, dafür mit einer völlig unprätentiösen spirituellen Dimension. Der aus Kairo stammende, seit langem in Salzburg lebende Komponist Hossam Mahmoud hat sich schon mehrfach mit den Umbrüchen in der arabischen Welt auseinandergesetzt. Vor zwei Jahren reflektierte er in seiner Oper „18 Tage.....“ Hoffnungen und Enttäuschungen des arabischen Frühlings und wählte dafür authentische Textquellen. Sein neues Stück „Tahrir“ zeigt einerseits die konkreten Schicksale vierer Protagonisten, blickt andererseits jedoch weit über den tagesaktuellen Tellerrand hinaus.

Elegant, befeuernd und kein bisschen sentimental: Pierre Monteux‘ Kunst in einer großartigen Anthologie

28.05.15 (Christoph Schlüren) -
Pierre Monteux (1875–1964) wurde zu Lebzeiten schon früh zur Legende – nicht nur, indem er aufgrund seines langen Lebens und Wirkens zu den ganz großen Dirigenten der älteren Generation zählte, deren Meisterschaft in einer Vielzahl von Aufnahmen auch relativ moderner Klangqualität überliefert ist, oder als Mentor später so prominenter Kapellmeister wie Igor Markevitch, Lorin Maazel, Seiji Ozawa, Erich Kunzel, David Zinman, José Serebrier, André Previn oder Neville Marriner. Überdies leitete Monteux zu Beginn seiner Karriere zahllose Uraufführungen:

Die Welt im Labyrinth – Marlis Petersen und Kirill Petrenko setzten in München mit Alban Bergs Lulu auf musikalische Überwältigung

26.05.15 (Joachim Lange) -
In München ist die neue „Lulu“ ein musikalisches Ereignis! Im Ganzen und auf die Interpretin der Titelrolle bezogen. Dass sich Marlis Petersen mit dieser bei Wedekind (1864–1918) und dann bei Berg (1885–1935) allemal skandalumwitterten Femme fatale eine blutige Nase holte, war als kleiner Premierenunfall (nur) ganz wortwörtlich zu verstehen. Im Eifer des Gefechts verfehlte sie nämlich im zweiten Akt einen der Durchgänge im vollverglasten Labyrinth, mit dem der russische Regisseur und Ausstatter Dmitri Tscherniakov die Bühne vollgestellt hatte, und knallte gegen eine Glaswand. Mit einem geistesgegenwärtig gereichten Taschentuch und einer Live-Improvisation vom Feinsten (inklusive der kleinen Textkorrektur zu einem „mir geht es nicht gut“) überspielte sie das so, als würden die Blutspritzer auf dem weißen Kleid dazu gehören.

Das Dunkle in uns – Händels „Oreste“ im Theater am Goetheplatz in Bremen

26.05.15 (Ute Schalz-Laurenze) -
Ein Schiff? Ein Labyrinth? Eine Bar? Ein Hotel? Es kann alles sein und alles zusammen, was sich auf der Bühne dreht, im Hintergrund das Meer (Bühne von Irene Ip). Es ist die Insel Tauris in Georg Friedrich Händels Oper „Oreste“, auf der nach dem trojanischen Krieg sechs Personen versuchen, mit den Schäden ihrer Vergangenheit fertig zu werden und das durchaus Dunkle und Zerstörerische zu überwinden.

Die verborgenen, dunklen Seiten der Melancholie – Bei Claus Guth wird der „Rosenkavalier“ zu einem dunkel funkelnden Schmuckstück

25.05.15 (Joachim Lange) -
An der Oper in Frankfurt mag man es theaterwirksam bis opulent und gescheit. Was keine schlechte Mischung ist. Gerade für den „Rosenkavalier“. Und für die erste Inszenierung der Komödie für Musik nach jener von Ruth Berghaus vor über zwanzig Jahren. Da sich heuer Claus Guth und Christian Schmidt das populäre Werk von Hofmannsthal und Strauss vorgenommen haben, durfte man wiederum auf diese Melange wetten: auf ein so metaphorisches wie wiedererkennbares Stiegenhaus und Interieur. Und auf eine psychologische Tiefenlotung und perfekte Personenchoreografie.

