„Den heil’gen Speer, ich bring’ ihn euch zurück!“ – Germania-Mitwander-Musiktheater in der Berliner Akademie der Künste


(nmz) -
Unser Kritiker Peter P. Pachl hat einen ambitionierten Mitwander-Musik-Theater-Parcours von über zwei Stunden absolviert und erlebte einen „provokanten, schrägen Abend“ mit viel Wagner und mit viel deutscher Geschichte. Und einer Zusammenarbeit von Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin, der Hochschule für Musik und Theater Hamburg und der Universität der Künste Berlin: „Germania. Eine Geisteraustreibung“.
20.02.2015 - Von Peter P. Pachl

Spät erst, nach zweistündigem Mitwander-Musik-Theater-Parcours, löst sich die Absicht, am Ort der ehemaligen Speerschen Reichsbauzentrale, der heutigen Akademie der Künste am Brandenburger Tor, die Vergangenheit in performativen Szenen einzufangen, kongenial ein: Zum Orchesterplayback der Schlussszene aus Wagners „Parsifal“ inthronisiert die unverwüstliche Germania die alte Schildkröte Albert Speer als neuen Helden: „Den heil’gen Speer, ich bring’ ihn euch zurück!“. Und der wundert sich auf der Dachterrasse mit Blick auf den Reichstag nicht wenig, dass nicht nur die unästhetische Mauer verschwunden ist, sondern dass ein Großteil seiner gigantischen Pläne doch noch umgesetzt wurde, selbst die zentrale, wenn auch ungleich kleinere Kuppel.

Voran gegangen waren fünfzehn Stationen einer „visuell-akustischen Hausbesetzung“, wie Hartmut Meyer, der verantwortliche Professor und Leiter des Studiengangs Bühnenbild an der Universität der Künste, diese Performance von Theaterstudierenden der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin, der Hochschule für Musik und Theater Hamburg und der Universität der Künste Berlin bezeichnet.

„Germania. Eine Geisteraustreibung“ beginnt im Einlassbereich vor dem übergroßen Kopf einer Babypuppe, die im dreistimmigen Choral als Orakel beschworen wird. Immer wieder kullern dieser Figur die Augen aus den Höhlen, doch sofort wachsen ihr neue Augäpfel nach. Eine Truppe von Turnern rückt in einem Glaskubus an und schafft den Bogenschlag von heutigem Körperkult zu Olympia 1936. Aus dem Aufzug tritt eine Gruppe von acht gelbbehelmten Architekten, die mit Ausschnitten aus Hitlers Kulturrede 1937 das „Wort aus Stein“ predigen. Die Zentnerlast besingen zwei an die Wand geklebte Berliner Bären (Jan-Felix Schröder und David Ristau) mit Schuberts „Atlas“. Im Lesesaal des ersten Stocks forscht ein Team an Relikten der Vergangenheit und entdeckt den Gral als vergoldete Kloschüssel: zwei Violinen in chromatischer Aufwärtsbewegung konterkarieren die Gralserzählung aus „Lohengrin“. Die beiden Berliner Bären entpuppen sich als DDR-Grenzer auf verlorenem Posten. Am Ende des Sozialismus räsonieren sie mit einer Textcollage aus Heiner Müllers „Germania Tod in Berlin“, „Der Bau“ und „Germania 3“. Ein 25-köpfiger Bläserzug führt das Publikum mit Pauls Dessaus „Thälmann Kolonne“ und Friedrich Silchers „Der gute Kamerad“ ins Foyer des zweiten Stocks, wo die ZDF-Übertragung des WM-Halbfinales 2014 mit Textauszügen aus Goebbels’ Tagebüchern, (von Ina Tempel eindrucksvoll deklamiert) assoziativ verbunden wird.

