Tragische Tortenschlacht: Giuseppe Porsiles „Spartakus“ in Schwetzingen


(nmz) -
Karneval 1726: Das junge Heidelberger Opern-Team deutet im Schwetzinger Rokokotheater die Umstände der Uraufführung von Giuseppe Porsiles „Spartaco“ an, indem es mit Tröten durch die Foyers und das Parkett auf die Bühne zieht. Ein Kreuz haben sie vorsorglich mitgebracht. Denn der Aufstand der süditalienischen Sklaven und entrechteten Landleute in den Jahren 73-71 v. Chr. endete mit der grausamen Hinrichtung von mindestens sechstausend Gefangenen nach der verlustreichen Entscheidungsschlacht. Es hat nicht gut gerochen damals an der Via Appia.
11.12.2009 - Von Frieder Reininghaus

Auf den ersten Blick ist es erstaunlich, daß ein Musiktheater-Divertissement über den Aufrührer Spartakus am Wiener Hof des Habsburger-Kaisers Karl VI. herauskam. Doch vergegenwärtigt man sich, daß im Karneval kurzfristig das Unterste nach oben gekehrt und die Autorität der im übrigen Jahr straff durchgesetzten Ordnung scheinhaft in Frage gestellt werden darf, dann ist’s auch wieder nicht so verwunderlich: Giovanni Pasquinis Libretto hat nicht nur in das tragische dramma per musica komische Figuren und derb-komische Szenen eingefügt, sondern am Ende auch überdeutlich den Untergang eines Mannes vor Augen geführt, der auf unverzeihliche Weise die Regeln verletzt. Das Tendenzstück gelangt zu einer klaren Botschaft: Die hergebrachte Hierarchie triumphiert. Der gottgewollten und gottgegebenen Autorität wird in hohen Tönen gehuldigt. Und damit war, ohne dass es laut gesungen werden mußte, die der Habsburger gemeint.

Michael Form dirigiert die durchaus differenziert gestaltete Partitur mit energischer Hand und Gespür für die Details. Er führt die Sänger mit genauer Zuwendung über die technischen Klippen hinweg. Dem klein besetzten Orchester entlockt er einen Sound, den man gut und gern als „historisch“ goutiert. Mit Emilio Pons in der Titelpartie steht der Produktion ein exquisiter Sängerdarsteller zu Verfügung, mit Maraile Lichdi eine ausgesprochen vielseitige Heldengattin, mit Annika Sophie Ritlewski eine strahlend schön singende jugendliche Liebhaberin und mit der bezaubernden Yosemeh Adjei ein kesses Töchterchen, das im Leben so hoch hinaus will wie in der Gesangskunst.

Michael von zur Mühlen berücksichtigte die komischen Momente des Werks in vollem Umfang und inszenierte auch im Detail der Mimik und Gestik sehr genau – in Theaterkostümen des 18. Jahrhunderts. Allerdings hob er durch Filmeinblendungen auch die Komponenten des Gewaltförmigen und des im Hintergrund des Werks lauernden historischen Unrechts ins Blickfeld: die Ehefrau des Spartakus mutiert szenenweise zu Rosa Luxemburg (und verweist auf die Aneignung des Spartakus-Mythos im frühen 20. Jahrhundert). Zweimal verkleidet sie sich auch als Ulrike Meinhof (klagt mit deren Worten die Unterjochung der berufstätigen Frauen und Mütter an). Das geht einem Teil des Opernabonnenten-Publikums entschieden zu weit. Aber es schließt am unteren Neckar nur zu dem auf, was in Berlin oder Wien längst Standard ist.

Da segeln z.B. Flugblätter aus dem Rang ins Parkett: „Wir wollen nicht ein Stück vom Kuchen, wir wollen die ganze Bäckerei“ – und die Tortenschlacht beginnt. Die Gesichter der Leute, die eben noch sangen, tauchen auf dem eingeblendeten Film-Spot tief in die Eiweiß-Zucker-Sahne-Kompositionen und wischen sich die kalorienreichen Wurfgeschosse aus den Augenwinkeln. Auch die aufrührerischen Parolen bekommen also ihr Fett weg. Der wahnsinnig werdende Spartco zieht sich nackt aus, cremt sich mit einer dunklen Masse ein (wie Friedrich Nietzsche es tat) – er „vertiert“ sichtbar. Bekommt dann aber den gewendeten Königsmantel als Fell, das die Blößen, die ihm das Stück zumutet, auf anrührende Weise bemäntelt. Furor und Mitleid des historischen Werks wurden schließlich gebührend ernst genommen.

