Rondoartige Verkettung – Postume Uraufführung von Konrad Boehmers „Sensor“ in der Deutschen Oper Berlin


(nmz) -
Das „elektrische Musiktheater“ von Konrad Boehmer aus dem Jahre 2007 erlebte seine postume Uraufführung in der Tischlerei der Deutschen Oper Berlin. Die Komposition mit Klavier, Klarinette, Schlagzeug und elektronischen Zuspielungen erweist sich weniger elektronisch als bei diesem Komponisten zu vermuten. Die vierte musiktheatrale Zusammenarbeit des 2014 verstorbenen Boehmer mit dem Münchner Autor Albert Ostermaier kombiniert drei Schauspieler in vier Szenen mit emotional starken, aber zunächst sinnentleert wirkenden Texten.
27.01.2016 - Von Peter P. Pachl

Mit anschwellendem Donnerblech – als Unfall oder Einsturz – beginnend entfaltet sich ein räumliches Klangspiel, das – wie Ligetis  „Aventures“ – von der objektiven Zeitmessung bestimmt wird, an die sich Dirigent Manuel Nawri, deutlich strukturierend, mit digitaler Zeitanzeige hält. Die rondoartige Wiederkehr von Textblöcken, Textsprengseln und ebensolchen, zumeist vom Text unabhängigen, ratternden und schwellend atmenden Mixturschichten geht nur selten eine Paarung ein, etwa beim Schlag der Glocke zum Wort „Telefon“. Aus dem Raum der Tischlerei wurde für diese Produktion die Tribüne entfernt, das Publikum umsteht und umwandert die sich als Installation verstehende Anordnung eines Innenraums, mit Eingangstür, Telefon, Bett, Waschbecken und einer mitsamt der Decke aus der darüberliegenden Etage heruntergestürzten Badewanne.

Vorder- und Rückwand des Raumes sind ebenfalls  zerborsten, so dass das Publikum dem Geschehen der drei Protagonisten von beiden Seiten folgen kann. Auf den Wänden dahinter laufen identische Videos von den drei Handlungsträgern, offenbar noch aus der Zeit, als der Raum unzerstört war: der Mann liegt rauchend und sich betrinkend im Bett vor dem Fernsehapparat, die eine Frau schminkt sich im Lurexkleid divenhaft, die andere zieht sich aus und steigt in die Badewanne.

Auch auf der Live-Szene wird viel an- und ausgezogen, geschminkt, rasiert und ins Waschbecken gekotzt. Die Bruchstücke unterschiedlicher Lebensläufe und doch großenteils identischer Erlebnisse, welche die Personen Stay (Morgane Ferru), Nab (Ruth Macke) und Sensor (Stephan Baumecker) mit diesem Raum und auch miteinander verknüpft, schälen sich langsam heraus und fügen sich beinahe zur Einheit einer Mènage-á-trois. Dabei wird – im kleinen Raum der Ausstatterin Sophia Schneider – leider zu viel (Gras) geraucht und u. a. mit Telefonhörer und mit dem Kopfkissenbezug ausgiebig onaniert. In der Inszenierung der Preisträgerin des Grazer Ring-Award 2014, Verena Stoiber, verausgaben sich die mikroportverstärkten drei Schauspieler*innen exzessiv.

Bei der zweiten gut besuchten Aufführung war der Raum der Tischlerei nicht mehr überfüllt, die Zuschauer*innen lagern sich zu beiden Seiten der Styroporruine auf dem Fußboden, sehen auf den wenigen seitlichen Sitzplätzen durch Fenster und Tür, oder umkreisen den Aktionsraum lustwandelnd. Dabei können sie dem Dirigenten und der Pianistin über die Schultern in die klassisch notierten Noten gucken und auch auf den Monitoren der drei live auf die Darsteller gerichteten Kameras deren Aktionen verfolgen. Mit den wenigen eingespielten, kaum verständlichen textlichen Erinnerungs-Schnipseln und zumeist intimen, kammermusikalischen Elementen, entsteht aus der additiven Rekonstruktion zerstobener Erinnerungen zunehmend der Eindruck eines szenischen Hörspiels. Und tatsächlich wird Deutschlandradio Kultur den Mitschnitt der zweiten und dritten Aufführung als Musik-Hörspiel ausstrahlen.

Nach pausenlosen 70 Minuten gab es dankbaren Beifall.

  • Weitere Aufführungen: 26., 27., 28., 29. Januar 2016,
  • Ausstrahlung in Deutschlandradio Kultur am 20. 2. 1016, 19:05 Uhr.

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