Knietief im Trüben - Andreas Kriegenburgs durchdachte Wozzeck-Inszenierung in München
Bei so viel Aktualität kann Kriegenburg auf den direkten Zeitbezug verzichten und lässt seinen Wozzeck als Jahrmarkts-Moritat im weit entfernten 19. Jahrhundert spielen. Im Mittelpunkt seiner Interpretation steht freilich nicht die titelgebende Hauptfigur, sondern sein und Mariens namenloses „Armer Leuts Kind“ (Aurelius Braun).
Ob er wohl eine Chance hat aus der gesellschaftlichen Stellung auszubrechen, die Schicht des Prekariats zu verlassen – das ist die eigentliche Frage für Kriegenburg, der das Kind eines „Monsters“ und einer „Hure“ mit viel Wohlwollen durch den Abend begleitet, aber seine Zweifel daran nicht verbergen kann und möchte. So aufgeweckt der Junge die sich abzeichnende Tragödie zwischen Wozzeck und seiner Mutter verfolgt und schweigend kommentiert; als alles zu Ende ist und er allein auf sich gestellt als Waise durchs Leben gehen muss, dient er den umherstreunenden Altersgenossen erneut zur Zielscheibe ihres Spottes. Das Drama kann von Neuem beginnen…
Das Drumherum ist professionell organisiert und durchdacht. Die große Bühne füllt sich bereits zu Beginn des Abends mit dem Wasser, das für Wozzeck und Marie von schicksalhafter Bedeutung werden wird. Arbeitslose waten durch die Fluten, tragen als menschliches Fundament den Orchesterboden im Wirtshausgarten und bilden so das trübe Ensemble der biedermaierlichen Kasernenstadt. In Brecht’scher Manier vollzieht sich der Lauf der Ereignisse: Hauptmann (Wolfgang Schmidt), Doktor (Clive Bayley) und der Tambourmajor (Jürgen Müller) werden schon rein optisch (Kostüme: Andrea Schraad) zu Abziehfiguren des Vorstadttheaters degradiert. Einzig Wozzeck (Michael Volle) und Marie (Michaela Schuster) gelingt es, ihren Rollen menschliche Züge zu verleihen.
Michael Volle verbindet dabei schauspielerisches Können und stimmliche Präsenz zu einer überragenden Kombination und beherrscht damit mit Abstand diesen fulminanten Premierenabend. Dass sich die Sänger musikalisch in idealer Weise entfalten konnten, ist zu allererst das Verdienst von Münchens Generalmusikdirekor Kent Nagano, der das Bayerische Staasorchester souverän durch die Schwierigkeiten der Berg’schen Partitur führt. Sein Wozzeck ist das lyrische Gegenstück zum Expressionismus, der auf der Bühne stattfindet. Aber gerade diese Gegensätzlichkeit bewirkt das beglückende theatralische Gesamtkonzept, dem – eine große Ausnahme für München – Publikum mit stehenden Ovationen für Musik und Bühne zujubelt.
Die nächste Premiere wird der in München 1917 uraufgeführte Palestrina von Hans Pfitzner sein. Regie führt der Oberammergau- und Salzburg erprobte Christian Stückl.
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Wozzeck
Leider war genau das Gegenteil der Fall von dem was Sie beschrieben haben: Der Sänger M.Volle konnte sich nicht wegen K.Nagano musikalisch so entfalten, sondern er versuchte es TROTZ diesem Dirigat. Das ist leider die traurige Wahrheit für die meisten Sänger, die man von Aussen anscheinend kaum mitbekommt
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