Die Stimme bleibt spannend: zum Abschluss des Münchner ADEvantgarde Festivals
Dies galt bereits für des erste Stück des Abends, Joanne Metcalfs „Il nome del bel fior“, das seine gregorianischen Ahnherren nur schwer verleugnen konnte. Noch mehr allerdings für Georg Haiders nachkomponierte „Ausleuchtung“ von Perotins „Viderunt omnes“, die im originalen Notenmaterial jedoch nicht allzu viele neue Aspekte hervorzauberte und die Strukturen des mittelalterlichen Meisters vielleicht doch mit etwas zu viel Respekt behandelte. Radikaler ging da schon Kollege Robert Krampe ans Werk, der den Bach-Choral „Komm, o Tod, du Schlafes Bruder“ komplett zerlegte und die so entstandenen Fragmente zu einer neuen vielfach in sich gebrochenen Motette zusammenfügte.
Diese Herangehensweise bewährte sich ebenfalls bei Leopold Hurt und seiner Version von Antoine Brumels „Missa Et ecce terrae motus“. Auch Hurt arrangierte hier zunächst nur ganz behutsam das alte Notenmaterial, fügte dann jedoch immer mehr eigene Kommentare bevor das Werk mit einem neu geschriebenen Finale ganz im 21. Jahrhundert ankam. Getragen wurde diese musikalische Zeitreise zu einem nicht unwesentlichen Teil von den Mitgliedern des Münchner Kammerorchesters und dem Ensemble Singer Pur, die sich unter der Leitung von Jonathan Stockhammer bei diesem gewagten Spagat zwischen den Epochen bestens zurecht fanden.
Vorangegangen waren dem stimmigen Festival-Finale in den Tagen zuvor noch eine ganze Reihe interessanter Veranstaltungen, bei denen internationale Gäste wie das koreanische Ensemble TIMF ebenso ihre persönliche Note beisteuerten wie einheimische Kräfte von der Münchner Hochschule für Musik und Theater. Nach deren Beitrag zum Opernwettbewerb „Brot und Spiele“ kam in der zweiten Festivalwoche auch noch das Tanztheater zu seinem Recht. Wobei der hier versprochene große „Showdown“ im Vergleich zur bissigen Musiktheaterproduktion eher zahm ausfiel. Was zu einem guten Teil an den zugrunde liegenden Kompositionen von Markus Lehmann-Horn und Markus Muench lag, die als verzerrte Geräuschkulisse aus dem Computer kaum Emotionen entfachten, und auch in der relativ spannungsarmen choreographischen Umsetzung nur selten zu fesseln vermochten. Wirkte hier doch vieles ähnlich seelenlos blank poliert wie die Bits und Bites, aus denen sich die dröhnenden Klänge in den Lautsprechern zusammensetzten.
So wichtig der technische Fortschritt auch sein mag, gerade das Abschlusskonzert hat hier noch einmal deutlich gezeigt, dass die menschliche Stimme noch immer eines der spannendsten Instrumente ist. Und, dass handgemachte Musik, die eine Geschichte erzählt, den Hörer unmittelbar zu packen vermag. Da ist es dann auch bezeichnend, dass ausgerechnet das Familienstück „Schön, schöner, Schneewittchen“ von allen Adevantgarde-Veranstaltungen die höchste Besucherzahl aufweisen konnte und in zwei Vorstellungen rund 1200 Jugendliche samt ihren Eltern begeisterte. Sicher, die zeitgenössische Musik mag nach wie vor eher ein Nischenprodukt sein, doch die Neugier des (jungen) Publikums bleibt bestehen. Und damit auch die Hoffnung, dass wir in Zukunft vielleicht noch die eine oder andere Überraschung erleben werden.
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