Verdi-Oper in einer verschachtelten Welt – Simon Boccanegra in Dresden


(nmz) -
Genua ist überall. Das Genua des 14. Jahrhunderts, als Simone Boccanegra zum ersten Dogen des Stadtstaats gewählt wurde, war zerrissen genug. Giuseppe Verdi sah die konfliktreiche Zeit, in der sich Plebejer und Patrizier gegenüberstanden, in seinem Jahrhundert gespiegelt. Vom mörderischen G8-Gipfel 2001 wusste er damals noch nicht. Auch nichts von Majdan, Tahrir und Taksim. Parallelen sind dennoch evident in der Dresdner Neuinszenierung von „Simon Boccanegra“.
01.06.2014 - Von Michael Ernst

Was für ein Seelendrama! Da geht es um Liebe zwischen Frau und Mann, zwischen Tochter und Vater, um Männerfreundschaft und Loyalität. Da geht es um Intrige, Macht und Verrat. Um Drohung, Gewalt, Glauben und Hass. Und um die Manipulierbarkeit des Volkes. Giuseppe Verdis 1857 in Venedig uraufgeführte Oper „Simon Boccanegra“ ist trotz aller Verwandtschaft weit mehr als eine Replik des sechs Jahre zuvor herausgekommenen „Rigoletto“, in dem ja auch ein Vater um seine Tochter ringt. Diese über gut zwei Jahrzehnte immer wieder bearbeitete Oper (die Zweitfassung kam 1881 in Mailand heraus) ist ein Gesellschaftsdrama, das zerrissene Seelenlandschaften schonungslos offenbart.

Der Korsar Boccanegra soll zum Dogen gewählt werden. Er käme damit in den Stand, seine Geliebte Maria heiraten zu können, was ihm bisher von deren Vater, dem Patrizier Fiesco, verweigert wird. Dass Maria im Sterben liegt, weiß er nicht. Und wo die gemeinsame Tochter Amelia versteckt wird, ist ein weiteres Geheimnis. Deswegen können sich Boccanegra und Fiesco auch nicht versöhnen.

Aus diesem Prolog wird im ersten Akt ein Zeitsprung von einem Vierteljahrhundert. Amelia ist inzwischen mit dem Patrizier Adorno verlobt. Paolo allerdings, der 25 Jahre zuvor Boccanegra ins Dogenamt half, hat ebenfalls ein Auge auf das Mädchen geworfen und verlangt nun von seinem Herrn, dass der für ihn um ihre Hand bittet. Bei dieser Gelegenheit erkennen sich Tochter und Vater einander (nicht im lutherischen Sinn!), Boccanegra muss Paolo enttäuschen und macht ihn sich damit zum Todfeind. Der lässt daraufhin Amelia entführen, ihr Geliebter bringt den Entführer um und sieht fälschlicherweise in Boccanegra den Schuldigen dieser Intrige. Amelia weiß mehr, verrät aber noch nichts. Der Doge will Frieden sowohl mit der Republik von Venedig als auch unter seinen Nächsten und ihren Widersachern. Der enttäuschte Paolo will Rache und mixt einen Gifttrank für Boccanegra. Auch Adorno will den Dogen töten, weil er ihn für den frühen Tod seines Vaters sowie für die gefährdete Liebe zu Amelia verantwortlich macht. Bis all diese Verwicklungen aufgeklärt sind, ist der Titelheld dieser Oper längst vergiftet und opfert sich in der Hoffnung, dass Adorno als sein Nachfolger gemeinsam mit Amelia mehr Frieden stiften kann.

Wie trügerisch dieser Gedanke gewesen ist, wusste Verdi, wissen wir alle. Regisseur Jan Philipp Gloger weiß das auch und formte daraus eine Inszenierung mit zeitübergreifendem Anspruch. Das Beste daran ist, es funktioniert. Unaufdringlich. Ein in sich verschachteltes Bühnenbild (Christof Hetzer) bietet reichlich Raum für Assoziationen. Mal sind es Binnensichten in die Psyche der Agierenden, mal ist es der Draufblick suggestiver Massenszenen. Die Kostüme (Karin Jud) verbinden die Ebenen der Historie mit der Entstehungszeit und dem Heute. Ohne erhobenem Finger wird klar, dass diese Geschichte(n) noch längst nicht vergangen ist / sind.

