Eine Farce und weiter nichts … – Am DNT Weimar versucht sich Vera Nemirova am „Rosenkavalier“ von Richard Strauss


(nmz) -
Die Thüringer Richard-Strauss-Fans haben es gut im 150. Geburtstagsjahr ihres Idols. Vor allem die, die sich gerne mal in das walzende Rokoko-Wien aufmachen, das Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss 1911 in Dresden mit unglaublichem und anhaltendem Erfolg in die Opernwelt entlassen haben. Wobei (es lebe das Theaterland Thüringen!) die Häuser in Meiningen und in Altenburg mit ihren jüngsten Produktionen dieses erstaunlich unzeitgemäß-zeitgemäßen Dauerbrenners die Latte für das jetzt, als drittes Opernhaus im Bunde, folgende Weimar ziemlich hoch gelegt haben.
02.11.2014 - Von Joachim Lange

Nun hat das Deutsche Nationaltheater also auch einen. Und allein schon die Marschallin Johanni van Oostrum lohnt den Abend: Wunderbar aufblühend, mit mustergültiger Artikulation und Ausstrahlung – eine fürstliche Marschallin! Aber auch Elisabeth Wimmers Sophie kann mit zartesten Höhen faszinieren und Katarina Giotas komplettiert als Octavian dieses Frauentrio, das die musikalisch vokale Hürde jedes Rosenkavaliers, das Terzett im dritten Aufzug, mit überlegt eingeteilten Kräften ansteuert und nimmt. Als Ochs schwächelt Dirk Aleschus zwar hin und wieder, hält aber mit schweißtreibender Anstrengung stimmlich immerhin durch. Szenisch spielt er seine pure Körpergröße komödiantisch aus, auch wenn er zu offensichtlich auf den Dirigenten im Graben (oder auf den Bildschirmen) fixiert ist. Stefan Solyom wiederum hat die Staatskapelle im Griff, vor allem beim Zeitmonolog, der Überreichung der Silberrose oder dem Terzett auch in Übereinstimmung mit der Bühne.

Im Ganzen freilich setzt er weniger auf den flirrenden Zauber und stellt sich mehr auf das Handfeste der Inszenierung ein. Dabei macht er es den Sängern nicht immer leicht auch durchzukommen. Im Graben bleibt da noch Spielraum für die Folgevorstellungen.

Sieht man genau hin, dann ist auch der „Rosenkavalier“ – wie seine beiden so ganz andersartigen Vorgänger „Salome“ und „Elektra“ ein skandalöses Stück. Wenn auch ohne Tote. Komödiantisch glitzernder Goldrahmen und Wiener Gemütlichkeit hin oder her. Vor allem, weil Marie Therese ihre Stellung als Fürstin Feldmarschall von Werdenberg so selbstbewusst weitherzig auslegt, dass sie sich ein Liebesverhältnis mit dem halb so alten Grafen Octavian erlaubt. Bei sich zu Hause im Schlafzimmer, das von Personal und von Besuchern geradezu umlagert ist. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn da im ersten Akt wirklich wie einen Moment lang befürchtet, der Ehemann und nicht der drollige Vetter vom Lande hereinplatzen würde. Das Publikum muss 1911 konsequent über die erste Szene hinweggesehen haben, um nicht in einen offenen Konflikt mit der damals herrschenden Moral zu geraten.

 Kalauer

Da bräuchte es gar nicht die Peepshow, zu der Regisseurin Vera Nemirova den Morgen nach der Liebesnacht macht. Im Inneren des doppelten Drehbühnenrunds hat Ausstatter Tom Musch einen Salon angedeutet, in den man durch ein halbes Dutzend Fenster hineinschauen kann. Der Haushofmeister macht das anfangs, wenn das Innere noch durch die Außenwand verdeckt ist, mit der Hand in der Hose. Aber auch die ganze bunt und quer durch die Mode der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kostümierte Baggagi, die zum Empfang will, darf hier zuschauen. Samt gezückten Fotoapparaten des Intriganten-Paparazzo. Der kommt mit schwarz angemaltem Gesicht auch gleich als Diener Mohamed, bringt das Frühstück und nimmt einen Schnappschuss mit. Nix mit Privatsphäre. Mit einer ähnlichen Pointe schließt sich am Ende der Vorhang wieder. Er schnappt sich das berühmte Taschentuch und wischt sich damit die schwarze Farbe wieder aus dem Gesicht. Was aber vielleicht der zeitgeistig aufgemischten Komödie augenzwinkernder Abschluss sein soll, wirkt dann doch wie ein etwas klein geratener Kalauer.

