Gelangweilt bei Otello – Salzburger Shakespeare-Tage


(nmz) -
Die Osterfestspiele stehen in diesem Jahr im Zeichen des vor 400 Jahren gestorbenen Dichters, weil dessen Texte schon immer sehr viel Musik hervorgebracht haben.
20.03.2016 - Von Michael Ernst

Auch die böseste Antwort auf die Frage, wie man denn eine Inszenierung fand, „zufällig“ nämlich, kann noch getoppt werden durch das schlichte Wort „nicht“. Dabei stand im Programmbuch doch eine riesige Namensliste und versammelten sich nach der Premiere von Giuseppe Verdis „Otello“ zu den diesjährigen Osterfestspielen Salzburg auch zahlreiche Herren und eine Dame auf der Bühne des Großen Festspielhauses, um Schlussapplaus – und heftige Buh-Salven – entgegenzunehmen. Das Regieteam um Vincent Boussard kam kein zweites Mal vors hörbar enttäuschte Publikum.

Nach „Arabella“ und der Doppelpremiere „Cavalleria rusticana“ / „Pagliacci“ in den vergangenen Jahren hing die Latte sehr hoch und wurde mit „Otello“ nicht gerissen, sondern schlicht unterwandert. Anstelle von Bewegung, Interpretation gar oder zumindest einer schlüssigen Personenführung gab es Lichteffekte en masse (und ohne Bedeutung), statt spannender Unterhaltung dieses sowohl bei Shakespeare als auch bei Verdi und seinem Librettisten Arrigo Boito teils atemraubenden Stoffes wurde gelangweilt. Die Todsünde jeden Theaters.

Dabei steckt schon im „Othello“ des 16. Jahrhunderts und nicht minder im Spätwerk des italienischen Risorgimento so viel bleibende Aktualität drin – Angst vor dem Fremden, nur weil es „fremd“ ist, Integrationswille, gepaart mit Machtgier, bis hin zur Selbstverleugnung, „Königsmord“ durch rattenhaftes Intrigantentum – dass es schon heftig verwundert, bei diesem Stück auf blanke Ästhetisierung zu setzen. Die Chöre sind prächtig ausstaffiert (Kostüme: Christian Lacroix / Robert Schwaighofer), die Solisten in charakterisierende Kleider gesteckt; und weil es ja auch um ein verlorenes Taschentuch geht, das Otello seiner Desdemona geschenkt hat, als Untreue-Indiz aber abhanden kommt, flattern immer mal riesige Gewebe im ansonsten sehr nackten Bühnenbild (Vincent Lemaire), werden wehende Tücher per Video eingespielt (Isabel Robson) und hantieren die Protagonisten natürlich auch selbst mit allerlei weißem Tuch.

Dass ihre Gesichter fast ständig verschattet sind (Licht: Guido Levi), tut möglicherweise nichts mehr zur Sache, denn wer als Person (Persönlichkeit gar) kaum interagierend eingesetzt wird, zeigt vermutlich auch keine das Tun (oder Nicht-Tun) erhellende Mimik. Dieser „Otello“ ist also nicht aktualisiert, er ist nicht einmal museal, er ist einfach unzeitgemäß. Da rettet auch ein erfundener schwarzer Engel nichts (Choreografie: Helge Letonja), der sehr betulich mit seinen riesigen und dann auch mal brennenden Flügeln durch die Szenen schreiten darf.

Gerettet wird diese Neuproduktion, die erste unter dem aktuellen Festspielintendanten Peter Ruzicka, durch die Musik. Allerdings weniger von der Sächsischen Staatskapelle, die seit 2013 als stets gefeiertes Residenzorchester in Salzburg wirkt, hier aber von Christian Thielemann sehr wagnerianernd und teils viel zu laut eingesetzt wird, sondern von einem namhaften Solistenteam.

Allen voran Dorothea Röschmann, deren Desdemona eine in jeder Hinsicht unangestrengte Perfektion garantierte, gefolgt von Carlos Álvarez als Intriganten Iago, der seine Figur souverän und vielseitig zu charakterisieren vermochte. In der Titelpartie brillierte José Cura mit einigen Abstrichen, wofür er vom kritischsten Teil des Premierenpublikums gar mit Buhs abgestraft wurde. Benjamin Bernheim bot einen plausibel zerrissenen Cassio und Bror Magnus Tedenes einen sauber gestaltenden Rodrigo. In idealer Weise fügten sich Christa Mayer als Emilia und Georg Zeppenfeld als Lodovico in diesen Starreigen ein, die beide als Ensemblemitglieder der Semperoper zu den in Salzburg am meisten umjubelten Gästen gezählt haben.

Zu einer Empfehlung wird dieser „Otello“ trotz musikalischer Qualitäten leider nicht. Keine Inszenierung gefunden. Ein stringentes Konzept allerdings hat dieser Osterfestspiel-Jahrgang doch, denn in den folgenden Orchesterkonzerten erklingen gleich mehrere Werke mit Shakespeare-Bezug. Carl Maria von Webers „Oberon“-Ouvertüre basiert ebenso wie die zu Felix Mendelssohn Bartholdys „Sommernachtstraum“ und Hans Werner Henzes Sinfonia Nr. 8 auf wesentlichen Motiven des grandiosen Dramatikers, auch Peter Tschaikowskis Fantasie-Ouvertüre „Romeo und Julia“ geht selbstredend darauf zurück. Darüber hinaus stehen Ludwig van Beethovens Missa solemnis und Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe noch auf dem durchaus ambitionierten Programm.

  • Termine „Otello“: 27.3.2016, Großes Festspielhaus Salzburg, ab Februar 2017 Semperoper Dresden.
  • Die Aufführung wurde aufgezeichnet und ist am 26. März (20.15 Uhr) auf 3sat zu sehen.

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