Sizilianisches Osterfest und sommerliche Wanderbühne – in einem Opernabend, der nur noch viermal zu sehen sein wird


(nmz) -
Sächsisch-Salzburger Koproduktion zahlt sich aus: Operndoppel „Cavalleria rusticana“ und „Pagliacci“ wird auch an der Semperoper in Dresden gefeiert. Das Spiel ist aus, raus aus den Kostümen, weg mit der Schminke, der Rest ist grausame Realität. Eine Leiche schon vor der Pause, bis zum Schluss kommen noch zwei hinzu. „La commedia è finita“, aus und Applaus.
17.01.2016 - Von Michael Ernst

Die Dresdner Semperoper hat ihre Koproduktion mit den Osterfestspielen Salzburg nach Sachsen geholt, die Staatskapelle hat da wie dort musiziert, dennoch war an der Elbe fast alles ganz anders als an der Salzach.

Zu einer vergleichsweise eigenständigen Fassung war Regisseur und Bühnenbildner Philipp Stölzl schon wegen der wesentlich kleineren Spielfläche in Dresden gezwungen. Die Opulenz der riesigen Spielfläche im Salzburger Festspielhaus gibt es kaum ein zweites Mal. So musste das dortige Bühnenbild mit seinen sechs großen Schaukästen gleich zwei weggespart werden. Aus anderen (planerischen und vor allem wohl finanziellen) Gründen stand eine komplett andere Besetzung auf der Bühne und selbst im Graben, denn nicht einmal Chefdirigent Christian Thielemann stand bei der Umsetzung am Pult. Dabei ist er seit 2013 Künstlerischer Leiter der Osterfestspiele. Die musikalische Leitung hatte nun Stefano Ranzani mit einer überzeugenden Portion Italianità inne. Er stammt aus dem Mutterland des Musiktheaters, verwöhnte mit emotionaler Dramatik in der Musik und klangstarkem Bebildern der so anrührenden wie spannenden Aktionen in diesen Opern, die landauf, landab der Inbegriff des Verismo sind. Wie von den Komponisten Pietro Mascagni und Ruggero Leoncavallo gefordert, sollte das Publikum von dramatischen Liebesqualen, Eifersuchtsmorden und theatralischen Spielen im Opernspiel mitgerissen werden, als geschehe das alles wie im wirklichen Leben. (Dabei ist es nicht selten ganz umgekehrt und wird im echten Leben gelitten wie auf der Bühne.)

Beide Stücke enthalten köstliche Doppelbödigkeiten, die sich der theater- und filmerfahrene Philipp Stölzl natürlich beherzt vornahm und in seinen Bühnenbildern schlüssig umgesetzt hat. Das sizilianische Osterfest in „Cavalleria“ zeichnete er als Schwarzweiß-Landschaft wie aus dem Bilderbuch, oder besser noch (und im Programmheft offenbart), wie von Otto Nückel angeregten Genrebildern aus der Frühzeit des Comic. Stölzl macht damit Gleichzeitigkeiten des Handelns deutlich und schafft zusätzlich Spannung, da das Publikum immer schon angedeutet bekommt, was sich hintergründig entwickelt. Liebe, Betrug und blutige Rache stehen in einer hermetischen Welt mafiös-familiärer Strukturen. Da gibt’s keine Chance für Verliebte.

Der sommerliche „Pagliacco“ weitet dieses Regiekonzept mit überbordender Farbigkeit, die sich auch in den Kostümen von Ursula Kudrna spiegelt. Kurz taucht zum Prolog das „Cavalleria“-Ensemble wie aus der Vorstellung kommend noch einmal auf, dann werden die Bajazzo-Bretter bespielt und findet besagte Gleichzeitigkeit mal dort und im danebenstehenden Gardeobenwagen, mal als Draufsicht des Bühnenpublikums und schließlich als Blick in stilisierte Natur statt. Hier wie dort und überall wendet sich das gedoppelte Spiel der Komödie ihrem tragischen Ausgang zu.

