Suff und Liebe lassen überleben: „Le Grand Macabre“ von György Ligeti in Chemnitz


(nmz) -
Eine mit Spannung erwartete Premiere gab es am Sonnabend im Chemnitzer Opernhaus: György Ligetis Oper „Le Grand Macabre“, nach Michel de Ghelderodes „La Ballade du Grand Macabre“ mit Georg Baselitz als Bühnenbildner. Mit dieser Produktion wurde die erste Saison im Musiktheater unter dem neuen Chemnitzer Generalintendanten Dr. Christoph Dittrich eröffnet.
30.09.2013 - Von Boris Michael Gruhl

Bildende Künstler als Bühnenbildner – das ist nicht neu. Man denkt an Chagalls farbenprächtige „Zauberflöte“, 1967 an der MET in New York, oder an Picassos Arbeiten für die Ballets Russes. Mit der Arbeit von Baselitz in Chemnitz wird eine lange Zusammenarbeit der Städtischen Kunstsammlungen und des Theaters medienwirksam befördert, was wohl ganz stark auf das Interesse der Museumschefin Ingrid Mössinger zurückgeht.

Das Ergebnis ist nicht so sehr überraschend. Die Bilder, die Baselitz für das „Bruegelland“, in dem das Stück spielt, entworfen hat, sind von eher bescheidener Bühnenwirksamkeit: zunächst Durchbrüche in einer schwarzen Wand in eine Art Labyrinth von in Felsen gehauenen Höhlennestern, dann eine Müllgesellschaft am Ende eines riesigen Abflussrohres, dann haben wir drei Bruchstücke mit darüber hängenden spiegelnden Abbildern auf der Bühne und am Ende bildet die Wand vom Anfang eine Schräge und die Bewohner kommen heraus um zu sterben, zu träumen, und am Ende fröhlich wieder aufzustehen, denn Liebe und Suff machen offensichtlich unsterblich.

Im phantastischen Bruegelland treibt der große Makabre, sein mehr oder weniger erfolgreiches Unwesen. Der Bariton Heiko Trinsinger ist dieser Unheilsprophet namens Nekrotzar der davon besessen ist, das Ende der Welt nicht nur anzukündigen, sondern diesem auch nachzuhelfen. Zwei junge Liebende beeindruckt das kaum, einen fröhlichen Säufer mit schönem Namen „Piet vom Fass“ schon gar nicht. Gesanglich bietet der Tenor Dan Karlström die überragende Leistung des Abends. Lediglich eine abgetakelte Erotomanin überlebt den Zusammenstoß mit dem potenten Todesboten nicht. Der ist am Ende selbst so blau, dass er den erwarteten Kometenaufprall samt Weltenende verpasst. Der erfolglose Prophet legt Kostüm und Maske ab, verlässt die Bühne als älterer Mann und man könnte auch denken: Da geht er hin, der Herr Ligeti, und seine Haltung sagt: Ich hab das Meinige getan, jetzt entscheidet selbst, ob ihr im Himmel, auf Erden oder in der Hölle angekommen seid. Der Tod kommt ganz bestimmt, aber bis dahin habt Ihr es in der Hand, ob Ihr ihn lebendig oder lediglich als ein Haufen lebendiger Leichname erwarten wollt. 

Der Regisseur Walter Sutcliffe ist nicht zu beneiden, denn die Vorgaben der Bühne und der Kostüme von John Bock setzen dem Spiel etliche Grenzen, so dass die Inszenierung notgedrungen wirkt, als wäre sie über das Stadium der Organisation nicht weit hinaus gekommen. Die vielleicht schräg und schrill gemeinten Kostüme für aufgeblasene, übergewichtige oder übergroße Typen machen manche Protagonisten zu unbeweglich. Was als Entwurf ganz witzig wirken mag, sieht auf der Bühne mitunter ziemlich dürftig aus und bremst das Spiel. Manchmal stockt das Spiel regelrecht, besonders im überlangen dritten Bild nach der Pause lässt die Spannung arg nach. 

Vielleicht hätte man besseren Zugang, würde man mehr vom Text verstehen, Übertitel wären hilfreich, gerade bei den manchmal so sehr hoch geführten Frauenstimmen. Was Ligetis Musik angeht, so könnte man – salopp gesagt – viele Klischees von moderner Musik bestätigt bekommen. Die hohen Töne der Frauenstimmen oder des Tenors mit Übergang in die Kopfstimme, wispernde Orchesterpassagen, Cluster, Anspielungen, Zitate berühmter Kollegen, etwa Offenbach, Alltagsgeräusche, Autohupen, Uhrenticken…

Das wäre aber im Hinblick auf den musikalischen Part der Chemnitzer Aufführung nur die halbe Wahrheit. Wenn nämlich eine so ungewöhnliche Partitur mit einem solchen Engagement, Drive und unerbittlicher Genauigkeit wie beim Dirigenten Frank Beermann und den Musikern der Robert-Schumann-Philharmonie gespielt wird, dann bekommt die Aufführung ihre Bedeutung. Man ahnt bei der Intensität üppiger Klangfantasien, bei den zarten Lyrismen des Vorspiels zum dritten Bild etwa mit den fernen Klängen einer Harmonika, was viellicht möglich gewesen wäre bei einer fantasievolleren, originelleren und mutigeren, in der Personenführung auch genaueren, szenischen Entsprechung. 

Weitere Aufführungen: 2. und 19. Oktober, jeweils 19.30 Uhr. Es folgen noch weitere fünf Aufführungen bis Januar 2014.                  

 

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