Man fragt sich nicht nur, was eigentlich aus den Fotos der Paparazzi wird – Annina (Sayaka Shingeshima) knipst fleißig weiter. Unklar bleibt auch, was für Formulare der Haushofmeister an die Besucher austeilt; und wozu eigentlich? Das ist alles raumfüllend in Szene gesetzt – mit viel erotischem Bodenturnen, einem auch in Bezug auf die Marschallin (!) übergriffigen Ochs. Und einem seltsamen Widerspruch zwischen dem Empfangs-Zeremoniell und dem modernen Schick des weißen Hosenanzugs dieser Fürstin. Wenn die dann alles, was am herumstehenden Kleiderständer hängt, in einen Koffer packt und sich reisefertig macht, fragt man sich schließlich, von wo nach wohin soll diese die Reise eigentlich gehen? Durch die Zeit, das sonderbar Ding? Nun ja.

Octavians Reise führt jedenfalls zu Faninals. Mit einem Herrn des Hauses (stattlich von Statur und Stimme: Uwe Schenker-Primus) im grauen Frack, einer Sophie im knielangen Schick der 60er, einer Leitmetzerin (Heike Porstein) im propperen Kostüm und (auch sie) mit der Hand in der Hose des Chefs. Und das vor den Augen des Personals, das seinem Aufzug nach höchst prekär in der Abwäsche schuftet. Die wundern sich wenigstens nicht, wenn der silbrig rausgeputzte Octavian mit seinen blankgeputzten Stiefeln einfach so über die eingedeckte Festtafel auf Sophie zu schreitet.

Es fällt schwer zu glauben, dass es so bei den ehrgeizigen Parvenüs zugeht, die die Schweinehälften, denen sie offenbar ihren Reichtum verdanken, in Wandnischen ausstellen? Das Tapetenrund des ersten Aufzuges schwebt jetzt über den Köpfen. Was aber keine Folgen weiter hat. Für den Beisl-Akt gibt’s dann lediglich die Demontage der Kulissen. Was mittlerweile gerne und oft genommen wird. Darin wird dann das Finale der Wiener Farce (wie die Marschallin es nennt) brav abgespult. Warum sie ausgerechnet für diesen Abstecher ins Vorstadtbeisl die elegante schwarze Abendrobe gewählt hat, bleibt allein ihr Geheimnis. Auch, dass Sophie und Octavian bei ihrem Schlussduett „Ist ein Traum kann nicht wirklich sein“ in einem Alterungszeitraffer als Happyend auf dem Sofa landen, gehört zu der Collage von Regie-Einfällen, die Vera Nemirova zusammenfügt, ohne dass sich daraus ein wirklich überzeugendes, gar berührendes Ganzes fügt. Der netteste Einfall ist noch die Rehabilitierung von Leopold (Julius Kuhn). Der sympathische Bub belauscht die Marschallin, scheint sie mit dem Herzen zu verstehen, sympathisiert mit Sophie, kann sich diesmal aus den Fängen des Ochs lösen und tanzt wohl künftig Walzer in Wien.

Bei wirklich gelungenen Rosenkavalier-Inszenierungen gibt es, zumindest für den Teil des Publikums, der die Dreißig deutlich überschritten hat, Momente der (Be-)Rührung. Im besten Fall sogar mit Taschentucheinsatz. In Weimar wurde nur das eine auf der Bühne gebraucht, mit dem sich Valzacchi seine schwarze Farbe wieder aus dem Gesicht wischt.

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