Hübsch, aber ohne eigenes ästhetisches Gewicht


(nmz) -
„Das schwarze Wasser“, Musiktheater von Vivian und Ketan Bhatti nach dem Schauspiel von Roland Schimmelpfenning an der Neuköllner Oper Berlin 21.1. 2016. Hans-Peter Graf besuchte die Uraufführung.
29.01.2016 - Von Hans-Peter Graf

Ist es Zufall, dass der Titel „Das schwarze Wasser“, den Roland Schimmelpfenning seinem Schauspiel gab, eng bei Joyce Carol Oates’ Roman „Black Water“ von 1992 steht?

In ihm ist ein Vorfall um Edward Kennedy aus dem Jahre 1969 literarisch verarbeitet. Unter dubiosen Umständen verunglückte damals der jüngste männliche Spross des ehrgeizigen Familienclans, sein Fahrzeug stürzte in einen Kanal, wobei seine Begleiterin, die Wahlhelferin Mary Jo Kopechne, mit der Kennedy in vermutlich amouröser Absicht unterwegs war, ertrank. Er selbst überlebte, weitergehende politischen Ambitionen als das Amt eines US Senators, das er schon innehatte, konnte Kennedy danach nicht mehr realisieren.

Bei Schimmelpfenning ertrinkt niemand im wortwörtlichen Sinn. Sein Wasser ist kein gefahrenträchtiger Kanal sondern ein Freibad, in das Teenager im Sommer des Nachts einzusteigen pflegen, um verbotenerweise zu schwimmen und wo sich nun türkischstämmige Jugendliche auf der einen Seite und Jugendliche situierter deutsche Eltern gegenüber stehen.

Streit liegt in der Luft, wer den Ort der kleinen Grenzüberschreitung für sich reklamieren kann, aber man einigt und gesteht sich gegenseitig zu: „spielt keine Rolle / wer zuerst hier war“, verzichtet auf Prügel und kommt sich näher. Über die Cliquen hinweg bilden sich Paare, gemeinsame Zukunft wird beschworen, als Liebespaar (prominent die Gastarbeitertochter Leyla mit dem Politikersohn Frank) oder als Geschäftspartner (Olli mit Großschlachterei im familiären Hintergrund und der Bäckersohn Mehmet wollen gemeinsam eine Restaurantkette aufziehen). Der rote Freddi findet Lyrik/Literatur wichtiger als den beruflichen Traditionen seiner Juristenfamilie zu folgen. Ausgelassen feiern die neuen Freunde die Nacht hindurch, soziale und ethnische Unterschiede gibt es nicht.

Keine der Visionen dieser Nacht hat sich realisiert, alle sind letztlich bei ihren gesellschaftlichen „Leisten“ geblieben, zwanzig Jahre später sind die ehemals unterschiedlosen Beziehungen sozialökonomisch wieder reguliert. Freddi wird Murat, der den Döner-Imbiss seines Vaters übernommen hat in einem Rechtsstreit juristisch vertreten. Aishe hält Kerstin, deren Freundin sie geblieben ist, in deren Zahnarztpraxis als Sprechstundenhilfe den Rücken frei. Karim, mit Charme damals erfolgreich bei Cynthia gelandet erscheint jetzt vor der Schuldirektorin Cynthia beim Elternsprechtag, wo sie ihn nicht einmal erkennt. Cynthia hat standesgemäß Frank geheiratet und organisiert ihm Haushalt und Familie. Der Ministersohn Frank steht nach steiler Karriere selbst vor der Beförderung zum Minister und trifft zufällig auf seine alte Liebe Leyla, die an der Supermarktkasse arbeitet und inzwischen das gemeinsame Kind aus jener Nacht alleine großgezogen hatte. Nach dieser Begegnung erleidet Frank einen Zusammenbruch.

