Schade: Fade Scheherazade – Oded Tzur beim BMW Welt Jazz Award


(nmz) -
„Inspired By Legends“ – als das Motto des aktuellen BMW Welt Jazz Awards im vergangenen Herbst bekannt gegeben wurde, wird sich manch einer gedacht haben, dass es ab Januar im Doppelkegel am Mittleren Ring um das gehen wird, was die Säulenheiligen des Jazz bei der heutigen Musiker-Generation ausgelöst haben, dass also die üblichen Verdächtigen Tribute über sich ergehen lassen müssen: Miles, Monk, Coltrane. Doch die Themenstellung gab weit mehr her: beim zweiten Wettbewerbs-Konzert etwa erzählte der israelische Saxofonist Oded Tzur mit seinen Mitteln Geschichten aus 1001 Nacht nach.
04.02.2016 - Von Ssirus W. Pakzad

Was für ein Trauma für König Schariyâr. Seine Gattin hatte gewagt, ihn zu betrügen. Die Konsequenz für die Untreue: Rübe ab. War damals nicht viel anders als heute – denn schließlich herrscht in manchen Ländern immer noch tiefstes finsterstes Mittelalter. Aber zurück zur Geschichte. Der Ehe-Frust des Regenten hatte zur Folge, dass er sich jeden Tag von seinem Wesir eine frische Jungfrau zuführen und diese enthaupten ließ, nachdem sie das Nachtlager mit ihm geteilt hatte. Bis er an die schöne Scheherazade geriet – die hatte Köpfchen und wollte es auch behalten. Also erzählte sie dem Throninhaber eine Geschichte, die so spannend war, dass es dem Monarchen nach Fortsetzung gelüstete – die schlaue Frau vollzog kurz vor dem Höhepunkt ihrer Geschichte einen smarten Interruptus. Wir wissen längst, dass sie 1001 Nacht wacker durchgehalten hat.

Der in New York lebende israelische Tenorsaxofonist Oded Tzur hat sich von Scheherazades Überlebenskampf inspirieren lassen. An einem grauen Sonntagmorgen spielte er den Zuhörern im Doppelkegel seine Interpretation ihrer Gute-Nacht-Geschichten vor. Er fängt berührend zart an. Knapp über der Wahrnehmungsgrenze haucht er seine ersten Noten ins Rund, so als würde er sie der Geliebten ins Ohr wispern. Erst langsam festigt sich sein Ton, nimmt seine Geschichte, die er mit dem Pianisten Shai Maestro, dem griechischen Bassisten Petros Klampanis und dem Schlagzeuger Ziv Ravitz zum Besten gibt, Fahrt auf. Der Mann nimmt sich Zeit. So eine Nacht ist schließlich lang und will überbrückt werden.

Die dynamische Meisterleistung seines Quartetts lässt einen nach dem ersten Stück noch staunen – spätestens nach dem zweiten aber relativiert sich die Leistung der vier Musiker. Denn schnell wird klar, dass der Aufbau von Oded Tzurs Stücken zwar durchaus einen eigenwilligen Stil hat, aber auch schnell nach Masche tönt (selbst im an sich sehr schön dargebotenen Standard „Skylark“). Den rachsüchtigen Schariyâr hätte der Saxofonist mit dem immer gleichen Erzählmuster bestimmt nicht bei Laune gehalten. Der Herrscher wäre entweder eingedämmert oder hätte mal wieder die Klinge gewetzt.

Das nächste BMW Welt Jazz Award-Konzert ist für den 14. Februar angesetzt. Dann wird der italienische Pianist Stefano Battaglia seine Verehrung für Alec Wilder oder Pier Paolo Pasolini in Klänge umwandeln.

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