Selig twittert dein Weib: Wagners „Götterdämmerung“ am Staatstheater Nürnberg


(nmz) -
G wie Gibichungen – g wie google. Der Erkennungsbuchstabe der Suchmaschinenkrake prangt als Symbol eines Missverständnisses über dem ersten Aufzug dieser Nürnberger „Götterdämmerung“. Es besteht in dem Glauben, eine Inszenierung gewänne allein schon dadurch aktuelle Relevanz, dass Choristen Selfies machen, in den Pausen CNN läuft und ein paar Flüchtlinge mit Schlauchboot über die Bühne gehen. Regietheater für Dummies.
12.10.2015 - Von Juan Martin Koch

Georg Schmiedleitner geht zum Abschluss seiner Nürnberger Ring-Inszenierung über die zuvor eher allgemein gehaltenen Bezüge zu Umweltzerstörung und Krieg hinaus, ohne dadurch allerdings eine prägnante Zusammenfassung der bei ihm eher lose verbundenen Werkteile zu erreichen. Mit Tonbändern hantierende Nornen im Zuschauerraum, ein Internetkonzern, der im Keller offenbar illegal Beschäftige ausbeutet, ein Geschwisterpaar Gutrune-Gunther, das per Computerspiel Guerilla-Straßenkampf simuliert: All das trägt nicht unbedingt zu einer bahnbrechenden Neudeutung des Tetralogie-Finales bei.

Format gewinnt Schmiedleitners Zugriff – wie schon in einigen Passagen aus Rheingold, Walküre und Siegfried – immer dort, wo er eine Personenkonstellation präzise umreißt und die Sängerdarsteller ihr Potenzial ausspielen lässt. Die Waltrautenszene mit einer fabelhaft textintensiven Roswitha Christina Müller (als fulminante Fricka in bester Erinnerung) ist ein solcher Moment, Siegfrieds Tod ein weiterer.

War man bis dahin der Zeichnung des hehren Helden als tumben Volltrottel schon einigermaßen überdrüssig geworden, so gelingt es dem Regisseur, ihn im Moment seines Sterbens in einen Menschen aus Fleisch und Blut zu verwandeln. Als alle Getreuen (starke Männerstimmen des Opernchores) sich abwenden und Gunther mit dem Leichnam alleine zurücklassen, stellt dieser ihn noch ein letztes Mal aufrecht hin: als einen Mann im Niemandsland zwischen Leben und Tod. Vincent Wolfsteiner bietet am Ende zusätzlich zur soliden Tenorpower nun auch leidenschaftliche Zwischentöne auf, und Jochen Kupfer – bis dahin ein eher blasser Gunther – lässt sich in der Folge davon anstecken.

Die Trauermusik verfehlt einmal mehr ihre Wirkung nicht: Mit unnachgiebiger Wucht lässt Marcus Bosch sie aus dem Graben herauspeitschen. Bei aller Lautstärke ist hier aber auch Klangkontrolle spürbar, was an diesem Abend nicht durchweg der Fall war. Neben fein durchgearbeiteten Details, die an die schlanken Lesarten der anderen Teile anknüpften, war von der Staatsphilharmonie auch einiges in der Farbbalance Zufällige und Pauschale, in der dynamischen Dosierung wenig Sängerfreundliche zu hören.

Entsprechend schwer hatten es anfangs Woong-Jo Choi als Hagen und Ekaterina Godovanets als Gutrune, die sich aber im weiteren Verlauf zu steigern wussten, während Rachael Tovey mit beeindruckender Durchschlagskraft nahtlos an ihre bisherigen Brünnhilden-Auftritte anknüpfte. Schade, dass sie ihren Schlussgesang über weite Strecken in der akustisch ungünstigsten Bühnenkonstellation absolvieren musste.

Diesen hatte Schmiedleitner aber ohnehin als krasse Antiklimax angelegt: Zur Orchesterapotheose gründet Brünnhilde mit den Rheintöchtern offenbar ein vorbildliches Startup-Unternehmen oder eine Nichtregierungsorganisation mit dem Potenzial zur Gesellschaftsveränderung. Ein Fernsehteam ist live dabei, die ersten Twitter-Nachrichten flimmern im Hintergrund: 140 Zeichen Utopie.

Weitere Aufführungen: 18. und 25. Oktober, 1. und 29. November, 13., 20., 27. Dezember. Komplette Aufführungen des Nürnberger Ring-Zyklus wird es gegen Ende der kommenden Spielzeit im Mai und Juni 2017 geben.

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