Absolute Beginners 2019/07

Die 5 schlechtesten Gründe, warum man ein Kompositionsstudium beginnt:


(nmz) -
In dieser Ausgabe widmet sich Moritz Eggert der Frage: Gibt es Gründe, die denkbar schlecht sind, ein Kompositionsstudium zu beginnen? Ja, meint er und zählt fünf schlechte Gründe auf.
Ein Artikel von Moritz Eggert

5. Ich will ein neuer Beethoven/Mozart/et cetera werden.
Auch wenn jeder Künstler eine gewisse Form von Hybris und Selbstliebe braucht (warum sollte man sonst so vermessen sein zu erwarten, dass andere die eigene Musik aufführen), sollte man doch extrem vorsichtig sein, Erfolgsmodelle der Vergangenheit auf die Gegenwart zu übertragen. Erst lange nach der Erfindung der Notenschrift gab es wirklich eine Anerkennung musikalischer Schöpfer (und noch viel später von Schöpferinnen), und unser heutiges Bild von klassischen Komponisten als halb mit dem Kopf in einer anderen Welt befindlichen Genies ist fast ausschließlich vom Bürgertum des 19. Jahrhunderts geprägt. Bach wäre heute mit dem selben Talent vielleicht frustrierter Kirchenmusiker, Mozart erfolgloser Musicalkomponist, Chopin ein Barpianist … Was ein „erfolgreicher“ Komponist in der Zukunft sein wird, wird sich erst noch erweisen. Gestaltet es mit eurer Persönlichkeit mit!

4. Ich will „kreativ” sein.
„Kreativ“ sein ist etwas Schönes, aber wir brauchen keine Künstler, die Kreativität als Selbstzweck begreifen, nicht wirklich etwas Relevantes für andere Menschen zu sagen haben und dennoch erwarten, dafür verehrt und mit Aufträgen überhäuft zu werden. Wer wirklich Komponist ist, kann nicht anders, und muss auch komponieren, wenn damit kein unmittelbarer Erfolg verbunden ist, muss es auch, wenn es eine Qual ist und nicht im geringsten Spaß macht. Diesen Ernst begreifen viele vor einem Kompositionsstudium nicht wirklich und sehen ihre Berufswahl eher als Lifestyle-Entscheidung für ein „kreatives“ Leben. Diese Studenten kommen dann ins Stocken, wenn sie nicht im „flow“ sind oder die Arbeit hart wird. Macht lieber etwas anderes!

3. Ich will reich und berühmt werden.
Die Chancen, als Komponist „ernster Musik“ reich zu werden sind so gering, dass es vielleicht klüger wäre, gleich Lotto zu spielen. Komponisten, die mit Jingles oder Filmmusik viel Geld verdienen, gibt es, aber wie viele Menschen können schon aus dem Stegreif sagen, wer die Musik für die neue Coca-Cola-Werbung oder sogar den letzten „Avengers“-Film geschrieben hat? Ruhm sieht anders aus und ist ohnehin ein flüchtiges Phänomen, das immer den schlechtesten Grund für eine künstlerische Betätigung darstellt. Vergesst eure Eitelkeit, denn selbst wenn ihr berühmt wäret, wäret ihr keineswegs glücklicher als jetzt, eher das Gegenteil. Sucht lieber die Freiheit, eure musikalischen Ideen so zu realisieren, dass euch möglichst wenige hineinreden. Das macht euch glücklich und kann dann auch Hörer glücklich machen.

2. Ich hatte nichts Besseres zu tun.
Ja, auch diesen Grund gibt es. Musikstudenten, die noch ein bisschen weiterstudieren wollen, um mal „kreativer“ zu sein, und dann im Fach Komposition landen. Sie müssen nicht wirklich komponieren, wollen auch nicht wirklich Komponisten sein, wollen aber ein bisschen was darüber lernen, weil es „vielleicht“ etwas für sie sein könnte. Als Kompositionslehrer möchte ich nicht für ein solches „Experiment“ missbraucht werden – man könnte sich ja schon vorher darüber informieren, ob ein solches Studium etwas für einen ist, und es lieber gleich lassen, wenn es einem nicht liegt. Es nur einmal „probieren“ zu wollen, reicht nicht als Motivation für ein Kompositionsstudium, man muss sich voll und ganz in dieses Abenteuer stürzen.

1. Meine Eltern wünschten es sich.
Immer wieder erlebe ich dieselbe Situation – aufgeregte Eltern sprechen bei mir vor, die ihre in ihren Augen hochbegabten Sprösslinge („er/sie hat schon ein eigenes Klavierstück komponiert! Und das fast ohne Hilfe! Unser Klavierlehrer sagt, er/sie sei begabt!“) vorführen und sie für den nächsten Mozart halten. Wenn man mit den Kindern (die für die Überschätzung ihrer Eltern zwar nichts können, aber durch diese vergiftet sind) alleine sprechen will, antwortet stets die Mutter/der Vater, aber nie das Kind selber, denn das Kind macht das alles nur mit, weil es dann mehr geliebt wird, nicht etwa aus eigenem Antrieb. Komposition sollte man aber auch als Jungstudent nur dann studieren, wenn man es wirklich muss und von ganzem Herzen will, eine Entscheidung, die man meistens erst als Erwachsener wirklich treffen kann. Es gibt einige wenige Wunderkinder in der Musikgeschichte, aus denen tatsächlich etwas wurde, die meisten scheiterten unglücklich an den in sie gesetzten Erwartungen. Darum prüfe gut, wer sich ewig diesem Beruf verschreibt!

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