Maßvolles Konversationsstück – Die Uraufführung der Oper „Wilde“ von Händl Klaus und Hèctor Parra in Schwetzingen

23.05.15 (Frieder Reininghaus) -
Schräg und weit ragt die Baustelle den Zuschauern entgegen. Susanne Gschwender ließ den kleinen Orchestergraben des aus der Mitte des 18. Jahrhunderts stammenden Schwetzinger Rokokotheaters mit einer Installation aus Schalbrettern überbauen. Das Gerippe kann auf drei Etagen bespielt werden. Ordentlich stabil sehen die Leitern aus und die Gefahrenstellen sind TÜV-gerecht gesichert.

Da wird die Kultur „ausgenommen“, entweder so oder so – Anmerkungen zum „Tag gegen TTIP“ am 21. Mai 2015

23.05.15 (Martin Hufner) -
Lange Zeit bewegte sich nichts in Sachen Transparenz beim Transatlantischen Freihandelsabkommen zwischen den USA und der Europäischen Union (kurz TTIP). Unwissenheit und mehr noch Ungewissheit sind, wie haben es in den letzten Monaten in Sachen NSA und andere Spionagevorgänge in Deutschland gesehen, keine guten Ratgeber. Die Verhandlungen um TTIP standen dem bislang in nichts nach. Und obwohl es mittlerweile neun Verhandlungsrunden gab (die 10. folgt im Juli), kann keinesfalls davon ausgegangen werden, dass der Sektor Kultur von den Liberalisierungsentwicklungen des allgemeinen Freihandels ausgenommen werden kann.

Bundeswirtschaftsminister Gabriel glaubt nicht an Zustimmung zu TTIP, wenn die Kultur gefährdet wird

Heute am internationalen Tag der kulturellen Vielfalt finden in verschiedenen Städten Aktionen unter dem Motto „Kultur braucht kein TTIP“ statt. Das Kulturmagazin „Kulturzeit“ (3sat) strahlt bereits seit Montag dieser Woche in jeder Sendung einen Beitrag zum Thema TTIP und Kultur aus. Gestern Abend wurde Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel, MdB zu den möglichen Auswirkungen von TTIP auf den Kulturbereich befragt.

Bühnenverein und Künstlergewerkschaften einigen sich auf Erhöhung von Gagen

20.05.15 (huf) -
Es geht auch anders als bei Bahn und GdL. Schnell haben sich der Deutsche Bühnenverein und die Künstlergewerkschaften GDBA, VdO und DOV auf Gagenerhöhungen einigen können. Man reibt sich ungläubig die Augen. In der Vergangenheit waren die Auseinandersetzungen auch durchaus heftiger. Das Zeichen ist aber richtig, denn auch im Kulturbereich sollte bei allen Differenzen gegenseitiger Respekt vorherrschen.

Beethoven_beats_backstage – Klassik für Auge und Ohr in einer Münchner Clubarena

19.05.15 (Wolf Loeckle) -
Über Hallenkultur wurde endlos diskutiert in der Stadt. Und davon gibt es nun reichlich, vom ehemaligen kunstparkost (auch im Namen seiner Nachkommenschaft) über Muffathalle und Freiheiz und neuraum samt aller München_Mitte_Club_Locations bis ins backstage etwa im waste land der Baustellen_noname_city-Station_Hirschgarten inmitten auf-zurichtender Neubauten. Da wo die Augen mit Lichtblitzen und die Trommelfelle mit BrutalBeats über Grenzen physiologisch sinnvoller Belastbarkeit hinaus gestreichelt werden, gab es jetzt Klassik in der Arena.

Besinnlich, kontemplativer Seniorenspielplatz – Achim Freyer bebildert Sciarrinos „Luci mie traditrici“ für die Wiener Festwochen

18.05.15 (Frieder Reininghaus) -
La Malaspina ist schon da, bevor die Erörterung der Beziehungstragödie zu scharren beginnt. Stumm steht Anna Radziejewska im Halbdunkel und schweigt. Sie ist fixiert in einem am Körper anliegenden Gitter auf einer in halber Bühnenhöhe schwebenden Plattform. Diese Königin der Nacht harrt der formschönen und zugleich abgründigen Dinge, die auf sie zukommen und sie in ihrem letzten Stündlein begleiten werden. Der matte Schein der liegenden Mondsichel wechselt mit dem gleißenden Licht, das sich auf einen Präsentationsblock unten im Orchestergraben richtet. Auf ihm und um ihn herum zeigt sich zu diskretem Gemurmel das seit vielen Jahren bewährte Personal und so manche Requisite des Freyerschen Theatermachens.

