Ein farbenreicher Großraum - „Der Freischütz“ am Festspielhaus Baden-Baden


(nmz) -
Robert Wilson hat, fast zwei Jahrzehnte nach Tom Waits' „Black Rider“ in Hamburg, endlich das Original inszeniert, Carl Maria von Webers urromantischen Freischütz. Auf der Bühne des Baden-Badener Festspielhauses gibt er sich aufklärerisch und kostümverliebt, lässt Sängerinnen und Sänger posieren und gibt ihnen Atem und Aufmerksamkeit zur Gestaltung der Gesangspartien.
01.06.2009 - Von Achim Ost

Das lohnt bei der ausgezeichneten Besetzung allemal, und die Verfremdungseffekte und flächigen Attraktionen, mit denen die Bühne prachtvoll bevölkert und belebt ist, legen nebenher den Subtext der Geschichte frei, der vom Sieg des Christentums und der Zivilisation über altheidnische Alfanzereien und Satanismen berichtet.

Robert Wilson hat, fast zwei Jahrzehnte nach Tom Waits’  „Black Rider“ in Hamburg, endlich das Original inszeniert, Carl Maria von Webers urromantischen Freischütz. Auf der Bühne des Baden-Badener Festspielhauses gibt er sich aufklärerisch und kostümverliebt, lässt Sängerinnen und Sänger posieren und gibt ihnen Atem und Aufmerksamkeit zur Gestaltung der Gesangspartien. Das lohnt bei der ausgezeichneten Besetzung allemal, und die Verfremdungseffekte und flächigen Attraktionen, mit denen die Bühne prachtvoll bevölkert und belebt ist, legen nebenher den Subtext der Geschichte frei, der vom Sieg des Christentums und der Zivilisation über altheidnische Alfanzereien und Satanismen berichtet.

Weil ohne weitere naturalistische Darstellungsbemühungen zum Publikum hin gesungen wird, gilt ein großer Teil der Aufmerksamkeit dem dynamisch grenzgängerisch differenzierenden Stimmkunst der Juliane Banse als Agathe und der offensiven, in allen Lagen und Situationen klaren und einnehmenden Ausdrucksfülle Julia Kleiters als Ännchen. Agathe, Inbild einer romantischen Frauenfigur, steckt dabei in einem komplizierten Blumenkostüm der Couturiers Viktor und Rolf wie in einer luxuriösen Bonbonnière. Steve Davislim ist ein lyrisch leidender, zart und intensiv intonierender Jägerbursche Max, ein moderner Antiheld der gemischten Gefühle, tiefen Zweifel und empfindsamen Leidensfähigkeit.  Hervorragend gelingt die Interpretation der Weberschen Musik mit dem vorzüglichen Mahler Chamber Orchestra unter dem Dirigat Thomas Hengelbrocks, ein Lehrstück der Differenzierung, des feinsinnig variierenden Farbauftrags und der variablen Dynamik. Die plastische Gestaltung der Musik gerät zuweilen in einen Konflikt mit Robert Wilsons enorm effektvoller, farb- und zeichenintensiver Bühnenaktion. Erst nach der Pause, fügt sich alles ganz wunderbar ineinander. Das hängt möglicherweise auch damit zusammen, dass auch farblich etwas passiert ist: nach den unchristlich schillernden Konfliktfarben der ersten beiden Akte wird jetzt alles unschuldig strahlend weiß, nur das Schuhwerk ist rot. Der Jägerchor (der Philharmonia Chor aus Wien) kommt weiß gekleidet mit roten Schuhen auf die Bühne und singt sein volksliedhaft bekanntes Stück mit einer etwas hampelmannhaften Choreografie so bezwingend lustig und hinreißend klangschön, dass bei der Premiere im Festspielhaus etwas passiert, was in deutschen Opernhäusern nur sehr selten passiert: Mitten im Stück bekommt das Publikum eine herbeigeklatschte Jägerchor-Zugabe. War dies der historische Augenblick einer Versöhnung zwischen Musikantenstadel und Hochkultur?

Überhaupt gibt es recht oft Beifall auf offener Szene, der in der ersten Hälfte in der Regel den Sängerinnen (besonders begeisert bei Juliane Banse und Julia Kleiters Szene) und Sängern gilt, die sich unbedrängt  entfalten können. Nach der Pause dann, als die optische Abstraktion auf einem kühlen, weißen Gipfel und die musikalischen Gestaltungsräume in einem farbenreichen Großraum angekommen sind, nimmt die Begeisterung kontinuierlich zu.

Verwunderlich, dass dieser Freischütz nach konzertanten Aufführungen in Dortmund und einer Fernsehübertragung am Pfingstmontag auf Arte vorerst nirgends zu sehen ist. Ein  Versäumnis des Tournee- und Inszenierungstauschbetriebes, das hoffentlich noch korrigierbar ist.

Freischütz als Werbeveranstaltung

Lieber Herr Ost, liebe NMZ-Redaktion, die Freischütz-Inszenierung in Baden-Baden war doch wohl eher eine Werbeveranstaltung für das Designer-Duo Viktor & Rolf. Die verwendeten “Kostüme” passten gut auf einen Pariser oder Mailänder Laufsteg. Bühnentauglichkeit konnte man den schweren, einengenden “Luxusklamotten” kaum bescheinigen. Über die Kosten dieser Einkleidungsaktion schweigt man sicher auch besser, zumal es in Deutschland mal Kultureinrichtungen (Musikbibliotheken, Musikschulen, Orchester etc.) gab, die bessere kulturelle Leistungen erbracht haben und längst dem Rotstift zum Opfer gefallen sind. Die gesanglichen Leistungen dieser Inszenierung schwankten zwischen hörbarer Überforderung (Juliane Banse als Agathe) und selbst zu verantwortender Rufschädigung (Paata Burchuladze als Eremit). Der Rest des Ensembles lieferte die heute übliche Durchschnittsqualität ab. Regisseur Robert Wilson hielt sich mit neuen Regieideen konsequent zurück. Verständlich, denn welche Regieleistung sollte er auch im Rahmen einer Werbeveranstaltung erbringen? Es gibt überzeugende Modernisierungsversuche im Bereich des klassischen Musiktheaters (La Traviata aus Salzburg und Aix-en-Provence). Hier wurde allerdings wieder mal eine Chance vertan. Schade! Mit freundlichen Grüßen, Sabine Schneider


Hengelbrocks Freischütz-Dirigat

Sehr geehrte Redaktion, auch bei Ihnen dieses merkwürdig undifferenzierte -und letztlich nicht begründbare - Lob für das Dirigat Hengelbrocks : was, um Himmels willen,war daran so sensationell - die (natürlich!) unzureichend intonierenden Naturhörner?,( besonders hübsch im Freischütz!), das fehlende “Tragen der Sänger” durch einen Dirigenten ohne Opernerfahrung oder was noch? Es muß angesichts des Anspruchs von Baden-Baden nach dem so unerhörten Dirigat eines der “Historiker” und im Blick auf die diese Zunft bedenkenlos tragenden Kritiker erlaubt sein, an wirklich große Freischütz-Dirigenten wie Furtwängler,Keilberth, Erich Kleiber, Carlos Kleiber (und bitte eben nicht Bruno Weil!) zu erinnern.Sehen wir ab von den sängerischen Leistungen, die bei Banse und Kleiter im Gegensatz zu den beteiligten Herren noch stimmten.Und Bob Wilsons Genialität wollen wir lieber nicht ergründen… Gruß, Wolfgang Hainer


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