Wer erforscht den Bereich Musikschule und Lehrkräfte? Ein offener Brief zur JeKi-Fachtagung in Essen


(nmz) -
Zwei Fachtagungen luden in jüngster Zeit zur Auseinandersetzung mit dem Großprojekt „Jedem Kind ein Instrument“ in NRW ein. Die nmz berichtete darüber in ihrer Dezember-Ausgabe mit Texten aus Bochum und Essen. Anlässlich der Tagung in Essen, die den Fokus auf das Forschungsprogramm legte, das JeKi begleitet, hat die Essener Musikschulpädagogin Ulrike Tervoort einen offenen Brief verfasst, den wir im folgenden zur Diskussion stellen. Die Autorin fordert unter anderem eine Berücksichtigung der Musikschul- und Lehrkraft-Perspektive innerhalb der Forschungsvorhaben.

An alle Musikschulen des Ruhrgebiets, an die Stiftung Jedem Kind ein Instrument, an das BMBF, an den VDM und LVDM, an die Universität Bielefeld und an alle Musikhochschulen des Landes NRW

Offener Brief zur Unterrichtsforschung innerhalb des Jeki-Projektes und der Situation der Musikschullehrerinnen und -lehrer

Der Auslöser für diesen Brief war die Fachtagung zur Jeki-Forschung am 3. November 2010 in der Essener Philharmonie. Ich verspürte an diesem Tag bei den Vorträgen großes Unbehagen und konnte es zuerst nicht richtig begründen. Es war das Gefühl des Sich-Nicht-Wiederfindens in den meisten Vorträgen.
Nun möchte ich dazu zwei Punkte zu Papier bringen, die zu einer offenen, kontroversen Diskussion führen können und natürlich die Jeki-Forschung bereichern können:

1. Die Forschung aus dem Blickwinkel einer Musikschullehrkraft, die Jeki unterrichtet

2. Die Bezahlung des Musik-/Instrumentalkollegiums in der Forschungsphase und möglicherweise noch danach

Zu 1.
Die Forschung hat als zentrales Forschungsfeld die Grundschule mit ihren Strukturen und deren Schülerinnen und Schüler im Fokus. Die Musikschullehrerinnen und –lehrer kommen lediglich als Befragungspartner vor. Die Veränderung und Neuorganisation der Musikschule mit ihren Strukturen liegt dabei offensichtlich überhaupt nicht im Interessengebiet der Forscher. Dieses ist meiner Meinung nach jedoch dringend notwendig, zumal die Musikschullehrerinnen und –Lehrer vor Ort Jeki unterrichten. Damit sind sie die Gestalter des Projektes, die eine individuelle methodische Ausrichtung gewohnt sind.
Hier schließen sich nun weitere Fragen an:
1. Die Grundschule ist stark von Lehrmaterial und Curricula abhängig. Dagegen ist der VDM-Bildungsplan der Musikschulen eher ein Leitfaden zu einer zielorientierten Musikausbildung.
2. Die Jeki-Lehrerinnen und -Lehrer sind in der Regel in ihrem didaktischen Vorgehen frei, auch die bisher bereitgestellten Jeki-Unterrichtsmaterialen geben nur ganz, ganz vage inhaltliche Ziele vor, wenn diese nicht ganz fehlen. Im Jeki-Instrumentalbereich sind sie sehr niederschwellig ausgerichtet.
3. Der Lehrplan für das Fach Musik in der Grundschule wurde 2003 erneuert. Gerade im Bereich Musikgeschichte und Musiktheorie wurde er viel unverbindlicher als zuvor. Mit Jeki 1 kommt aber gerade wieder eine Verbindlichkeit herein, die musiktheoretische Parameter benennt, um auf den Instrumentalunterricht vorzubereiten.
4. Das Forschungsfeld Musikschule und Jeki-Lehrkraft muss mit in die Forschung einfließen. Hier liegen Erklärungsmöglichkeiten für die zu erwartenden Forschungsergebnisse.
5. Es ist ebenso wichtig, die Jeki-Lehrkraft als Teil der Grundschule zu begreifen, weil sonst das Projekt nicht dauerhaft im Grundschulalltag implementiert werden kann. Ich habe im Moment den Eindruck, dass die Zeit dazu noch nicht reif ist.
6. Die Ziele von Jeki müssen endlich bestimmt werden: Ist es eine allgemeine Musikalisierung oder ist es eine niederschwellige Instrumentalausbildung (im Vergleich zur Musikschule)?
7. Die Verzahnung von Universität, die in der Regel die Lehrkräfte der allgemeinbildenden Schule hervorbringt, und Musikhochschule, die für den Jeki-Instrumentalbereich Spezialisten für eine 1:1 Instrumentalausbildung hervorbringt, muss intensiviert werden. Unter dem Stichwort „Voneinander Lernen“ liegt meiner Meinung nach noch viel brach.
8. Die methodisch-didaktischen Veränderungen, die sich ggf. aus der Forschung ergeben, sind für die Musikschullehrkräfte am wichtigsten!!!!
Hierzu müssen z. B. auch die Forscher lernen, bei Workshops zur Präsentation von Zwischenergebnissen nicht nur die beteiligten Grundschulen einzuladen, sondern auch die Musikschulen (wie beim Workshop am 29.11. in der VHS Essen, wo die Folkwang Musikschule Essen nicht eingeladen wurde).

Zu 2.
Es ist zwar erstmals gelungen, ein Programm, welches sich in seiner Didaktik und Methodik noch nicht gefunden hat, von Anfang an zu beforschen. Doch diejenigen, die ihr Know-How, ihre Kreativität für das Projekt eingebracht haben, finden bei all den Millionen, die investiert werden, keine adäquate Beachtung und Anerkennung. Unser Berufsstand fällt unter den Tisch!!
Durch die Tatsache, dass wir Jeki-Lehrkräfte mit den dazugehörigen Musikschulen vergessen werden, mache ich hier noch einmal darauf aufmerksam, dass wir auch in einer angemesseneren Bezahlung vergessen werden.
Das Reisen von Schule zu Schule muss als Dienstzeit selbstverständlich anerkannt werden! Fortbildungen müssen während der Dienstzeit besucht werden können! Der Schlüssel für Zusammenhangstätigkeit muss neu berechnet werden! Da die derzeitige Bezahlung von TVÖD E 9 nicht üppig ist, die Verträge in der Regel für neu eingestellte Lehrkräfte befristet sind, muss ich feststellen, dass wir die Hartz IV- Empfänger des Projektes Jeki sind.
Ich fühle mich ausgenutzt, weil noch nicht einmal darüber nachgedacht wird, die Stunden, die ich im Jeki-Bereich (1. Schuljahr) unterrichte, in der Bezahlung einer Grundschullehrkraft gleichzustellen.

Die Politik verfolgt große Ziele mit dem Projekt Jeki und wünscht sich, dass sich die Bildungslandschaft ändert. Ich bin dazu bereit das Jeki-Projekt mit zu gestalten und damit möglicherweise eine Teilhabe an dieser Veränderung zu sein.

Ich fordere eine zusätzliche, angemessene Forschung für die Musikschulen und deren Lehrkräfte sowie eine adäquate Bezahlung für den Einsatz, den wir in den Grundschulen leisten.

Dr. Ulrike Tervoort
Folkwang Musikschule Essen
Thea-Leymann-Str. 23
45 127 Essen
0201-8844034
ulrike.tervoort@fms.essen.de

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