Allzu „teutsche“ Teufelei – Münchens Gärtnerplatztheater hat Mühe mit Florimond Rongers alias Hervés „Dr. Faust jun.“

17.05.15 (Wolf-Dieter Peter) -
Viele Zutaten sind vorhanden, um diese französische Persiflage des „Faust“-Stoffes zwischen Goethe und Gounod zu einem amüsanten Theaterabend zu machen. Dennoch geriet der Abend nicht zur rauschenden Wiederentdeckung Rongers als veritablem Vorläufer von und Wegbereiter für Jacques Offenbach.

So schön kann Intrige sein – Händelfestspiele in Göttingen unter dem Motto „Heldinnen!?“ mit „Agrippina“

16.05.15 (Joachim Lange) -
Die Göttinger Händelfestspiele haben in diesem Jahr ein kaiserliches Gesicht. Es ist das der römischen Kaisersgattin (und -mutter) Agrippina. In Wahrheit ist es natürlich das von Ulrike Schneider, die da in dieser Rolle streng, machtbewusst und hintergründig von den Plakaten blickt.

Fleischwolf als Steinbeißer – „The Rake's Progress“ an der Berliner Staatsoper neu einstudiert

16.05.15 (Peter P. Pachl) -
Die 1951 in Venedig im Rahmen des XIV. Internationalen Festivals für zeitgenössische Musik uraufgeführte und damals zwiespältig aufgenommene Oper von Igor Strawinsky ist zu einem Klassiker geworden. Ob der Komponist vorausahnen konnte, dass das Publikum 64 Jahre später in seinen Kantilenen schwelgen und der Handlung dieser Opera buffa mit merklicher Rührung folgen würde? So bei der vom Publikum umjubelten Neueinstudierung an der Staatsoper im Schillertheater.

Duck and cover? – Uraufführung abgesagt, angeblich aus Angst vor „militanten Islamisten“ [Update: Nicht abgesagt]

13.05.15 (Martin Hufner) -
An Pfingsten (24.5. und 25.5.) sollte ursprünglich eine Komposition von Maximilian Marcoll im Tiergarten Berlin aufgeführt werden. „Adhan – Tripartite Appropriation“ ist ein Stück für Carillon und Elektronik. Es geht dem Komponisten dabei unter anderem auch um die „Verständigung zwischen unterschiedlichen Kulturen“. Jetzt scheint die Aufführung gefährdet, teilweise gilt sie schon als abgesagt.

Auch Paketband hindert nicht Beliebigkeit – Zur Uraufführung von Beat Furrers neuer Oper an der Staatsoper Hamburg

12.05.15 (Verena Fischer-Zernin) -
Mit der musikalisch gelungenen, szenisch ambivalenten Uraufführung von Beat Furrers „la bianca notte / die helle nacht“ gibt Simone Young ihre letzte Premiere als Intendantin und Generalmusikdirektorin an der Staatsoper Hamburg

Keinen Flughafen können sie auch nicht – Ein Kommentar von Michael Ernst

12.05.15 (Michael Ernst) -
Bislang galten die Berliner Philharmoniker als PR-Profis, die sich bestens in Szene zu setzen verstehen. Dieses Image haben sie am Wahltag des neuen Chefdirigenten verspielt. Womöglich mit Folgeschäden.

Gespensteropern mit Clown – Moderne, die keine ist, trifft auf ein Italien, das es so nicht mehr gibt

11.05.15 (Michael Ernst) -
Wie vertragen sich Ruggero Leoncavallo und Oscar Wilde, Verismo mit einer Uraufführung, der allbekannte „Pagliacci“ und ein Komponist namens Gordon Getty? An der Oper Leipzig wollte man's wissen.

