Überdurchschnittlich: „Jewgeni Onegin“ an der Komischen Oper Berlin


(nmz) -
Entgegen dem früheren Alleinstellungsmerkmal der Komischen Oper Berlin, alle Werke in Landessprache zur Aufführung zu bringen, wurde die russische Erstaufführung von Pjotr I. Tschaikowskis „Lyrische Szenen in drei Akten“ nun im ehemaligen russischen Sektor Berlins zu einem ungeteilt gefeierten Premierenerfolg.
01.02.2016 - Von Peter P. Pachl

Barrie Koskys Inszenierung spielt auf der Wiese im Freien, vor realistischen Laubbäumen. Das gemahnt an den russischen Realismus von Konstantin Stanislawski über Wsewolod Meyerhold bis Peter Stein einerseits, die hohen Bäume ohne Soffitten und der Einsatz der Drehbühne an Max Reinhardts „Sommernachtstraum“ am Berliner Deutschen Theater in Berlin andererseits. 

Auf dem dichten grünen, leicht hügeligen Rasen der Bühnenbildnerin Rebecca Ringst entwickelt der Regisseur mit Liebe zum Detail und Witz die ländliche Idylle. Die Dienerinnen Larina (Christiane Oertel) und Filippewna (Margarita Nekrasova) konservieren Erdbeermarmelade in Gläsern. In eines von denen verpackt dann Tatjana, als eine Flaschenpost zu Lande, ihr Liebesbekenntnis an Onegin. Im selben Glas sendet der ihr seine erdbeerverschmierte Antwort zurück, die sie zutiefst verletzende Absage an ihr Liebesbegehren. Im Schlussakt kommt dieses Glas nochmals ins Spiel: Tatjana hat Onegins Antwort bis in ihre Ehe mit dem kriegsversehrten Fürst Gremin (Alexey Antonov) darin aufbewahrt und wirft dem sie nun zu spät verzweifelt Liebenden die Papierfetzen ins Gesicht.

Individuell geführt ist der von David Cavelius einstudierte Chor der Komischen Oper, gewandet in Pastellkleider von Klaus Bruns, mit weißen Sonnenschirmen und Federball spielend, beim ländlichen Fest zu Tatjanas Namenstag, tanzen die Chormitglieder mit Fackeln. Später lassen die Choristinnen ihre Bücher wie Schmetterlinge flattern.

Nachdem Onegin mit der Braut seines Freundes Lenski geflirtet und diesen beleidigt hat, kommt es zum Duell. Die Kontrahenten erscheinen dazu total betrunken, die Sekundanten bleiben im Dunkel und auch der Schusswechsel erfolgt im Dunkel des Laubwaldes. Doch Tatjana ist auf der Szene erschienen und begegnet dem blutüberströmten Sieger Onegin, der ihr die Tatsache, seinen Freund getötet zu haben, als Vorwurf ins Gesicht schleudert.

Nach der Pause ist ein klassizistischer Bau auf den Rasen gestellt. Was zunächst wirkt, wie eine schlechte Stadttheaterlösung, erweist sich als kleiner Coup der großen Welt: zur Ballettmusik tragen kostümierte Techniker Wände und Säulen, Möbel und Teppich ab, und die Schlussszene spielt wieder auf der Rasenfläche der ersten Begegnung von Tatjana und Onegin. Allerdings entladen sich die Gefühle in einer Tränenwand heftigen Regens, der auf das Paar herabprasselt und deren Kleidung so durchnässt, dass sie für den Schlussapplaus andere Kostüme anlegen müssen. Wie im Libretto von Pjotr I. Tschaikowski und Konstantin S. Schilowski nach Puschkins gleichnamigem Roman vorgesehen, entschwindet Tatjana dem noch immer Geliebten – hier nach einem langen, feurigen Kuss, durch den die Lippen Onegins rot gefärbt werden.

Barrie Kosky erlaubt sich Einschnitte in den Musikfluss, etwa in Onegins erster Arie, damit Tatjana ihn stumm umarmt. Die Lichtregie von Franck Evin sei ausdrücklich hervorgehoben: sie ermöglicht Brüche in surreale Momente und erzielt traumhafte Wirkungen.

Mit satten Streichern und sauberen Bläsern bietet das Orchester der Komischen Oper eine Spitzenleistung, Henrik Nánási scheinen Tschaikowskis musikalische Leidenschaften besonders zu liegen, seine Mischung von Intimität, Koloristik und Pathos geht auf. Gekrönt wird die Aufführung durch überdurchschnittliche Gesangsleistungen.

Sängerisch und darstellerisch überragend die lettische Sopranistin Asmik Grigorian als betörend intonierende, faszinierend sinnliche Tatjana und Günter Papendell als ein zwischen Depression und Exzessen hin und her geworfener Onegin. Stimmgewaltig und differenziert der Lenski von Aleš Briscein, plastisch und anrührend Karolina Gumos als Olga.

Viel Jubel für alle Beteiligten für eine, gemessen an den anderen Regiearbeiten des Hausherrn, eher brave, aber sehr stimmige Inszenierung.

  • Weitere Aufführungen: 3., 6., 26., 28., 29. Februar, 3., 12. März, 6. Juli 2016

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
CAPTCHA
Diese von Menschen zu lösende Aufgabe ist zur Vermeidung von Spam-Inhalten leider notwendig.
Bild-CAPTCHA
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.