Musikalisch erben mit Offenbach


(nmz) -
Münchens Gärtnerplatztheater erinnert mit „Salon Pitzelberger“ an seine Eröffnung vor 150 Jahren. Wolf-Dieter Peter hat sich‘s angeschaut und war sehr hingerissen.
15.01.2016 - Von Wolf-Dieter Peter

Mit allem Ernst vorweg: dieser fabulöse Unernst darf nicht nach drei Aufführungen verschwinden; die Intendanz des heutigen Staatstheaters am Gärtnerplatz muss-muss-muss noch einen anderen Einakter finden und im dann fertig gestellten Haupthaus erneut daran erinnern, dass mit Jacques Offenbachs herrlicher Opernparodie „Salon Pitzelberger“ am 4.November 1865 das damalige bürgerliche Gegenstück zum Hof- und Nationaltheater eröffnet wurde.

Denn von wegen „Ersatzspielstätte Reithalle“, von wegen offener Salon und Gartenpavillon und geräuschvoll marode Villa hinter urwaldartigem Baumbestand (pfiffig von Jessica Marquardt arrangiert), von wegen „Ersatzsänger auf der Bühne“: „Anja Nitritko“ hatte zwar einfach abgesagt und Ernestine Pitzelberger sprang für sie ein – woraus Elaine Ortiz Arandes ein hinreißendes äußeres, aber auch gesanglich brillantes Porträt einer Belcanto-Diva des beginnenden 19. Jahrunderts machte; „Placebo Dominango“ fehlte wegen Beerdigung seines Lieblingshundes, weshalb Ernestine-Elaine endlich ihren geliebten mittelosen Musiker Carlos Rodriguez Parzival Canefas offiziell präsentieren konnte – woraus Juan Carlos Falcón mit spanischem Temperament und glänzenden Tenortönen ein glaubhaftes Hallodri-Porträt machte, so dass der Musikfreund seiner Oper „El Candido sonnambulo de los fan tuttos de Monaco di barbariera“ entgegenfiebern muss…

Und auch die solidere „leichte Muse“ kam nicht zu kurz: zwar hatte „Igor Rebiroff“ auch abgesagt, weshalb Pitzelberger selbst einspringen musste und den finsteren Bösewicht mit dem Wortschatz einer italienischen Speisekarte herrlich schräg bestritt – was Holger Ohlmann als neureicher Protzer mit wuchtigen Bassbariton-Tönen wunderbar gehetzt verkörperte. Wer schon fast nicht mehr durchblickte, wurde noch durch die tranig faule, aber sich gekonnt an den Notar ranschmeißende Bedienstete Petermann von Ann-Katrin Naidu und durch die andere Bedienstete, die übereifrig herumwuselnde Brösel von Frances Lucey verwirrt. Da konnte man nur wie die herrlich banalen „Ersatz-Gäste“ in Abendanzug oder greller Tracht dastehen (der von Felix Meybier einstudierte Chor), als „Lieschen Müller“ und „Max Mustermann“ dümmliche Kommentare abgeben – und sich musikalisch fabelhaft unterhalten.

Denn Regisseurin Magdalena Schnitzler hatte alle zunächst amüsant geführt und dann sämtliche Stereotypen des Gesellschaftstheaters, vor allem aber von „Opas Oper“ aufführen lassen. Dass das mitsamt den neuen Textanspielungen auf Münchens Schickeria-Auswüchse nicht platt blieb, war der musikalischen Seite zu verdanken. Denn die Parodie von Hochkultur, insbesondere die Parodie von erstklassigen Opernkompositionen eines Bellini, Donizetti, Meyerbeer, Wagner oder Verdi (Textfrage: „Was, die Gewerkschaft kommt auch?“) bis zu Offenbachschem Galopp, Bolero, Walzer und natürlich Can-Can gelingt nur, wenn eben nicht „Ersatz-Kräfte“, sondern erste Könner sich „in den Spaß reinschmeißen“. So führte Dirigent Jürgen Goriup das Gärtnerplatzorchester zum „hohen Ton“ und ließ dann aber auch „die Mäuse tanzen“, die fünf Solisten boten grandios-ernsthaft-abgründig „erste Sahne mit Schmäh obendrauf“ – bis hin zum erlösenden Finale, dass die große Erbschaft alle rettet, weil eben in Umgehung des Testamentsverbotes nicht nur einer, sondern alle „nicht standesgemäß“ heiraten…

Noch Fragen offen? Die beantwortet nur ein Besuch von Jacques Offenbachs unsterblich „höherem Schwachsinn aller Oper“! Wiederaufnahme im renovierten Stammhaus ab 2017 dringendst erwünscht!

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