Reger, Hiller und der Prinz von Köstritz – Neues von der Buchmesse Leipzig 2016 für Musik-Enthusiasten und Abonnenten


(nmz) -
Sucht man mit fachbegeisterter Neugier auf der Buchmesse Leipzig mit einem konzentrierenden Fokus, ist es auf einmal gar nicht so einfach, die passenden Nadeln im Heuhaufen zu finden. Trotzdem: Eine Auswahl interessanter Neuerscheinungen – hier aktuell zum Lektüre-Frühling 2016 – lohnt immer. Der Schwerpunkt liegt hier auf Musik und Repertoire des 19. Jahrhunderts mit dem Kick in bislang unerschlossene Randbereiche von Schaffen, Praxis und Ästhetik. Bahnbrechungen und Brückenschläge sind zu erhoffen durch Publikationen zu Max Reger, Ferdinand Hiller, Marie Jaëll und Heinrich XXIV, Prinz Reuß-Köstritz.
24.03.2016 - Von Roland H. Dippel

Im Fokus Mitteldeutschland reißt Susanne Popp das gesamte Lebens- und Werkpanorama um Max Reger (1873-1916), dem die Stadt Leipzig und der Freistaat Thüringen 2016 ein umfangreiches Jubiläumsprogramm ausrichten. Die Leiterin des Max-Reger-Instituts legt eine für Werk, Lebenslauf und künstlerische Dynamik schon längst fällige umfangreiche Biografie dieses nach außen recht unspektakulären, ganz dem eigenen Werk verschriebenen Lebens vor. (Susanne Popp: Werk statt Leben. Biographie; Breitkopf und Härtel 2015; ISBN 978-3-76-51-0450-3; 542 Seiten; 39,90 €)

Dazu liefert der Olms Verlag die facettenreiche Ergänzung: Michael Stolle war Kapellmeister des Theaters Gera und Dozent der Musikhochschule Leipzig, als er auf einen jener höfischen Kunstbegeisterten stieß, die in Meiningen, Gotha, Gera neben Weimar den heutigen Raum Mitteldeutschland zum musikalischen Zentrum machten. In ästhetischer Orientierung am Kreis um Johannes Brahms, Clara Schumann und Joseph Joachim hinterließ Heinrich XXIV. (1855-1910) aus dem Geschlecht Reuß neben sechs Sinfonien ein umfangreiches Lied-, Klavier- und Kammermusikschaffen. (Michael Stolle: Der Komponist Heinrich XXIV. Reuß-Köstritz. Ein Meister strenger Schönheit; Georg Olms Verlag 2016; ISBN 978-3-487-08577-7; 360 Seiten; 48,00 €).

Ein Popps Reger-Biografie ebenbürtiges Großprojekt realisierte – leider noch immer nicht im gebührenden Umfang gewürdigt – der Aufsatzband über Ferdinand Hiller (1811-1885), der als musikalischer Kosmopolit heute mehr durch seine Schriften als das eigene Werk bekannt ist. Der Nachfolger Mendelssohns am Gewandhaus Leipzig und Vorgänger Schumanns in Düsseldorf erfährt die seiner theoretischen und kreativen Bedeutung angemessene Würdigung, die jede Auseinandersetzung mit dem europäischen Musikschaffen um wesentliche Seitenaspekte zu Form und Thematik verdichtet. (Ferdinand Hiller. Komponist, Interpret, Musikvermittler; Beiträge zur rheinischen Musikgeschichte Band 177; Verlag  Merseburger 2014; ISBN: 978-3-87537-349-3; 560 Seiten; 78,00 €)

„Würde der Name eines Mannes auf ihren Werken stehen, würde die Musik von allen gespielt werden.“, sagte Franz Liszt über Marie Jaëll (1846-1925). Aus Perspektive, Praxis und Begeisterung einer Interpretin entstand die Basis-Einführung zu Leben und Werk der aus dem Elsass stammenden Virtuosin und Klavierpädagogin. Cora Irsen sammelte Fakten, Spuren und Hommage-Worte, die zu einer vertieften Auseinandersetzung herausfordern. Gedacht ist die Schrift auch als Ergänzung zum CD-Zyklus in der Reihe Querstand der Verlagsgruppe Kamprad, z. B. den von Liszt beeinflussten Zyklus „18 Stücke für Klavier nach der Lektüre Dantes“ (1894). (Cora Irsen: Marie Jaëll; Weimarer Verlagsgruppe 2016; 978-3-7374-0241-5 ; 104 Seiten; 12,00 €)

Ein spannendes Thema zur italienischen Musik und „Opernindustrie“ erschloss Martin Fischer-Dieskau. Er stellt die im Vergleich zu Deutschland und Frankreich auffallend späte Entwicklung von der zwischen Cembalist, erstem Violinisten und evtl. Chorleiter aufgeteilten musikalischen Leitung zum Dirigenten dar. Dafür untersucht er Studien des 19, Jahrhunderts und geht der zunehmenden Differenzierung von Form und Rhythmus nach, dem Aufbruch in die zunehmend sich ausprägenden Individualismen der Komposition und Interpretation. Ein aufschlussreicher Perspektivenwechsel von der Bühne zum Orchester bei Verdi und Co. (Martin Fischer-Dieskau: Dirigieren im 19. Jahrhundert. Der italienische Sonderweg; Schott 2016; ISBN 978-3-7957-0943-3; 382 Seiten; 49,50 €).

Unerlässlich nicht nur für den mitteldeutschen Raum und die Premierenhäufigkeit ist Neuausgabe des Textbuchs zu Webers „Der Freyschütze“ bei  Reclam nach originalen Quellen von Fabian Kolb. Der Herausgeber folgt der zweiten Fassung des Textbuchs von Friedrich Kind, die von Weber zur Komposition verwendet wurde. Hier fehlt am Beginn bereits die Szene Agathe/Eremit. Ein umfangreicher Fußnotenapparat gibt Einblicke in die Entstehungswerkstatt, das  umfangreiche Nachwort akzentuiert insbesondere das Werk zwischen Unterhaltungsliteratur und Romantisierung. (Carl Maria von Weber: Der Freischütz; Reclam 2016; ISBN 978-3-15-018923-8; 96 Seiten; 4,00 €).

Abschließend noch der Blick auf zwei Neuerscheinungen in der Musik-Reihe zu „C. H. Beck.Wissen“: Dorothea Redepenning schrieb eine neue Werkmonographie zu Peter Tschaikowsky aus einer versachlichenden Perspektive, die den schwulen Komponisten als arrivierten Repräsentant des russischen Zarenreiches und auch den zunehmend wirtschaftlichen Erfolg seines Oeuvres darstellt. (Dorothea Redepenning: Peter Tschaikowsky; C.H.Beck-Wissen 2016; ISBN 978-3-406-68810-2; 128 Seiten; 8,95 €)

Im Gegenzug schlägt Hans-Joachim Hinrichsen erst einen großen Bogen von der Entwicklung der Säulen bürgerlicher Konzertkultur seit 1800 zu Anton Bruckner und seinem Ringen um die gültigen Fassungen seiner Großwerke. (Hans-Joachim Hinrichsen: Bruckners Sinfonien. Ein musikalischer Werkführer; C.H.Beck-Wissen 2016; ISBN 978-3-406-68810-2; 128 Seiten; 8,95 €)

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