Wie klingt innere Emigration? Eine Braunfels-Sinfonie in der Berliner Philharmonie
Nachdem Braunfels vom Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer als Hochschulleiter wieder eingesetzt war und auch sein Streichquintett in Köln zur Uraufführung kam, bat der Dirigent Eugen Jochum der Komponisten um eine Streichorchesterfassung. Die zugesagte Sinfonie für Streicher in fis bleib jedoch unvollendet. Braunfels’ Schüler Frithjof Haas führte die Partitur als Opus 63a zu Ende. In dieser Form war die Sinfonie für Streicher nun, – im Gedenkjahr des 55. Todestages von Walter Braunfels – in der Berliner Philharmonie zu erleben.
Nach einer Einspielübung mit der Sinfonie Nr. 12 g-Moll des 200-jährigen Geburtstagskindes Felix Mendelssohn Bartholdy, ließ die Berliner Kammersymphonie quasi im Nachgang zum 100. Geburtstag von Lars-Erik Larsson (1908–1986) dessen Konzert für Saxophon und Streichorchester op. 14. erklingen, ein Werk, das Dirigent Jürgen Bruns mit dem Ensemble im Vorjahr auch für CD eingespielt hat. Hier wie dort exerzierte Frank Lunte den exzessiven Solopart des Altsaxophons in der frei tonalen, sich aber letztlich doch auf tonal sicheres Terrain zurückbegebenden Komposition des schwedischen Alban Berg-Schülers.
Den zweiten Teil des Konzerts aber bildete Braunfels’ weiträumig ausgiebige Komposition. Der Personalstil des späten Braunfels ist in der Partitur unverkennbar, auch die Verwandtschaft zu der im Vorjahr an der Deutschen Oper Berlin spät, aber triumphal uraufgeführten Oper „Jeanne d’Arc – Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna“. In der Spätromantik wurzelnd, Hans Pfitzners Tonsprache eher verwandt als der von Kurt Weill, mit der ganzen Palette des in Tönen plastisch gestaltenden, über vielfältige Praktiken verfügenden Künstlers, scheint diese Komposition durchaus eine Vielzahl ungeschriebener programmatischer Gedanken zu verarbeiten.
Braunfels’ kompositorische Konzentrationsübung ohne jede Aussicht auf eine Aufführung erwacht unter Jürgen Bruns’ Leitung zu einem quirligen Bild dramatisch plastischer Miniaturen. Bereits im eröffnenden Allegro-Satz folgt das Wechselspiel von Soloinstrumenten mit chorischen Passagen merklich einer inneren Dramaturgie leidenschaftlicher Expressionen. Im melancholischen Schweben des Adagio-Satzes treibt doch ein innerer Drang immer weiter voran. Das hoffmanneske Scherzo („Vivace energico“) gemahnt an Braunfels’ frühe Oper „Prinzessin Brambilla“, setzt auf Brüche, retardiert und springt vorwärts, und collagiert Lautmalerisches mit visionären Kantilenen. Dem setzt das Finale noch eins drauf, synkopisch ausgelassen, melismatisch versponnen, vertrackt und herrlich verrückt. Am Ende ist es, als übten freiheitliche Gedanken einen gemeinsamen Flugstart, – sie flattern aufgeregt, wie die Vögel in Braunfels’ gleichnamiger, populärster Oper.
Das auf solche Weise zur Sinfonie und damit auch äußerlich zur größeren Form erweiterte Streichquintett von Walter Braunfels erweist sich als ein vielschichtig stimmungsvolles Bild aus der Seele eines zum Schweigen verurteilen Komponisten.
Tags in diesem Artikel
Ähnliche Artikel
29.03.2009 - Peter P. Pachl
18.11.2008 - Peter P. Pachl
19.12.2008 - Peter P. Pachl
19.01.2009 - Peter P. Pachl
10.04.2009 - Peter P. Pachl
24.06.2009 - Isabel Herzfeld
13.10.2009 - Peter P. Pachl


Kommentar hinzufügen