Im Gegensatz zum Salzburger Original musste paralleles Geschehen mit Nahaufnahmen und Projektionen partiell eingeschränkt werden, was im direkten Vergleich ein Verlust ist, ohne diese Vorkenntnis aber beinahe ebenso gut funktioniert. Mitunter meint man sogar, nicht aus dem Parkett auf die bespielten Guckkästen zu schauen, sondern quasi aus dem Theater hinaus in filmisch fernes Geschehen. Dessen Emotionalität jedoch berührt auch heute, mehr als 100 Jahre nach dem Entstehen der beiden Verismo-Opern, immer noch stark.

Was vom satten Orchesterklang mit sinnlichem Streicherschmelz, schmetterndem Blech und drängendem Holz nur unterstützt wird, denn Maestro Ranzani weiß Akzente zu setzen und erweist sich als Mann mit perfekt koordinierendem Blick für Details wie fürs Ganze. Ihm stehen mit Hingabe agierende, stimmlich bestens präparierte und sich als Ensemble engagierende Solisten zur Seite. Die hinreißende Sonia Ganassi etwa, die als betrogene Santuzza in Stimme und Spiel berührt. Neben ihr gerät der Turiddu Teodor Ilincais fast in den Schatten und übertreibt es ein wenig mit Stimmkraft und tenoralem Furor. Sein Agieren als Liebhaber und Lügner, als Rivale, Muttersohn und unverheirateter Vater (das Kind ist eine höchst schlüssige Stölzl-Zutat) gerät in jeder Szene so glaubwürdig wie nachvollziehbar. Etwas verwundert der sozial gehobene Gestus, den Tichina Vaughn als Turiddus Mutter Lucia ausstrahlen muss. Mit vokalem Feinsinn gestaltet sie ihren Part ebenso wie Christina Bock den der liebestolle, ja übermütigen Lola, die ihrem Gatten Alfio die Hörner aufsetzt, was der sich natürlich nicht bieten lässt. Sergey Murzaev rächt sich selbstherrlich lautstark nach Mafiamanier – und taucht im „Pagliacci“ wiederum als ein aus Enttäuschung heraus zum Strippenzieher geratener Fiesling auf.

Demokratiefrei wie im sizilianischen Dörfchen geht es ja auch in der Commedia dell'arte zu, wo Bajazzo Canio wie ein Despot seine Mitmimen beherrscht. Als Zirkus-Columbina leidet die betörende Nedda ganz besonders darunter und sorgt auf der Wanderbühne für ebenjene Ranküne, wie sie sie außerhalb des schäbigen Theaterchens tatsächlich lebt. Veronica Cangemi betört ihren Gönner ebenso wie den buckligen Tonio, vor allem freilich ihren Geliebten Silvio und ihr Publikum auf der Bühne sowie natürlich auch das im Saal. Mit schlankem Sopran und treffsicherer Koloratur singt und spielt sie ihre Intrige. Mario Cassi ist als kurzfristig eingesprungener Silvio ein idealer Partner für sie, während Sergey Murzaev den Tonio als so hinterhältigen wie gebrochenen Wüstling gibt. Seine mörderischen Rachefäden haben im grundtiefen Bariton ihre Entsprechung. Liebenswert hingegen wird der Harlekin-Beppe von Aaron Pegram verkörpert. Beängstigend und gleichsam bemitleidenswert, mit wuchtig tenoraler Kultur und feinsinnigem Spiel gestaltet Vladimir Galouzine den Canio, erst menschlich gewaltig, dann rasend als Rächer.

Bis in kleinere Nebenpartien haben sich alle Mitwirkenden eine würdigende Erwähnung verdient, insbesondere der Sächsische Staatsopernchor mitsamt Kinder- und Extrachor. Einziger Makel an dieser veränderten Übernahme aus Salzburg: Sie steht in der laufenden Spielzeit nur viermal auf dem Programm.

Termine: 19., 22.1., 3., 6.2.2016

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