Verloren zwischen den Welten: Ludger Vollmers „Gegen die Wand“ in der Jungen Oper Stuttgart
Erzählt wird die Geschichte zweier junger Deutschtürken: Die suizidgefährdete Sibel bittet den alkoholkranken Cahit, mit ihr eine Scheinehe einzugehen. Sie will dadurch den einengenden Moralvorstellungen ihrer Familie entfliehen. Lebenshungrig stürzt sie sich nach der Hochzeit in unzählige Affären. Cahit verliebt sich in sie und tötet im Affekt einen ihrer Exgeliebten. Sibel erkennt ihre Liebe zu Cahit, verspricht, auf ihn zu warten, bis er aus der Haft entlassen wird. Doch in Istanbul beginnt sie ein neues Leben. Cahit bleibt allein.
Vollmers Musik greift den kulturellen Zwiespalt in den Herzen des Paares auf, mischt orientalische Klangmuster mit jenen der westlichen Moderne. Das formidabel aufspielende 20-köpfige Projekt-Orchester unter Leitung von Bernhard Epstein vereint Instrumente aus beiden Kulturen. Omnipräsent ist aber die orientalische Klangwelt, wie sie sich im dunkel-rauhen Flöten-Sound von Kaval und Duduk, im beschwörenden Quäken der Zurna offenbart oder im meditativen Herzschlagwummern türkischer Trommeln, über dem sich Melodien freischweben, die durchzogen sind von östlich inspirierten übermäßigen Sekunden.
Kontrastiert wird das mit feinen, zerbrechlichen Kammermusikklängen, mit großem Operngestus. mit impressionistischen Tönen. Ihre stärksten Momente hat die Musik, wenn sie mit einem Schlag von der einen in die andere Klangwelt switcht, dann oft in harte Klangkulminationen mündet, die an den mitreißenden Drive der West-Side-Story erinnern. Aber Bindemittel der Szenen ist der Rhythmus, und der Operngestus bleibt Zitat. Das geht auf Kosten der Charakterisierung der Protagonisten, die musikalisch unterbelichtet erscheinen.
Regisseur Neco Çelik hat die formalen Probleme der Oper – die sich aus den langen rein instrumentalen Phasen ergeben, in denen sich weder musikalisch noch inhaltlich viel tut – intelligent gelöst. Die Bühne von Rifail Ajdarpasic zeigt einen Alptraum in Weiß: einen hermetischen, sterilen und leeren Raum zwischen Gitterwand, Neonlicht und Kacheln, in den die Klänge des Orchesters hineindringen wie aus einer fremden Welt. Ein Ort, der Irrenanstalt, Krankenhaus und Gefängnis zugleich sein könnte. Die freie Spielfläche bietet viel Platz: Um die Vereinzelung der Individuen darzustellen und um den Projektchor aus 30 schwarz gekleideten Jugendlichen zu bewegen, der seine Sache als tänzerischer und singender Kommentator auch intonatorisch hervorragend macht. Gleiches gilt für Tereza Chyňavová als lebenshungrige Sibel und Ipca Ramanovic als autistischer, verzweifelter Cahit. Für emotionale Momente sorgen auch solistischer Ausdruckstanz (Sonia Santiago) und Breakdance (Onur Yildirim).
Es ist eine tieftraurige Welt, in der sich Sibel und Cahit verloren haben. Eine Zwischenwelt, in der Todesengel lauern, in der sich unerfüllte Sehnsucht in Autoaggression verwandelt, in der individuelle Freiheit Utopie bleibt. Man zerreibt sich zwischen pseudomoralischen, patriarchalen Familienstrukturen und einer erotomanisierten westlichen Gesellschaft. Erst kurz vor Schluss lässt Çelik die Liebenden sich umarmen. Doch da ist es längst zu spät.
Gegen die Wand
Oper von Ludger Vollmer nach dem Film von Fatih Akin
Musikalische Leitung: Bernhard Epstein, Regie: Neco Çelik, Choreographi: Kadir „Amigo“ Memiş, Bühne: Rifail Ajdarpasic, Kostüme: Ariane Isabell Unfried, Dramaturgie: Barbara Tacchini
Mit: Tereza Chyňavová, Ipca Ramanovic, Svetislav Stojanovic, Catherine Cangiano, Trine Øien, Thomas Fleischmann, Carlos Zapien, Sonia Santiago, Sebastian Petrascu, Onur Yildirim, Chor mit Jugendlichen aus Stuttgart und Umgebung
Termine: 14.06., 18.00 Uhr | 15.06., 18.00 Uhr | 17.06., 19.00 Uhr | 19.06., 19.00 Uhr | 23.06., 18.00 Uhr | 24.06., 19.00 Uhr | 26.06., 19.00 Uhr | 29.06., 18.00 Uhr | 01.07., 18.00 Uhr | 02.07., 19.00 Uhr | 05.07., 18.00 Uhr | 06.07., 18.00 Uhr | 09.07., 19.00 Uhr | 10.07., 19.00 Uhr
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