Ernst von Siemens Musikpreis 2016 geht an Per Nørgård


(nmz) -
Der internationale Ernst von Siemens Musikpreis geht 2016 an den dänischen Komponisten Per Nørgård. Die Auszeichnung für ein Leben im Dienste der Musik ist mit 250.000 Euro dotiert. Der Preis wird Per Nørgård am 2. Mai 2016 im Münchner Prinzregententheater durch den Präsidenten der Bayerischen Akademie der Schönen Künste überreicht. Insgesamt vergibt die Ernst von Siemens Musikstiftung über drei Millionen Euro an Preis- und Fördergeldern.

Per Nørgård ist einer der originellsten Komponisten des Nordens, dessen Werk doch weit über die skandinavischen Grenzen hinaus von einzigartiger Bedeutung ist. Das Kuratorium der Ernst von Siemens Musikstiftung zeichnet den 1932 geborenen Dänen für ein kompositorisches Lebenswerk aus, das sich über nahezu alle musikalischen Gattungen erstreckt. Nørgårds Musik hat ihren Ursprung dabei fest in der musikalischen Tradition Skandinaviens ohne jedoch in ihr zu verharren. Sein Schaffen ist von frühester Jugend an getrieben von einer unermüdlichen Neugier: Fast jedes Lebensjahrzehnt des Komponisten ist durch eine unvergleichliche kompositorische Phase geprägt. Seine Lust am Neuen lässt Nørgård nicht nur Erprobtes und Bewährtes überdenken, sondern immer wieder ändert er die Paradigmen seines Komponierens – ohne sich dabei selbst zu verleugnen.

Nørgård wächst als Sohn eines Textilkaufmanns in einem Arbeiterviertel Kopenhagens auf, wo seine Eltern einen Laden für Brautmoden betreiben. Früh zeigt Nørgård eine kreative Doppelbegabung für Musik und Malerei. Doch Nørgård entscheidet sich für die Musik und wird als

17-Jähriger Schüler des dänischen Komponisten Vagn Homboe, um wenig später an der Königlich Dänischen Musikakademie zu studieren (1952–1955). „Auch wenn viele Leute dachten, ich würde Maler werden, wusste ich von Anfang an, dass dies nicht mein Weg ist. Es musste Musik sein, da in ihr Unendlichkeit enthalten ist“, erklärt Nørgård diesen Schritt. Um den Unendlichkeitsbegriff wird Nørgårds musikalisches Denken ein Leben lang kreisen. Bereits sein Werk Constellations für zwölf Solostreicher (1958) deutet dies an. Ihre volle Kraft aber entfalten Nørgårds musikalische Ideen in dem Kammerorchesterwerk Voyage Into The Golden Screen (1968). Nørgård entwickelt hier eine kompositorische Technik, die er infinity series nennt, „das einzige theoretische Modell, mit dem ich je gearbeitet habe“. Es handelt sich dabei um eine Methode, bei der sich dieselben musikalischen Strukturen immer wieder neu auf verschiedenen Ebenen entfalten, sich dabei aufeinander beziehen und zu einem weiten Netz verspinnen – ein Konzept, das unübersehbar Elemente der fraktalen Geometrie aufweist. Dieses Unendlicheitsdenken gipfelt in Nørgårds 3. Sinfonie (1974) – einem gewaltigen Werk mit großem Orchester und zwei Chören. Aber auch die Opern Gilgamesh (1972) und Siddartha (1974–1979) sind geprägt von der infinity series.

In den frühen 80er Jahren folgt eine Schaffensphase, in der sich Nørgård intensiv mit Adolf Wölfli beschäftigt, einem schweizerischen Künstler, der den Großteil seines Lebens mit der Diagnose Schizophrenie in einer Nervenheilanstalt zubringt. In Nørgårds Werk hält das Irrationale, Ungeordnete Einzug, das sich in einem gesteigerten Maß an Komplexität ausdrückt. In der Oper The Divine Tivoli (1982) tritt die Figur Wölflis selbst auf und auch Nørgårds 4. Sinfonie geht zurück auf „eine Idee aus Wölfli“. Noch bis in die jüngste Zeit wird dieser Stoff Nørgård nicht loslassen.

Die 5. Sinfonie, ein Einzelsatz, komponiert anlässlich der 125. Geburtstage von Carl Nielsen und Jean Sibelius, kündigt erneut einen Wandel im Schaffen Nørgårds an. Die Werke der 1990er Jahre sind geprägt von Expressivität und geradezu surrealen Stimmungen. Der Hörer wird mit einer chaotischen, mitunter verstörenden Klangwelt konfrontiert. Spätestens in diesen Jahren wird auch deutlich, dass sich Nørgård zu einem der größten Sinfoniker seiner Zeit entwickelt hat. Jede der folgenden großen Sinfonien bestätigt dies durch ihre Einzigartigkeit. Ein vorläufiger Höhepunkt ist Nørgårds 8. Sinfonie (2012). Doch Per Nørgårds musikalisches Lebensthema ist die Unendlichkeit und damit liegt die Hoffnung nahe, dass auch sein Werk, das längst ein Lebenswerk ist, noch viele Anfänge für sich entdeckt, denn „diese bewegte Unbewegtheit, die darin wurzelt, dass ich nie etwas beenden kann, sobald es angefangen hat – das ist gewissermaßen mein Credo. Das Ende ist der Anfang und der Anfang ist das Ende.“

Preisverleihung am 2. Mai 2016 im Prinzregententheater München

Der Ernst von Siemens Musikpreis wird Per Nørgård am 2. Mai 2016 im Münchner Prinzregententheater bei einem musikalischen Festakt verliehen. Michael Krüger, Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, wird die hohe Auszeichnung überreichen. Zudem verleiht die Ernst von Siemens Musikstiftung drei Förderpreise an junge, vielversprechende Komponisten. Die Preise werden durch den Vorsitzenden des Kuratoriums, Thomas Angyan, überreicht. Das Freiburger ensemble recherche wird Seadrift und Scintillation von Per Nørgård sowie je ein Stück der Komponisten-Förderpreisträger spielen. Die Namen der Förderpreisträger veröffentlicht die Ernst von Siemens Musikstiftung Ende Februar.

Die Ernst von Siemens Musikstiftung vergibt erstmals mehr als drei Millionen Euro

Insgesamt vergibt die Stiftung über 3,2 Millionen Euro an Preis- und Fördergeldern. Gefördert werden 2016 weltweit rund 150 Projekte im zeitgenössischen Musikbereich. Der größte Anteil der Förderung entfällt erneut auf Kompositionsaufträge, aber auch Festivals, Konzerte, Kinder- und Jugendprojekte sowie Publikationen werden mit Fördergeldern bedacht. 250.000 Euro entfallen auf die Dotierung des Hauptpreises und je 35.000 Euro sowie die Produktion einer Porträt-CD erhalten die Komponisten-Förderpreisträger. Außerdem stellt die Ernst von Siemens Musikstiftung zusätzliche Mittel für die neue Reihe räsonanz – Stifterkonzerte zur Verfügung. Das erste Konzert im Rahmen dieser Kooperation mit dem LUCERNE FESTIVAL und der musica viva des Bayerischen Rundfunks findet am 27. Februar 2016 im Münchner Prinzregententheater statt.

Ein Porträt des Preisträgers lesen Sie in der Februar-Ausgabe der nmz.

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