„Freischütz“ mit Freibier: An der Semperoper gerät Weber zum Volksfest


(nmz) -
Der Probeschuss wird abgeschafft? Regisseur Axel Köhler betont in seinem Dresdner „Freischütz“, dass die Menschen aus Fehlern nichts lernen. Geschweige denn klug werden. Immer wieder geht Abschießen vor Aufklären. Das ist bis heute fatal.
02.05.2015 - Von Michael Ernst

Dresden feiert gerne, am liebsten sich selbst. Und wenn wer seine Spuren in Dresden hinterlassen hat, dann wird auch der gefeiert. Vor zwei Jahren galt dies Richard Wagner zu dessen 200. Geburtstag, voriges Jahr wurde Richard Strauss zum 150. bedacht und nun am ersten Maientag 2015 galt alle Aufmerksamkeit dem einstigen Hofkapellmeister Carl Maria von Weber. Dabei hat der in diesem Jahr doch gar keinen runden Feiertag. Und auch sein „Freischütz“ ist zwar in Dresden entstanden, wurde aber 1821 im preußischen Berlin uraufgeführt. Was feiern sie also, die Sachsen?

Sie feiern Dresden und deren Ruf von der Kunst- und Kulturstadt. Sie feiern vor prächtiger Kulisse und hatten dazu noch das Glück eines lauen Frühlingsfeiertags. Der 1. Mai wurde mit Bedacht gewählt, um 30 Jahre Semperoper zu begehen, jenen Theatertempel, der am 13. Februar 1945 in Schutt und Asche fiel und auf den Tag genau vierzig Jahre danach wie ein Phönix wieder in neuem Licht zu stehen. Auch am 1985 stand Webers „Freischütz“ als Eröffnungspremiere an (damals von Joachim Herz inszeniert, der noch den letzten Freischütz“ kannte, mit dem das Haus Ende August 1944 geschlossen worden ist), exakt am 13. Februar. Dieses Datum jedoch gilt heute vor allem dem Gedenken an Dresdens Zerstörung – und im Frühling lässt es sich ja ohnehin viel besser feiern als im Februar. Nun aber mal wieder Public Viewing mit Blicken hinter die Kulissen und anschließendem Freibier (nicht für alle).

Die Erwartungen waren sehr, sehr hoch, zumal mit Christian Thielemann, dem Chefdirigenten der Sächsischen Staatskapelle, ein ausgewiesener Wagner- und Strauss-Experte am Pult stand, der erklärtermaßen Vieles im Schaffen dieser beiden Komponisten auf Webers musikalische Neuerungen zurückführt. Dass diese ausverkaufte und nicht nur vom überregionalen Feuilleton bestürmte Premiere möglicherweise in der allmählich quälenden Diskussion um den Chefdirigentenposten der Berliner Philharmoniker eine Rolle spielen könnte, dürfte den Tausenden Zaungästen vor der Semperoper egal gewesen sein. Sie wurden mit vergnüglichen Hinführungen zu Werk und Neuproduktion auf einen großen Abend eingestimmt und durften gratis der per Videoleinwand live übertragenen Vorstellung beiwohnen. Die nicht zuletzt auch eine Visitenkarte für Regisseur Axel Köhler gewesen sein mochte, da es ja noch immer einen Intendantenstuhl am Hause zu besetzen gilt.

Nach dem Krieg ist vor dem Krieg

Dass sich Dirigent und Regisseur einander Konkurrenz machen, kommt im Opernalltag schon mal vor. Beeindruckend, wie sehr in diesem Fall alles schon aus dem Orchestergraben quoll, was auf der Bühne erst noch gezeigt werden sollte. Vom ersten Ton der Ouvertüre an hatte dieser „Freischütz“ eine klangliche Schärfe, die ebenso bestechend wie mitreißend war. Webers Ohrwürmer blieben zwar Ohrwürmer, waren aber kaum je in dieser Modernität zu hören. Ein satter Streichersound, der Düsternis ebenso wie helle Spielfreude vermittelte, punktgenau sangliches Holz, fein abgewogenes Blech – in einer solch schillernden Gediegenheit fallen dann kleinste Missgeschicke wie hier mal ein „vergeigtes“ Cellosolo und da mal ein „nicht ganz rundes“ Horn umso deutlicher auf. Das ist das Leid der Perfektion (die aber an keiner Stelle ins Sterile ging).