Klassenkrampf

Das Niveau der Besprechung von Herrn Reininghaus ist erschütternd: Da wird der allenfalls mittelmäßige Sänger der Titelpartie zum “exquisiten Sängerdarsteller” stilisiert. Da wird – schlimmer noch – einer Regie, die das Stück missachtet und vernichtet, bestätigt, sie habe das Werk “gebührend ernst genommen”. Vollends krude schließlich die Feststellung, die “bezaubernde Yosemeh Adjei” stelle in der Aufführung Spartakus’ Tochter dar (der Countertenor ist in Wahrheit der Sänger des Licinius!). Für solche Fehlleistungen sind Redakteure einst fristlos gefeuert worden.
Als Barocktenor ist Pons eine Fehlbesetzung. Kaum eine der Klippen (und Abgründe) dieser anspruchsvollen Partitur nimmt er ohne deutliche Blessuren: Die Koloraturen werden verschluchzt, die Tempi verschleppt, die Höhen erhalten nicht nur unschöne Trübungen, sondern hässliche Schmutzflecken. Und da stellt sich der Verdacht ein, dass der Strip – Pons singt die zweite Hälfte der Aufführung, wie man hört, auf eigenen Wunsch komplett unbekleidet – nichts auf-, sondern sängerische Schwächen ver-decken soll.
Das Skandalöse des Heidelberger “Spartakus” ist jedoch die Regie: Da hat man auf halbem Wege wohl gemerkt, dass das Werk aus dem absolutistischen 18. Jahrhundert trotz des Titels gar nicht so klassenkämpferisch ist, wie man es gerne hätte. Also wird in die Karnevalsoper nicht nur der Slavenaufstand auf Haiti, Rosa Luxemburg, Ulrike Meinhof und Heiner Müller eingerührt und das Ganze mit drei Clowns und allerlei Agitprop-Versatzstücken aus den untersten Schichten der theatralischen Mottenkiste garniert – und herauskommt erwartungsgemäß eben “ein Ragout von anderer Schmaus”. Darf man in einem solchen Falle nicht fragen: Warum setzt ein Theater ein Stück auf den Spielplan, wenn es von vornherein davon überzeugt ist, dass es sich um reaktionären Krampf handelt? Am Schlimmsten ist, dass auf diesem Wege das musikalische Kunstwerk beschädigt wird. Es handelt sich ja nicht um ein Repertoirestück, das man allerorts und in allen denkbaren Inszenierungsvarianten hören kann, sondern um die einmalige Gelegenheit einer Ausgrabung.
Dieser eben nicht kreative, sondern zerstörerische Umgang mit der kulturellen Überlieferung wird von Herrn Reininghaus nun perfiderweise dem provinziellen “Opernabonnenten-Publikum” angelastet. Nach dieser Logik ist jemand, der sich seinen Magen an verdorbenem Fisch verdirbt, einfach nicht intelligent genug, richtig zu verdauen. Der Schwachsinn der Regie wird durch den Schwachsinn der Kritik leider nicht aufgehoben.


Spartacus

Sehr geehrter Herr Limbeck,
auch wenn sie diese Antwort wahrscheinlich nach so langer Zeit nicht mehr sehen werden, Sie sprechen mir aus der Seele. Was einem da letztes Jahr als pseudointellektueller Klassenkampf verkauft wurde, war wirklich nur ein Krampf. Und nur weil woanders schon ähnliches so aufgeführt wird, muss es nicht gut sein. Ich erinnere mich noch gut, wie bereits eine Pina Bausch Tanzaufführung vor über 20 Jahren, von allen “Intellektuellen” hochbejubelt, in meinen Augen einfach idiotisch und unerträglich war, weshalb ich selbige verlies. Ich bin weder prüde noch altmodisch, aber (und da gebe ich Ihnen ebenfalls recht!) wenn die sängerische Qualität nicht mithält, hilft auch ein (zugegeben hübscher) nackter junger Mann nicht, vor allem dann, wenn die Sinnhaftigkeit einer solchen Aktion zu wünschen übrig lässt. Und auch wenn ich nicht türenschlagend aus der Aufführung verschwunden bin, finde ich den Begriff “Schwachsinn” doch sehr treffend!!
In diesem Sinne freundliche Grüße (falls Sie sie je erreichen)


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