„Ohren auf – neugierig sein – träumen“: die 68. Sommerlichen Musiktage Hitzacker


(nmz) -
Sommerzeit, Festspielzeit – im inflationären Gewusel gibt es seit 68 Jahren eine Konstante: Deutschlands ältestes Kammermusikfestival in Hitzacker. Tradition und Innovation sind hier aufs Schönste verbunden. Alte Musik, Ausgrabungen verschollener Werke, Klassik und neue Musik bis hin zum Experimentellen und zu Uraufführungen begegnen sich und werden durch Literatur und Tanz gesteigert.
05.08.2013 - Von Jutta de Vries

Die geschickte Interpretenauswahl mit einerseits jungen, schon preisgekrönten Talenten und andererseits hochkarätigen Weltstars kommt gut an und verursacht jedes Jahr in der ersten Augustwoche einen Pilgerstrom auf den Gradus ad Parnassum. Die Beschränkung auf einen einzigen Veranstaltungsort, nämlich die hinreißende historische Flussinsel Hitzacker inmitten lieblicher Elbtalauen gibt der 9-tägigen Veranstaltungsreihe eine hohe Konzentration: Man bleibt am liebsten die ganze Zeit dort, weil es einen Themenbogen gibt und man nichts verpassen will, viele Musikliebhaber kennen sich von wiederholten Besuchen, man tauscht sich über das Gehörte aus, kommt mit den Künstlern ins Gespräch, die soziale Kommunikation hat einen  hohen Stellenwert. Zwischen die Konzertblöcke sind Vermittlungs- Mitmach- und Erholungsangebote wie die Hörerakademie, das Chorsingen für alle oder der Festival-Walk eingeschoben. Kurz gesagt, dieses Festival ist im Sinne des amerikanischen Begriffs „Musicking“ komplexe, bunte Vielfalt in thematischer Einheit, nach dem Motto „Don’t be afraid of complexity“, im Sinne einer heiteren Sommerakademie.

Die Elbtalaue und ihre Bewohner sind lange aufgrund der sensiblen Lage der Natur ökologisch am Ball, und in diesem Jahr hat der Trägerverein der  Sommerlichen Musiktage eine Partnerschaft mit der Biosphärenreservatsverwaltung besiegelt, denn auch Kultur braucht Nachhaltigkeit. Ein Thema, dass es noch auszuweiten gilt. Jedoch sind die Sommerlichen Musiktage Hitzacker mit ihren 68 Festspieljahren in Folge per se ein deutliches Beispiel für Nachhaltigkeit.

Auch in ihrem zweiten Jahr als künstlerische Leiterin des Festivals ist die junge Weltklasse-Geigerin Carolin Widmann voller Begeisterung und Publikumsnähe bei der Sache. „Hier kann ich gestalten, Neues wagen, was  mir als Interpretin nur in begrenztem Umfang möglich ist“ sagt sie, und komponiert mit Lust ein beziehungsreiches, verweisendes, kontrastierendes Programm. Das weite Feld der „Träume“ ist der Leitbegriff. Auf die Frage nach einem Geheimtipp für das komplexe Thema gibt Carolin Widmann bei der Eröffnung  vor ausverkauftem Haus den spitzbübischen Rat: „Ohren auf, alles was neu ist, aufsaugen, Bekanntes neu hören, neugierig sein und träumen.“

Carolin Widmanns Träume sind am Ende der  Musiktage schönste Realität geworden. Beginnend mit dem „Sternenruf“, „Appel Interstellaire“ von Olivier Messiaen für Horn solo, kongenial von Marie-Luise Neunecker ausgebracht, gaben die fünf Sänger von amarcord in einer umjubelten Abschlussmatinee den Abschiedsgruß und setzten den fröhlichen Schlusspunkt unter ein hochkarätiges Programm spartenübergreifender Vielfalt, dessen Fieberkurve beinahe nie aus den Spitzenbereichen fiel. Spannende Analogien, Verweise und Kontraste quer durch die Kammermusiklandschaft gaben viele Denkanstöße und viele Momente glückhaften Hörens.

Die Programmatik von Wunschträumen und Sternenwelten, Nachtmahren und Fantasien, Visionen, Utopien und Märchenromantik mit Blick auf Mensch und Natur ließ Kompositionen, Texte, Pantomime und Filmisches zu, von Purcell bis zum  diesjährigen Composer in Residence Mark Andre. Altes und Neues hielten ein gutes Gleichgewicht. Nur von einem, Geburtstags-Platzhirsch Richard Wagner, träumte Carolin Widmann in diesem Jahr gerade nicht: die Assoziationen mit der stets wiederkehrenden Metapher vom „Grünen Hügel der Kammermusik“ griffen nicht.

Weltklasse-Highlights waren die zwei Recitals mit András Schiff, einmal mit Hanno Müller-Brachmann ein Schumann-Doráti-Mussorgsky-Liederabend und zum zweiten ein absolut traumhafter Kammermusikabend mit Carolin und Jörg Widmann. Hier gab es Werke von Schumann, Brahms und Bartók: unwiderstehlich. Weitere traditionell geprägte Spitzenprogramme brachte die Akademie für Alte Musik Berlin, Tabea Zimmermann ließ märchenhaft ihre Viola erklingen, während das hoch gelobte Auryn-Quartett in Hitzacker mit seinem reinen Virtuositätsdenken nur vordergründig viel Zustimmung finden konnte.

Eine Wiederentdeckung gab es mit Franz Bendas zukunftweisend komplexen Violinkonzert A-Dur, das bislang unveröffentlicht als Autograph in der Staatsbibliothek Berlin schlummerte und von Carolin Widmann expressiv lustvoll und mit traumhaften Kadenzen zum Leben erweckt wurde.

Auftragskompositionen und Uraufführungen erwartete man diesmal vergebens. Dennoch sorgte der deutsch-französische Lachenmann-Schüler Mark Andre als Composer in Residence für heiße Diskussionen und verbreitetes Unverständnis bis hin zu heftigen Buhs – ein seltener Effekt in Hitzacker, dessen Publikum als tolerant, neugierig und sachverständig gilt. Drei Kompositionen aus den letzten Jahren des in der Neuen-Musik-Szene sehr beachteten Komponisten kamen zu Gehör: das Klavierstück „contrapunctus“, das nur auf den äußersten hohen und tiefen, dabei noch präparierten Tasten erklang, „iv2“ für Cello solo und „…zu…“ für Streichtrio.

Von den Künstlern Konstantin Lifschitz, Klavier, Florin Cuonz, Cello und Solisten des Ensemble Kaleidoskop wurden wahre Wunder vollbracht bei der Artikulation aller nur denkbaren technischen Fertigkeiten dieser Stücke. Es erfordert unglaubliche Konzentration, um Andres Partituren von Klang, Nicht-Klang und Geräusch bis hin zur physischen Unhörbarkeit in eine innere individuelle und auch unerträgliche Welt zu übertragen. Die über längere Zeiträume entwickelten Strukturen einer Fragmentarisierung von akademischen und höchst emotionalen Komponenten einer Geräuschmusik, die sich mit dem Klang des „Verschwindens“  auseinandersetzt  (für den religiös geprägten Andre ist das ein biblischer „Emmaus-Effekt“, den er intensiv in seinen Werken untersucht), führte er in innere, radikale Welten der Transzendenz – in die tiefsten Schichten der Träume.

Im kommenden Musiktage-Jahr lädt Carolin Widmann zum „Tanz“.

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