Im Plenarsaal intonieren die Bläser Paul Linckes „Berliner Luft“, die – wie der KZ-Überlebende Komponist Simon Laks berichtet hat – auch in Auschwitz beim Transport verwester, stinkender Leichen erklungen ist. Textauszüge nach Theo Sarazzin, in den Mund einer ewig gestrigen wilmersdorfer witwe spannen den Bogen in die Gegenwart, dann unternehmen die Besucher einen Stuhl-Gang, um im Geviert um einen raumfüllenden Stadtplan-Entwurf Speers Erklärungen für die künftige Hauptstadt Germania zu absolvieren, wozu das Architekten-Team am Kreuz zwischen Ostwest- und Nordsüdachse der Reichshauptstadt, garniert mit Speer- und Hitler-Zitaten und von einem Schlagzeug-Solo (Eunbi Jeong) bis in die Erschöpfung getrieben, aus Exkrementen Modelle formt.

Drei Akademiker in Nacktkostümen und mit Weinlaub im Haar singen im Terzett und leiten das Publikum zum Spitzbalkon des dritten Stocks , wo Hitler in Wolfsmaske und Lederhose (Marielou Jacquard) sich um die Aufnahme in die Kunstakademie bemüht, was ihm – mit Hilfe von Texten aus Hitlers und Taboris „Mein Kampf“ – schließlich auch gelingt: er wird in den Schaumgummibottich aufgenommen, wozu eine leichenhafte Braut Germania (Hrund Ósk Árnadóttir) sowohl Webbers „Memory“ als auch den Zarah-Leander-Schlager „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn“ und Schuberts „An die Musik“ zum Besten gibt.

Aus höherer Warte beäugt das Publikum in der Tiefe Dämonen-Überfiguren und auf der Ebene unter sich zunächst den Bau von Kleinsiedlungen, dann – zum Wesendonck-Lied „Im Treibhaus“ – die Zangengeburt des von Hitler geschwängerten Goebbels. „Die drei Weisen aus dem Abendland“, die Westmächte England, Frankreich und USA, bringen den jungen Berliner Bären zur Welt. Dazu dienen textlich Heiner Müller und musikalisch Walter Kollos „Untern Linden“. Im Clubraum des vierten Stocks outen sich dann die Architekten einer Konferenz, mit Texten von Enzensberger, von Gerkan, Liebeskind und Behnisch, schließlich blökend und mit Lämmerschwänzen als Schafe. Die Gesprächsrunde junger Graspflänzchen in Töpfen überbietet die Schlussszene: drei Sänger teilen sich in Parsifals „Nur eine Waffe taugt“, während sich in einem im Glasbüro Germania von dem zur Schildkröte mutierten Albert Speer (Alessandro Calabrese) begatten und dabei beraten lässt. Der auf diese Weise als Mann neu erstarkte Überlebende wird von ihr als „Heil’ger Speer“ für Berlin neu inthronisiert.

Mit dem Blick auf das nächtliche Berlin als Real-Kulisse, überhöht ein gleichermaßen faszinierendes, wie nachdenklich stimmendes Happy End, mit Speers Freude über den jungen Albert als seinen Nachfolger (ebenfalls ein Kinderpuppenschwellkopf), den provokanten, schrägen Abend.

Die Kollektivregie von Hsuan Huang, Michael Höppner und Sarah Kohm, ausgestattet von Günter Lemke, Hsiu-Ying Hou und Sanghwa Park und die musikalische Leitung von Ni Fan, mit Anastasia Timofeeva als Pianistin und der von Steffen Kepper geleiteten Zentralkapelle Berlin, überbrücken die ungewöhnlichen Distanzen im Labyrinth von Treppenarchitektur und Glasfassaden. Unzulänglichkeiten – wie Kurzatmigkeit und überstarkes Vibrato einer Sopranistin und rhythmische und textliche Ungenauigkeiten – lassen sich hier als Ausdrucksmittel machtloser Kapitulation angesichts unserer Geschichte subsumieren.

  • Weitere Aufführungen: 20., 21. und 22. 2. 2015.

 

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