Die Sommernacht und die Begebenheiten zwanzig Jahre später sind sprachlich nicht getrennt sondern in einander verschachtelt, die Zeiten springen hin und her, oft innerhalb einer Wortfolge. Es gibt also im gewissen Sinn kein Vorher-Nachher. Es ist letztlich schon im Freibad klar, wer die gesellschaftlichen Chancen und Bildung bekommt und wer nicht. Die meisten der Beteiligten erinnern sich nur verschwommen an die „Nacht“ damals, oder gar nicht, oder über Murats Döner. Nur Frank und Leyla begreifen den Verlust schmerzhaft, und dass zwischen dem Traum am Pool damals und dem Heute etwas passiert war.

Mit Frank/Leyla setzt auch die Adaption des Schauspiels an der Neuköllner Oper von Michael Höppner (Regie/Libretto) an. Inszeniert ist die Geschichte in einer ­– Schimmelpfenning hinzugefügten – „Zeitung“. Die Redaktion arbeitet über den designierten Minister Frank, recherchiert Karriere und gesundheitlichen Einbruch und den Skandal seines unehelichen Kindes. Das ist nicht ungeschickt, von Frank, Leyla, Cynthia, Murat usw. in der Struktur einer Rückblende zu erzählen, wie auch der große O-förmige Konferenztisch gleichermaßen als Bühnenpodest, Pool, Bus, Bar völlig unspektakulär und organisch funktioniert (Bühne und Kostüme Judith Philipp).

Für die Gestaltung der Rollen hat die zusätzliche Redaktion allerdings erhebliche Konsequenzen. Hrund Ósk Árnadóttir (Sopran), Robert Elibay-Hartog (Bariton), Marielou Jacquard (Mezzosopran), Magnús Hallur Jónsson (Tenor), Katarina Morfa (Mezzosopran), Angelos Samartzis (Tenor) sind neben ihren jeweiligen Figuren als Jugendliche und als Erwachsene, nun auch noch die sechs Journalisten. Mit dieser Rollenvielfalt hätten auch erfahrende Darsteller ohne die überbordende Spielfreude der Neuköllner Sängerdarsteller*innen zu kämpfen. Aber über deren permanent fliegenden Rollen- und Kostümwechseln ging die Personenführung fast völlig unter. Und zusätzliche alberne Gags trugen auch nicht zu einer theateradäquaten stringenten Gestaltung des Bühnengeschehens bei. Schließlich herrschte schiere Betriebsamkeit auf der Szene, aber das Stück kam nicht vom Fleck.

Ihre stimmlichen Qualitäten konnten die Sängerdarsteller*innen in diesem Stück nicht ausspielen. Das lag weniger am sportlichen Einsatz, vielmehr an den musikalischen Parts, wie überhaupt die musikalische Seite dieser Adaption zum enttäuschendsten Teil des Projekts geriet. Auch wenn man davon ausgehen kann, dass die Präsentation seitens der Instrumentalisten mit zunehmenden Vorstellungen souveräner werden wird, als das in der Premiere der Fall war, so wird doch merkwürdig „grau“ bleiben, was die beiden Komponisten, Vivian und Ketan Bhatti, für Ensemble (Leitung: Yonatan Cohen) aus Streichtrio, Bassklarinette, präpariertem Klavier und Schlagwerk, für Zuspielband sowie den sechs Solostimmen verfasst haben. Mittellagen-orientiert, teils einstimmigen Ensembles, chorischem Sprechgesang, geradliniger Textur, aber ohne Kontraste und ohne weite, bzw. den Text brechende Bögen blieb die Soundebene dem szenischen Geschehen nach- und untergeordnet, also eher den Formaten von begleitender Musik verhaftet. Durchaus hübsch, aber ohne eigenes ästhetisches Gewicht, das einen – im Sinne von Musiktheater – wirkungsvollen Gegenpol zur Dimension der Zeit im Schimmelpfenning-Stück und seiner politisch eindimensionalen Aussage hätte bilden können.

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