Der Tanz des Phallus im Teddy-Land: Benjamin Brittens „Ein Sommernachtstraum“ an der Komischen Oper Berlin


(nmz) -
Des einhundertsten Geburtstages von Benjamin Britten gedachte die Komischen Oper Berlin und brachte zum Saisonstart eine Neuinszenierung von „A Midsummer Night’s Dream“. Unter Bezug auf Walter Felsenstein, der diese Oper zusammen mit Kurt Masur bereits 1961 an der Komischen Oper Berlin in Szene gesetzt hatte, wurde diesmal keine neue Übersetzung geschaffen, sondern dessen deutsche Fassung gewählt, die größtenteils auf der Übersetzung durch August Wilhelm von Schlegel basiert.
16.09.2013 - Von Peter P. Pachl

Für sein deutsches Debüt verlegte der lettische „Ring“-Regisseur Viestur Kairish die Handlung vom Wald in einen Felsensaal (wie Wagners Walküre einmal ihr Zuhause bezeichnet!), in ein recht überschaubares „Labyrinth der geheimen Sehnsüchte und verborgenen Wünsche, aus dem herauszufinden wohl nur im Traum gelingt“ (Pressetext der Komischen Oper).

Von Mittsommernacht ist in der felsigen Einöde der Ausstatterin Ieva Jurjāne wenig zu spüren. (Paraffin-)Nebel wallen in Richtung der hustenden Zuschauer, am Ende des zweiten Aktes rinnt ein Eisregen und im dritten fällt gar Schnee, bevor sich für den zweiten Teil des Schlussaktes eine schwarze Gardine schließt, hinter der sich ein ebenfalls schwarzer Nichtraum für die Hochzeitsfeier in Theseus’ Palast auftut.

Die Liebespaare, deren dramatische Exposition Britten im Libretto, das er gemeinsam mit seinem Lebensgefährten Peter Pears geschaffen hat, unvertont lässt, purzeln hier durch ein rundes Loch in jene steinige Landschaft. Als Kuschel- und Trostobjekte stoßen sie dort auf eine Menge großer und übergroßer Teddybären. Der vierundzwanzigköpfige Knabenchor der Elfen wird durch die von Maskenbildner Tobias Barthel großartig umgesetzten Greisenköpfe ein skurriles, greises Heer von Zwergen, die sich paarweise zum Tanz miteinander finden. Oberon, der bei der Uraufführung im Jahre 1960 in der Jubilee Hall in Aldeburgh kostümlich als ein unberechenbarer Dämon gestaltet wurde, ist hier ein verweichlichter Schönling, der Puck ein alt gewordener kurz behoster Internats-Zögling.

Statt der Wunderblume nutzen die Beiden ein übergroßes, blutiges Rinderherz, mit dessen Tropfen sie die beiden Hetero-Paare der Liebenden zur Promiskuität infizieren. Drastisch deutlich wird die Lesart von Kairish bei der Verwandlung des Schauspielers in einen Esel: Zettel hat dann weder Eselsohren noch Kopf, aber einen überlangen, fast bis zum Boden hängenden Phallus. Nachdem der nackte, stark behaarte Zettel sich zu Titania in ein mit weißen Federn angefülltes Lotterloch begeben hat, reagiert sein Phallus allerdings nicht angesichts von Titanias dunklen, erigierten Brustwarzen; erst beim Gesang der vier Soloknaben-Kobolde erfährt er eine gewaltige Erektion und kreist mit tänzerischen Bewegungen, wie eine Riesenschlange beim Flötenspiel des Schlangenbeschwörers.

Stefan Sevenich charakterisiert den Zettel stimmlich so facettenreich und köstlich, dass offenbar keiner im Publikum Anstoß nimmt. Mit Recht erhält der Bassist am Ende den meisten Applaus, auch für seine geschickt an der Grenze zur Übertreibung changierende Darstellung des Pyramus beim Spiel im Spiel. Trefflich travestiert Peter Renz als Bälgeflicker Flaut zu Thisbe, mit der von Peter Pears hinzugefügten Parodie auf die Wahnsinnsarie der Lucia di Lammermoor von Donizettis Oper und küsst den nackten Arsch („das nackte Loch!“) des in seinen Wand-Ritzen blutenden Kollegen.

Den in F. Scott Fitzgeralds Roman „Das seltsame Geheimnis des Benjamin Button“ umgekehrten Prozess des Alterns adaptiert der Regisseur für die beiden Liebespaare in antizyklischen Sprüngen. Am Morgen nach der Mittsommernacht sind offenbar Jahrzehnte vergangen, denn die vier Liebenden sind auch zu Greisen geworden und können sich an Krücken kaum mehr vom Fleck bewegen. Erst im Schlussbild sind sie, wie auch die Herrscher, ewige Kinder, deren Hochzeitgesellschaft aus rachitisch in die Höhe geschossenen Verführten in grellen Kinderkleidchen besteht.  

Bei Kristiina Poska ist Brittens Partitur in besten Händen. Die im April dieses Jahres mit dem Deutschen Dirigentenpreis ausgezeichnete Maestra versinnlicht diese Zauberwelt aus zweifachem Holz und Blech, zwei Harfen und vielfältigen Klangmischungen mit Triangel, Becken, Tambourin, Gong, zwei Holzblöcken, Vibraphon, Glockenspiel, Glocken Cembalo und Celesta, basierend auf den sauber intonierenden, samtenen Streicherharmonien des Orchesters der Komischen Oper Berlin. Eine echte Steigerung bietet  Poskas Schlussakt mit der „höchst tragischen Komödie von Pyramus und Thisbe“ als Satire auf Opernkonvention und falsches Pathos, Brittens Pasticcio von Verdi bis Schönberg.

Großartig singt und spielt der von Dagmar Fiebach einstudierte Knabenchor, sowie das Knabenquartett von Motte (Rafael Inderique Arnold), Senfsamen (Daniel Fehl), Bohnenblüte (Niclas Kron) und Spinnweb (Frederik Peters). Glaubhaft in quirlig junger und in alter Verkörperung die sich im Mittelakt aus einer Überwucherung von Pflanzen befreienden Liebenden: Tansel Akzeybek  als Lysander, Günter Papendell als Demetrius, Annelie Sophie Müller als Hermia und Adela Zaharia als Helena.

Theseus und Hippolyta, im Schauspiel häufig identisch besetzt mit dem Feenkönigspaar, erhalten hier durch tiefere Stimmlagen Profil (Alexey Antonov und Christiane Oertel), während Titania mit einem Koloratursopran (sehr weich und schön Nicole Chevalier) und Oberon mit einem Counter (textverständlich David DQ Lee) besetzt sind. Das letzte Wort, bevor er sich in einen Teddybären verwandelt, hat der fast akzentfrei in unterschiedlichen Tonhöhen deklamierende Schauspieler Gundars Āboliņš. Seiner Aufforderung zum Applaus folgt das Publikum, das sich nach der Pause ein wenig gelichtet hat, mit Nachdruck: die ungewöhnliche, von allen Beteiligten mit Überzeugung getragene Produktion erntet am Ende ungetrübten Applaus.

Weitere Aufführungen: 21., 29. September, 4., 10., 26. Oktober 2013.
  

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