Verkleidetes Leiden an der Welt


(nmz) -
Verdis „Stiffelio“ an der Oper Frankfurt, eine lohenswerte Wiederentdeckung, meint unser Kritiker Wolf-Dieter Peter. Musikalisch großartig, in der Szene allerdings hektisch rotierend.
03.02.2016 - Von Wolf-Dieter Peter

„Die Tugend stöhnt unter dem Unterdrücker, Jung und Alt werden Sklaven des Lasters, wahrer Wert wird von Gold besiegt, die Gerechtigkeit getäuscht und Menschlichkeit versinkt in einem Meer der Qual/des Frevels“ – eine Beschreibung unserer Welt? Nein, damit haben Giuseppe Verdi und sein Librettist Francesco Piave 1850 – zwei Jahre nach der gescheiterten Revolution von 1848, inmitten von reaktionärer „Heiliger Allianz“ und „Restauration“ – das damalige Publikum konfrontiert. Das nämlich stellt Stiffelio, der mit Lina verheiratete und von ihr betrogene Prediger einer evangelikalen Gemeinde nach Rückkehr von einer Missionsreise fest.

Er wirkt aber auch so, als ob er unter seinem wahren Namen „Rodolfo Müller“ als gescheiterter 48er-Revolutionär im wahren Christentum Schutz und Trost gesucht und gefunden hat. All das war damals der Zensur und weiten Teilen des Publikums „zuviel“: Lauer Beifall, Verstümmelung und Umkostümierung des Werkes als „Guglielmo Wellingrode“ an einigen Opernhäusern… bis Verdi die Partitur verbittert zurückzog und Teile als „Aroldo“ halb erfolgreich umarbeitete. „Stiffelio“ schien verloren, bis nach 1968 Partitur-Kopien, dann Entwürfe sowie Skizzen auftauchten, im Original meisterlich kühne Züge entdeckt und ab den 1990er Jahren durch Aufführungen legitimiert wurden - bis hin zu Placido Domingo an der New Yorker Met.

All dies, aber auch die Problematik des Rachemords am Verführer durch Linas Vater, der zwischen Eifersucht und Vergebung hochmodern zerrissene Stiffelio, die Erschütterung aller durch das Gleichnis von Jesus und der Sünderin – „wer ohne Schuld, der werfe den ersten Stein“ – und die chorgewaltige Finalbotschaft „Perdonata – Verziehen!“ – all das mag die gerne mit Klassikern ins Hier und Heute zielende Oper Frankfurt bewogen haben, uns jetzt mit der Komplexität von Verdis „Stiffelio“ zu konfrontieren.

Da gibt es musikdramatisch schon einen mit ersticktem Piano und explosiven Wutausbrüchen Titelhelden Stiffelio zu bestaunen, wie er erst dreißig Jahre später in Otello wiederkehrt; Linas Verzweiflungsszene auf dem nächtlichen Friedhof weist auf Amelias Galgenbergszene im „Maskenball“ voraus; da klingen geteilte Streicher wie nahe an Aidas Nil-Atmosphäre oder in Falstaffs Elfenwald; da probiert im ariosen Wechsel-Staccato von Lina und Stiffelio der Komponist neue Möglichkeiten des Duetts aus; zwei Septette können mit allen späteren Ensembles mithalten – und schnell nach dem erst anrührenden und dann wuchtigen Verzeihenshymnus geht am Ende der Vorhang zu – der ständig innovationsfreudige Verdi lässt uns ganz modern mit „vielen Fragen offen“ zurück.

All das gelang dem jungen französischen Dirigenten Jérémie Rohrer, dem von Tilman Michael differenziert in atmosphärischen Fernwirkungen und „vollmundiger“ Gemeindefröhlichkeit einstudierten Chor und dem in Holz- und Blechbläsern auch solistisch geforderten Frankfurter Museumsorchester glänzend. Verdis „Stiffelio“ erwies sich als musikdramatische Entdeckung.

Der in Island lebende junge Australier Benedict Andrews ist durch weltweit erfolgreiche Schauspielproduktionen mit Cate Blanchett bekannt geworden und wird nun vermehrt in die Oper geholt. Leider interessierte ihn in „Stiffelio“ – unter Bezugnahme auf August Strindberg und Ingmar Bergman - nur die Ehebruch-Dreieckskonstellation, die er dann noch um einen allzu handgreiflichen Missbrauch zwischen Lina und Vater Stankar „anreicherte“. Nicht genug: in Linas Friedhofbesuch erheben sich lauter tote Frauen symbolistisch und klagen die Ehebrecherin an – und als Vater Stankar nach seinem Rachemord am Verführer dessen blutigen Kopf unter Gekicher im Publikum hereinträgt, liebkost ihn Lina, als ob sie eine Schwester Salomes wäre…

Kontrastierend hat ihm Altmeister Johannes Schütz mit seinem streng stilisierten Bühnenbild ein enges Korsett geliefert: ein durchsichtiges Haus vor einer weißen Wand, aus deren Türen immer wieder die Gemeinde tritt; das Haus hebt sich auf einmal - schief parallel zu der aus dem Gleichgewicht geratenen christlichen Moral und steht dann auch eindrucksvoll als offenes Kreuz senkrecht hoch. Doch scheint Regisseur Andrews schon den heutigen Medienhektikern anzugehören: „horror vacui“, wenn sich nicht alles 30 Sekunden was tut – also rotierte Frankfurts doppelte Drehbühne ständig und gegenläufig – mehr „sprechende“ Personenregie wäre stattdessen zu wünschen.

Dennoch gab es kein Buh, denn inmitten eines exzellent singenden Ensembles gelang Sara Jakubiak ein fein-herbes Lina-Porträt, das Betrug, Reue und liebende Sehnsucht geheimnisvoll vereinte. Doch der farbige Tenor Russell Thomas überragte alles. Er brachte nicht nur das rollendeckend bullige Äußere eines Outcasts der christlichen Bürgerrechtsbewegung mit: sein technisch bestechend geführter Tenor vereinte die Strahlkraft eines prophetischen Charismatikers mit den fahlen Leidenstönen eines Betrogenen, Verdis ersticktes „soffocato“ mit dem hymnischen Leuchten des finalen „Perdonata!“ – faszinierend!

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