Beschleunigungshandwerk: Die Oper Halle lädt ein zum Ball im Savoy

10.05.15 (Joachim Lange) -
Wenn so viel „Fledermaus“ in einer Operette steckt wie in Paul Abrahams „Ball im Savoy“ ist der Erfolg vorprogrammiert. Das mondäne, frisch getraute Ehepaar ist gerade ein Jahr um die Welt getingelt, hat sich aber beim Dauerturteln etwas verausgabt. Als es daheim in Nizza in der Luxusvilla mit Butler, Personal und vielen „Freunden“ ankommt, holt ihn die Vergangenheit via Einladung auf den „Ball im Savoy“ ein.

Oper pur plus Krimi-Conférencieuse – Mozarts „Lucio Silla“ an der Komischen Oper Berlin

10.05.15 (Peter P. Pachl) -
Wenn die Komische Oper eine Produktion als konzertant ankündigt, dann beweist in der Regel das spielfreudigste der Berliner Opernhäuser, dass auch konzertante Versionen durchaus mit szenischen Überraschungen aufwarten – wie etwa Kálmáns „Arizona Lady“. Im sogenannten Mozart-Mai dieses Hauses waren die Überraschungen bei „Lucio Silla“ allerdings anders gelagert.

Russischer Surrealismus mit lateinamerikanischer Musikwürze – Oscar Strasnoys „Fälle“ nach Texten von Daniil Charms am Opernhaus Zürich

10.05.15 (Frieder Reininghaus) -
Wie beginnt ein schöner Sommertag? Dafür gibt es kein Patentrezept. In der drei Stockwerke unterm Opernplatz gelegenen Züricher Studiobühne wird hinter schmalen Oberlichtern zartrosa Licht aufgezogen und davor ein hermetischer Innenraum mit Arbeitslicht erfüllt. Hier, in dieser zu klein geratenen Turnhalle für eine Zeit, die so groß hinauswollte, scheint für einen russisch Uniformierten die Zeit keine Rolle zu spielen. Liegt nicht unbegrenzte Fülle sowjetischer Pionierjahre vor ihm?

taktlos 181 – Die Nachrichten aus der Welt des Wahren Schönen und Guten

08.05.15 (huf) -
Neubau für das Theater Rostock +++ Bundesmusikcorps zieht Trompeten wegen mangelnder Trefferquote zurück +++ Innenministerium hat Musik gelöscht +++ Lachenmann hat kein Lebenswerk geschrieben +++ Angela Merkel für Inklusion Deutschlands

Punktesieg des jüngsten Berliner Staatsopern-Nachwuchses: Jugendklub und Jugendchor spielen „Moon Calling“

07.05.15 (Peter P. Pachl) -
Gemessen an der vorangegangenen Werkstatt-Produktion der Berliner Staatsoper im Schillertheater konnten die Jüngsten im Nachwuchs einen klaren Sieg für sich verbuchen. In diesem Arbeitsjahr gab es keine zu adaptierende Spielvorlage, sondern ein freie Schöpfung der 15 jungen Akteure und des 20-köpfigen Jugendchors zum Thema Träumen, als vom Mond beschienene Wunsch- und Albträume.

Live auf BR-Klassik vom VdM-Kongress: taktlos 181 - Illusion Inklusion? Was Musikschulen leisten können

06.05.15 (nmz taktlos) -
Es droht, zum folgenlosen politischen Modewort zu verkommen: Inklusion. Für wenige Begriffe trifft der Satz „Gut gemeint ist schlecht gemacht“ so genau zu. Beim Musikschulkongress in Münster prüft taktlos, was Musikschulen dank ihrer Professionalität den Sonntagsreden praktisch entgegenhalten können. taktlos 181 am 7. Mai 2015 ab 21:05 vom VdM-Kongress in Münster in der Musikhochschule, live auf BR-Klassik.

Ein Wunder an Wahlverwandtschaften: Alexander Krichel mit Mozart, Hummel und Chopin

06.05.15 (Ute Schalz-Laurenze) -
Sogenannte Recitals – so virtuos, interessant und schön sie auch sein mögen – haben immer den Makel, dass man häufig wenig Lust hat, viele verschiedene Stile hintereinander zu hören. Auf den ersten Eindruck ist das auch bei der neuen CD von Alexander Krichel mit der Polnischen Kammerphilharmonie Sopot unter der Leitung von Wojciech Rajski der Fall: Chopin, Mozart Hummel. Beim Hören entpuppt sich diese Zusammenstellung dann aber als ein Wunder an Zusammenhängen, Verehrungen und Wahlverwandtschaften.
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