Entdeckungsreise: „Karl Amadeus Hartmann und das Streichquartett“ bei Cybele
Wie so häufig bei Cybele Records hat man auch bei dieser Produktion den Eindruck, ein kleines, bis ins Detail abgestimmtes Gesamtkunstwerk in den Händen zu halten. Das betrifft nicht nur das gelungene Wechselspiel zwischen Graphik, Layout und Inhalt, sondern auch die hinter der Veröffentlichung stehende Idee. Es handelt sich um die erste Folge einer „Künstler im Gespräch“ genannten Serie, bei der hochrangige Interpretationen eines in sich abgegrenzten Repertoires mit historischen Tondokumenten und aktuellen Interviews kombiniert werden.
In diesem Fall wurde der musikalische Fokus auf Hartmanns kammermusikalisches Schaffen gerichtet: die beiden Streichquartette (1933 und 1945/48), das Kleine Konzert für Streichquartett und Schlagzeug (1931/32; hier erstmals eingespielt) und das Kammerkonzert für Klarinette, Streichquartett und Streichorchester (1930/35) – also auf Werke in farbecht-homogener, traditioneller Besetzung. Sie stehen dabei nicht so sehr für eine rasante schöpferische Entwicklung, sondern verblüffen fortwährend durch ihre gedankliche Tiefe, durch ihre motivische und harmonische Differenzierung sowie durch eine Ausdrucksintensität, die unmittelbar berührt.
Als ein markanter stilistischer Ausgangspunkt ist dabei leicht der musikalische Kosmos von Béla Bartók auszumachen, Hartmann aber hat schon hier mit zahlreichen melodischen (und politischen) Allusionen zu sich selbst gefunden. Fatal nur, dass seine künstlerische Biographie (wie auch die anderer Komponisten dieser Generation) ein doppeltes Schicksal zu erleiden hatte: erst das freiwillige oder erzwungene Verstummen ab 1933, dann die vermeintliche Rückständigkeit gegenüber einer mit allem brechenden Avantgarde nach 1948.
Obwohl vom Konzept her vollauf integriert, erfüllen die Tondokumente nicht ganz alle Erwartungen. Beeindruckend mag noch Hartmanns Lesung eigener Texte sein (ca. 1962), die etwas später dann revidiert in den Kleinen Schriften (1965) im Druck erschienen. Kurios mutet hingegen das Gespräch von Ulrich Dibelius mit Elisabeth Hartmann an (1994), bei der sich der Freund weitaus konkreter äußert als die Ehefrau. Und man fühlt mit Mirjam Wiesemann, die sich bemüht, die teils recht detailverliebten Erinnerungen von Hartmanns Sohn Richard in Bahnen zu lenken (2009). Das im Booklet abgedruckte rare Bildmaterial aus Familienbesitz lässt die Edition selbst zu einem Dokument werden.
Karl Amadeus Hartmann und das Streichquartett
- Karl Amadeus Hartmann
- DoelenKwartet, Wilbert Grootenboer (Schlagzeug), Arjan Woudenberg (Klarinette), Sinfonia Rotterdam, Conrad van Alphen (Dirigent)
- 2009
- Cybele Records
- Vertrieb: Codæx
- Bestellnummer: KiG 001 (3 SACDs)
Streichquartette Nr. 1 und 2; Konzert für Streichquartett und Schlagzeug; Kammerkonzert für Klarinette, Streichquartett und Streichorchester
Historische Gesprächsaufnahmen
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