Nicht durchgängig auf diesem Niveau musizierten die Solistenriege und der Staatsopernchor, dem hier und da ein Stolpersteinchen in die Notenhälse kam, was mancherlei Textverständlichkeit etwas erschwerte. Als spiel- und stimmsicher erwies sich der Kaspar von Georg Zeppenfeld, ein böser Bursche, der ohne Furcht aus seinem tiefen Bass bis in recht hohe Lagen schmettern kann. Ihr Hausdebüt gab die Münchnerin Christina Landshamer als ein überaus sympathisches Ännchen, dem Frohsinn ins Gesicht und in die Stimme geschrieben ist. Sie hätte noch ansteckender wirken müssen, um die trauernde Agathe mitzureißen, die von Sara Jakubiak reichlich leidvoll und seltsam uninspiriert gestaltet wurde.

Albert Dohmen gab einen geradlinigen Erbförster Kuno, sonor gesungen und seriös gespielt, als Eremit bezwang Andreas Bauer die dritte Basspartie dieser Oper statuarisch mit Inbrunst. Adrian Eröd war als schneidiger Böhmenfürst ein aalglatter Herrschertyp und auch vokal unnahbar distinguiert. Der Kilian von Sebastian Wartig gelang leichtfüßig in Darstellung und Gesang, wirkte neben dem Max des kaum aus sich herausgehenden, teils geradezu lustlosen Michael König wie aus einer anderen Welt.

Sollte uns damit gezeigt werden, dass die Menschen nach einem überstandenen Krieg in unterschiedlicher Weise traumatisiert sind? Axel Köhler hat seinen „Freischütz“ in den Resten einer Villa am düsteren Waldrand anfangen lassen, das Volk stützt sich auf Traditionen wie Probeschuss, teuflischen Aberglauben und fürstliches Brauchtum. Vor allem aber will man wohl wieder wer sein, will auch im Angesicht von Ruinen feiern und fröhlich sein. Wozu offenbar auch eine heftige Keilerei gehört, das ist unter Gewehrs-Leuten nicht anders üblich. Ob Jäger oder Landsknecht, wer auf sich hält, hat eine Waffe, und die zeigt er auch.

Ein Schuss zum Schluss

Im kräftige Bilder generierenden Bühnenbild von Arne Walther (folkloristische Kostüme entwarf Katharina Weissenborn) bildet die Wolfsschlucht natürlich ein Zentrum und steuern schattige Videoeinspiele wie zwangsläufig von Vogelschwingen zu Kampfflugzeugen hin. Was bleibt, sind ein Riss durch die „heile“ Welt und ein zerstörter Wald voller Leichen. Selbst da wirkt Max neben einem vor Vitalität strotzenden Kaspar müde und träg, als gälte es nicht seiner vielleicht letzten Chance, Agathe und die Försterei zu erlangen. Kaum hat er die Braut dann mit der letzten Freikugel getötet, bleibt die Szene stehen – doch nicht mit einem klugen Lichteinfall gefrostet wie noch im ersten der drei Aufzüge, sondern wundersam führungslos. Die Liebste ist angeblich tot und Max setzt sich bräsig an den Biertisch. Ihr Vater, der Förster, wendet den Blick von ihr ab, das Volk steht dumm herum und der Fürst sinnt nur auf Bestrafung. Dem bietet der Eremit Einhalt (auch er in einem Militärmantel, warum?), verkündet die Abschaffung der Probeschuss-Ballerei und erwirkt für Max und die zum Glück ja doch nur erschrockene Agathe ein Bewährungsjahr. Filmreif krümmt sich indessen Kaspar zu Tode.

Danach gibt’s noch einen Regieeinfall, stelzt Ottokar in die Reihe der Kinder und lässt einen Gewehrschuss abfeuern. Will sagen, Fürsten haben noch nie was begriffen, und wer einmal tümelt, wird noch lange tümeln. Für einen mit so großen Erwartungen dekorierten „Freischütz“ ist das zu wenig.

Termine: 3., 6. Mai (ML Christian Thielemann), 9., 11., 14., 19., 26. und 31. Mai 2015 (ML Peter Schneider)

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