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Alexander Gilman. Foto: Olli Rust
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Vier Kontinente an einem Ort: der Violinist Alexander Gilman und sein Kapstadt-Album

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Während die meisten jungen Violin-Virtuosen sich um Termine bei prominenten Symphonieorchestern mit diskographischer Präsenz in der europäischen Klassikbranche bemühen, hat sich Alexander Gilman, 1982 in Bamberg geboren, zur Republik Südafrika orientiert. Dort hat er mit dem Cape Town Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Perry So aus Hongkong die Violinkonzerte von Samuel Barber und Erich Wolfgang Korngold sowie die Carmen-Fantasie von Franz Waxman und das Thema zum Film "Schindlers Liste" von John Willams aufgenommen. Im Gespräch mit Hans-Dieter Grünefeld erzählt Alexander Gilman über seine Motive für das Kapstadt-Album, das nun bei einem deutschen Label erschienen ist.

nmz-online: Warum haben Sie ausschließlich Repertoire US-amerikanischer Komponisten für dieses Aufnahmeprojekt ausgewählt? 

Alexander Gilman: Diese Werke sind im Kontext der Hollywood Filmindustrie entstanden, für die Waxmann, Korngold und Williams gearbeitet hatten beziehungsweise arbeiten. Aber auch das Konzert von Barber ist von diesem Stil beeinflusst. Obwohl die klassische Moderne zu der Zeit (1941 bis 1947), als diese Musik komponiert wurde, von den revolutionären Klang- und Zeitstrukturen in der Musik von Arnold Schönberg und später John Cage geprägt war, haben sich Barber und Korngold davon durch individuelle Revisionen des romantischen Stils signifikant abgegrenzt. Ich habe das Korngold-Konzert bei einer Tournee 2006 in Deutschland das erste Mal gespielt und mich sofort für diese Musik begeistert. Und es war damals bereits mein Wunsch, es irgendwann aufzunehmen, weil es, ebenso wie das Barber-Konzert, in Deutschland immer noch ziemlich unbekannt ist. In den USA dagegen werden beide Konzerte regelmäßig und oft aufgeführt. Deshalb war mein Ziel, sie für den deutschen Markt zu lancieren und deren Popularität zu steigern. Im übrigen passen diese vier Werke, finde ich, perfekt zueinander. Daher bin ich sehr froh, dass es in dieser Konstellation sehr gut geklappt hat. 

nmz-online: Wenn diese Werke in Europa nicht so bekannt sind, warum haben Sie sich für ein Orchester in Kapstadt entschieden?    

Alexander Gilman: Mein komplett US-amerikanisches Programm ist für einen europäischen Geiger eher unüblich. Außerdem habe ich es mit einem asiatischen Dirigenten aufgenommen, sodass dieses Projekt Personal aus vier Kontinenten an einem Ort zusammen gebracht hat. Mit dem Cape Town Philharmonic Orchestra hatte ich bereits im Jahr 2010 das Barber-Konzert dort aufgeführt und ich war sehr beeindruckt vom exzellenten Niveau der Musiker. Man muss ja ganz deutlich sagen, dass man im Klassikbetrieb auf die Metropolen-Orchester in Europa und auch in den USA fixiert ist, aber wenige daran denken, dass es auch in Südafrika ein hervorragendes Orchester gibt. Davon wurde ich allerdings überzeugt, als ich dort das erste Mal gespielt habe. Deshalb kam ich auf die Idee, dass es für so eine internationale Produktion ganz spannend und unerwartet wäre, nicht nur für mich, sondern auch für die Entwicklung des klassischen CD-Marktes in Deutschland und Europa, nicht mit einem bekannten europäischen Ensemble aufzunehmen, sondern eben mit dem Cape Town Philharmonic Orchestra. Ich meine, die CD bestätigt, dass in der Republik Südafrika klassische Musik auf bestem Niveau geboten wird. Von Bedeutung ist für mich, mit diesem Album darauf hinzuweisen, dass man sich in Zukunft bei Klassikproduktionen mehr auf Länder wie die Republik Südafrika konzentrieren sollte.

nmz-online: Welche Unterschiede gibt es zwischen diesem und europäischen Orchestern oder anderen, mit denen Sie vorher zusammengearbeitet haben?

Alexander Gilman: Jeder hat seinen eigenen Geschmack, was Orchesterklang betrifft. Und natürlich redet man immer über die Charaktere US-amerikanischer oder europäischer Orchester, die über lange Perioden entwickelt wurden. Das Orchester in Kapstadt ist im Vergleich dazu neu, es besteht gerade mal zehn Jahre. Es ist international besetzt. Viele Musiker kommen vom afrikanischen Kontinent, aber auch aus Asien, Amerika und Europa. Deswegen hat es einen jungen, frischen Charakter, der auch davon bestimmt ist, dass die Musiker in Kapstadt einen ganz anderen Lebensstil haben. Sie haben mir erzählt, dass sie vormittags am Strand sind oder surfen und abends auf dem Konzertpodium sind. Ihr Engagement ist nicht so von finanziellen Interessen geprägt - sie bekommen nicht viel Geld für ihre Arbeit und die meisten haben noch Paralleljobs -, sondern von Idealismus. Diese multikulturelle Konstellation bietet dem Orchester sicher die Chance, sich nachhaltig zu entwickeln. Die Unterschiede lassen sich noch nicht so genau beschreiben, aber es ist ein sehr motiviertes und aufstrebendes Orchester.  

nmz-online: Wie waren denn die Aufnahme- und Produktionsbedingungen in Kapstadt? 

Alexander Gilman: Hervorragend, sogar ideal. Wir hatten einen neu gebauten, fantastischen Konzertsaal, einfach perfekt für Aufnahmen. Auch ist die Mentalität dort gelassen, angenehm anders, als man sie aus Europa kennt. Wir konnten von 10 bis 18 Uhr mit ganz großer Ruhe und ohne Zeitdruck proben und aufnehmen, niemand hat auf die Uhr geschaut oder ist demonstrativ aufgestanden. Alle haben wirklich mit großer Freude und viel Spaß gearbeitet, und die Tontechniker waren sehr gut. Und wir hatten tolles Wetter - in Südafrika sind im Dezember  Sommertemperaturen. Doch in Zürich haben wir dann mit meinen eigenen Tonmeistern die Mischung gemacht. Durch diese kollegiale Atmosphäre hatte ich die besten Konditionen, die ich für so eine wichtige Produktion bekommen konnte.

nmz-online: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Album 
Samuel Barber: Violinkonzert op. 14 (1941); Erich Wolfgang Korngold: Violinkonzert op. 35 (1947); Franz Waxman: Carmen-Fantasie (1946); John Williams: Thema aus "Schindlers Liste" (1993)
Alexander Gilman, Violine
The Cape Town Philharmonic Orchestra
Ltg.: Perry So
Oehms Classics 799 (Vertrieb: Naxos)

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