Das Volk ist manipulierbar (überall auf der Welt) und wohlmeinende Herrscher sind absolut rar. Sind so rar wie kluge Politiker, die Weitsicht nicht der Parteidoktrin oder persönlichem Vorteil opfern. Das assoziiert diese Produktion ohne jede Plakativität. Denn sie vertraut ganz dem Geist der Musik. Und die zeichnet die Seelenqualen der Agierenden so individuell wie auf die Massen bezogen. Noch bei den größten Zusammenrottungen des Volkes, das je nach Interessenlage rasch wendehälsig agiert, ist das Dilemma der einsam handelnden Tribunen bitter ersichtlich.

Gloger hat aber auch bestens mitgehende Sänger-Darsteller dafür, die er zum besseren Verständnis der Vorgeschichte sowie der dadurch ausgelösten Traumata teils mit Komparsen doubelt. Und er darf auf Chefdirigent Christian Thielemann sowie die Sächsische Staatskapelle vertrauen. Denn im Orchestergraben wird der Grundstein für den uneingeschränkten Erfolg dieser emotional stark anrührenden Produktion gelegt. Grandiose Ausbrüche der Blechbläser, die auf samtige Streicherorgien bauen, ein so satter Sound, dass dem Semperbau glatt der Hut hochgehen könnte.

Musikalisch also ganz große Oper. Das Seelendrama wird durch die Musik transportiert und ergreift ebenso mit kammerspielartiger Zurücknahme des Orchesterapparats. Dann kommen Bedrücktheit und Lebenslust der Protagonisten voll zur Geltung. Der wandlungsfähige Sopran von Maria Agresta, die Boccanegras Tochter gibt, ist so schön anzuhören wie die italienische Darstellerin in dieser zwischen Liebe und Leid zerrissenen Partie anzusehen ist. Ihr Verlobter Adorno kann sentimental sein und zart, kann aber auch aufbrausen und vor Wut kaum zu stoppen sein. Der mexikanische Tenor Ramón Vargas geht selbstbewusst und mit überzeugender Strahlkraft zu Werke. Zu nobler Zurückhaltung ist der Bass Kwangchul Youn als Fiesco verdammt. Der Koreaner stattet diesen Part mit gediegener Grundierung aus und führt auch die Unversöhnlichkeit des Patriziers bis zuletzt würdevoll vor. Durchtrieben hingegen ist der Paolo von Markus Marquardt angelegt. Intrigant gibt er erst den Verführer, dann den Enttäuschten, der aus Verletztheit die Welt in Fetzen reißen mag. Eine Mimikry, die auch stimmlich umgesetzt wird und beweist, was ein kultivierter Bass zu leisten vermag.

Eine so durchweg gediegene Besetzung ist an der Semperoper längst kein Selbstverständnis mehr, es verdient höchsten Respekt, dass auch die vergleichsweise kleineren Partien von Magd und Hauptmann mit Christel Loetzsch und Christopher Kaplan vom Jungen Ensemble des Hauses glänzend besetzt sind, ebenbürtig mit Andreas Bauer als Pietro. Der gewohnt gut präpartierte Staatsopernchor hat sich für „Simon Boccanegra“ spielerisch und sängerisch noch einmal selbst übertroffen (Einstudierung Jörn Hinnerk Andresen).

Und die Titelpartie? Der aus Serbien stammende und seit langem in Deutschland lebende Bariton Zeljko Lucic, der erst 2008 als Rigoletto an der Semperoper debütierte, er hat den Dogen als einen Granden gegeben. Kultiviert die Sprache und der Gesang, erhaben der politische Führer und kompromisslos der liebende Vater – eine Glanzleistung des bekennenden Verdi-Interpreten.

Der Tod Boccanegras sollte kein sinnloses Opfer sein. Er weiß sein Erbe in guten Händen. Aber was werden die Menschenmassen anfangen damit?

  • Termine: 1., 3., 13., 15.6.2014, 10., 16., 19., 25.4.2015

 

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