Wie die Wut klingt – James Rhodes auf der lit.COLOGNE


(nmz) -
Da sitzt dieser Wuschelkopf und schaut uns aus großen Brillengläsern an. Etwas scheu, etwas überrascht, etwas ratlos. Und genauso schauen wir zurück auf dieses, sagt man in Köln: schmale Hemd. Das soll dieser Typ sein mit dieser unglaublichen Geschichte? Der mit seinem Buch jetzt allerorten von sich Reden macht? Mit diesem Beruf, der den meisten der Anwesenden im vollbesetzten Schauspielhaus wohl ebenso abenteuerlich vorkommen musste wie Astronaut oder Kampfschwimmer.
13.03.2016 - Von Georg Beck

James Rhodes ist wahrscheinlich von jedem ein bisschen. Nur als Konzertpianist, der er ist, will er partout nicht hineinpassen in die Bilder, die wir uns gemacht haben von Leuten, die auf Podien treten und atemberaubende, nicht selten unverständlich bleibende Musikstücke spielen. Was James Rhodes auch macht, nur, dass er in seinem verwaschenen T-Shirt mit dem lachenden Tigerkopf drauf, der verwaschenen Jeans und den Turnschuhen irgendwie doch aus der Titanen-Konzertpianisten-Welt herausgefallen scheint.

Neben ihm sitzt Bernhard Robben, von Berufs wegen Übersetzer und damit Einfühler in andere Ichs, in andere Welten. Auch für den jungenhaften Sonderling James Rhodes findet Robben im Großen und Ganzen richtige Worte, richtige Fragen. Und er fragt auch danach, was wir nicht sehen können. Nach den Tatoos beispielsweise, die sich der Künstler auf die Unterarme hat anbringen lassen. Eines soll auf „Rachmaninow“ lauten. Nur wisse er nicht, sagt Rhodes, ob das auch stimmt. Kyrillisch verstehe er nämlich nicht. Also könne da vielleicht auch „Richard Clayderman“ stehen. Deftiger Tritt gegen ein Kollegen-Schienbein, womit schlagartig klar wird, dass dieser britische Wuschelkopf voll des sprichwörtlichen Humors seiner Landsleute ist. Und auch deren Understatement pflegt bis in die informelle Gewandung. Apropos. An dieser Stelle irrte Übersetzer Robben als er sich, im Übrigen mit Zustimmung seines Gesprächspartners, über ritualisierte Verkehrs­formen im klassischen Musikbetrieb zu mokieren meinte. Dabei sind T-Shirt mit Tigerkopf, Jeans, Turnschuhe für einen Menschen wie James Robben mit dieser Wunde im Lebenslauf doch die absolut richtige und angemessene Konzertober­bekleidung. Mehr Understatement geht nicht. Und zweitens: Deutlicher als auf diese Weise zu zeigen, dass die Musik das Wichtigste und Heiligste auf der ganzen Welt und das Gegengift par excellence ist, geht auch nicht.

Womit wir bei jener zum Himmel schreienden Geschichte wären, die James Rhodes irgendwann aufgeschrieben hat. Irgendwann? So ziemlich exakt 30 Jahre nach dem Vorfall. Letzterer liegt in seiner Kindheit, seiner Schulzeit. Da nämlich hat sich irgendein Arsch an ihn herangemacht. Zwischen Rhode's sechstem und zehnten Lebensjahr gab es diesen Mr. „Lee“. So wie es für Billie Holiday einen Mr. „Dick“ gab. Die Passagen, die an diesem Abend aus Rhodes' Passionsgeschichte vorgetragen werden, sind von einer drastischen Plastizität, dass alle im Saal betroffen schweigen. Hinterher versichert Rhodes, er habe beileibe nicht alles niedergeschrieben. Wobei das natürlich schon reichte: Die Ungeheuerlichkeit der Tat, das Schweigekartell Täter-Opfer und dann, als das Opfer sich entschlossen hatte, doch zu reden, die beinahe verhinderte Veröffentlichung. Über Jahre nämlich, erfuhren wir, habe Rhodes mit Anwälten zu tun gehabt, die ihm die Publikation von „Klang der Wut“ streitig machen wollten. Erst im Mai letzten Jahres habe das Oberste Gericht in England alle Einwände gegen die Publikation abgeschmettert.

Man kann sich retten, war die Botschaft

Gerade war man noch dabei, dieses unsägliche Puzzle im Kopf zusammenzusetzen, als derselbe Rhodes aufstand, die Brille ab-, am Flügel Platz nahm und uns das Stück spielte, das er mit acht Jahren zuerst gehört hatte. Auf einer dieser wie die Dinosaurier ausgestorbenen Musikkassette seligen Angedenkens. Für den angehenden Pianisten Rhodes war es das Stück, das im kleinen James etwas zum Klingen gebracht hat. Etwas, das es ihm möglich gemacht hat, der Erniedrigung, der Demütigung eine andere Welt entgegenzusetzen: Die Bach-Chaconne d-Moll in der Busoni-Fassung. Man kann sich retten, war die Botschaft. Und genau so spielte James Rhodes das Stück auch bei dieser bewegenden Buchpräsentation. In jeder Fortschreitung, in jeder Modulation, in den Forte- wie in den Piano-Passagen mit dieser Haltung: Hallo Leute, das ist das, was ich sage, das ist das, was ich meine und das ist das, was ich fühle. Und wir alle hatten auf einmal das Gefühl, genau so ist es richtig.

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